Hausputz im Storchennest

Isny ist zum Paradies für Störche geworden

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Storchennest auf dem Isnyer Rathauskamin wurde in 35 Metern über dem Boden gereinigt

Isny – Die Gelegenheit war günstig: Die Bewohner waren ausgeflogen, der Himmel über der Stadt grau, aber trocken.

Und der riesige Spezialkran kam pünktlich. In einer spektakulären Aktion haben die Isnyer Storchen-Freunde ein gutes Dutzend Nester von den Hinterlassenschaften des Sommers befreit. 

Ulli Marusczcak, Suse Bobke und Erhard Bolender stehen zu Füßen des Rathauses und schauen nach oben: „Da wohnen Urs und Ursula, unsere beiden Rathaus-Störche, fast 35 Meter über dem Pflaster der Wassertorstraße!“ Die Drei haben Gummihandschuhe an, scharfe Grabkrallen in der Hand und jede Menge grauer Abfallsäcke dabei. Gleich gehen sie in die Luft, schweben im Arbeitskorb eines extra aus Oberschwaben angeforderten Spezialkrans lautlos nach oben. „Sind Sie schwindelfrei?“, fragt Bolender. Zu spät. Am Fenster des Bürgermeisterbüros vorbei schwenken wir über das steile Dach des Rathauses hinauf zum Kamin. 

Die Schaulustigen unten in der Fußgängerzone sind klein wie Spielzeugfiguren, der Blick ist phantastisch: die Türme der Altstadt, die von den Störchen so geschätzten Feuchtwiesen rundherum, der Schwarze Grat und in der Ferne die Alpen. Urs, der in der Schweiz geschlüpfte Liebling der Isnyer, und seine Ursula, sie haben es gut getroffen, da oben über den Dächern der Stadt. An diesem Vormittag sind die beiden Vögel unterwegs, auf Futtersuche am Ziegelstadel: „Ihr Lieblingsplätzchen“, weiß Marusczcak, „da finden sie Mäuse, Maulwurfsgrillen, Frösche“. Den unverdaulichen Rest der Leckereien sehen wir am Rand des Storchennestes: kleine runde Gewölle-Bällchen, von Urs und Ursula ausgewürgt und säuberlich abgelegt. 

„Unsere Höhenanzeige misst jetzt 33,5 Meter“, meldet unser Kranführer. Die Drei legen los, lockern mit ihren Krallen die bretthart zusammengedrückten Blätter, Grasbüschel und Reisig, die die mutmaßlich höchstgelegene Nistplattform deutscher Weißstörche bilden. „Dieses Nest hier liegt auf 700 Metern über Meereshöhe, eigentlich ungeeignet für Störche“, erklärt Ulli Marusczcak. Normalerweise zu kalt, zu naß, zu windig. Nicht so in Isny: Hier fühlen sich immer mehr der prächtigen Großvögel wohl, seit 2000 kommen jedes Jahr neue Paare dazu. Heuer waren es 15 Paare, die 30 Jungstörche ausgebrütet haben. Überlebt haben nur neun von ihnen: „Die Schafskälte hat ihnen den Garaus gemacht“, sagt Marusczcak traurig. Die Eisheiligen sind auch so eine Klippe, die die Kleinen oft nicht hinter sich bringen. 

„Wenn die Jungstörche bei Kälte und Nässe schon zu groß sind, um unter das Gefieder der Eltern schlüpfen zu können“, weiß Bolender, „dann sterben sie an Unterkühlung“. Ihm wird nicht kalt, die Masse im Nest auf dem Rathauskamin ist schwer zu knacken, im Handumdrehen sind die Abfallsäcke voll, die erste Fuhre schwebt nach unten, gleich geht die Fahrt nochmal in die Höhe. Der herbstliche Nestputz nimmt viel Gewicht vom wagenradgroßen Gestell und er verhindert, da die Nistplattform im kommenden Frühjahr unter Wasser steht. Der Kraneinsatz wird durch Spenden finanziert und von zahlreichen Zuschauern interessiert beobachtet. „Unsere Störche gehören längst zu Isny“, sagt Marusczcak, „sie sind eine Attraktion für Touristen“. Urs, der Schweizer, bleibt gelassen. Er verbringt den Winter mit Ursula voraussichtlich in Isny, an irgendeinem Gewässer, da ist es wärmer als oben auf dem zugigen Rathausdach. Nur bei extremer Kälte werden die Beiden für ein paar Tage an den Bodensee fliegen. Und gegen Ende Februar werden sie wieder ihr frisch geputztes Nest beziehen, im Storchenparadies Isny. 

Lutz Bäucker

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