Lactose-, Histaminintoleranz, Fructosemalabsorption & Co.

"Wenn Essen krank macht" 

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Dr. oec. troph Silke Bauer klärte zum Thema Nahrungsmittelunverträglichkeiten auf.

Isny – Kribbeln, Schwellungen, Fließschnupfen, Juckreiz, Hautausschläge, Durchfall.... und das direkt oder auch zeitverzögert nach dem Essen? Kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? Dann gehören Sie vielleicht zum wachsenden Kreis derer, die von Nahrungsmittelunverträglichkeit oder

-allergie betroffen sind. Wohlgemerkt: möglicherweise! Denn die Oecothrophologin Dr. Silke Bauer warnt vor Selbstdiagnose und empfiehlt zur Abklärung eines Verdachts zur Austestung unbedingt den Gang zum Arzt, dem Blutuntersuchungen, Hauttests, Eliminations-, Diät- und Provokationstests eine Diagnose zur Verfügung stünden.

Stoffwechselstörungen standen im Fokus der 40. Isnyer Fortbildungstage für Pharmazeutisch Technische Assistentinnen (PTA) der Naturwissenschatlich-Technischen Akademie (nta) Isny Anfang dieser Woche. Mit dem Thema Lebensmittelunverträglichkeiten (LMU), wozu sowohl allergisch als auch nicht-allergisch bedingte, nachteilige Körperreaktionen nach Verzehr von Lebensmitteln gezählt werden, gab Bauer den Auftakt im mit 250 TeilnehmerInnen proppenvollen Kurhaussaal.

Leider gebe es zum Thema „viele unreflektierte“ Berichte in den Medien sowie Tipps in Internetforen, die für Verunsicherung sorgten. Zudem sei das Thema insgesamt „schwierig zu fassen“ und deshalb oft unberechtigterweise von Einbildung die Rede, während eine LMU für Betroffene schmerzhaft und häufig mit sozialem Rückzug verbunden sei.

Skeptisch sah sie „die vielen Ernährungstrends“ von Paleo-Kost über glutenfrei bis vegan, oft aus einem subjektiven Empfinden heraus sich damit besser zu fühlen. Bei Verzicht auf bestimmte Lebensmittel über einen langen Zeitraum könne es aber zu Mangelerscheinungen kommen. Und sie machte deutlich, „dass es keine Diät aus der Schublade gibt“. Besonders Kinderärzte würden deshalb „eindringlich vor diesem ‚Diäten-Hype’“ bei einem selbstdiagnostizierten Verdacht auf LMU warnen. Wenigstens haben die Lebensmittel „mit besonderer Kennzeichnung“ laut Bauer keine gesundheitlichen Risiken, „aber auch keinen Mehrwert“ und seien vor allem eines, nämlich teuer.

Wie kommt es zu einer LMU?

Da spielen, so Bauer, neben der Vererbung, Ernährungsgewohnheiten – „zu viel“, Fertigprodukte statt Frischkost, Fruchtsaft statt Obst –, „mangelndes Training des Immunsystems“, Umweltbedingungen wie chemische Stoffe im Alltag, ungünstige Wohnbedingungen (Stichwort Schimmel), die verlängerte Pollensaison durch den Klimawandel aber auch die Psyche eine Rolle. Damit die zu meidenden Allergene in Lebensmitteln schneller erkannt werden können, müssen seit Dezember 2014 die 14 Hauptallergene, u.a. Schalenfrüchte, Sellerie, Soja, Lupinen, glutenhaltige Getreide, Weich- und Krebstiere, Sulfite in den Zutatenlisten verpackter Lebensmittel optisch hervorgehoben werden, für unverpackte Lebensmittel gilt eine Informationspflicht und eine schriftliche Dokumentationspflicht in der Gastronomie. Da manche der Allergene durch erhitzen oder andere Zubereitungsarten inaktiviert werden, können sie, so Bauer, auch von Allergikern vertragen werden, z.B. Äpfel, wenn sie geschält oder gekocht sind. Dennoch sei Vorsicht geboten, berichtete sie von einem Fall, bei dem rohe Kartoffeln schon beim Schälen Symptome auslösten, gekocht verzehrt aber kein Problem seien.

Verbreitet sind laut Bauer auch sogenannte Kreuzallergien, d.h. Betroffene sind ursprünglich gegen Pollen, Hausstaub oder Latex allergisch, reagieren aber ebenso auf „botanisch verwandte“ Stoffe.

Die Unterschiede der LMU

Eine „immunologische Reaktion“ ist für die im Volksmund als Lebensmittelallergie bezeichnete allergische LMU verantwortlich; auf ein eigentlich „harmloses Eiweiß“, also Protein, in pflanzlichen oder tierischen Produkten – nicht zu verwechseln mit einer Zöliakie, die auf einer Entzündung der Dünndarmschleimhaut beruht und ausschließlich von einem Gastroenterologen diagnostiziert werden könne. Es müsse auf jeden Fall immer ernst genommen werden, wenn jemand sage, dass er eine Allergie habe, da oft schon die kleinste Menge – wie die oftmals auf Verpackungen angegeben „Spuren von“, die enthalten sein können – für eine Körperreaktion ausreichend seien; die gefährlichste: der anaphylaktische Schock (unwahrscheinlich bei einer nicht-allergisch bedingten LMU). Leider werde das Setzen einer Adrenalin-Injektion als Notfall-Gegenmaßnahme „oft nicht erlernt“.

Zu den deutlich häufigeren nicht-allergisch bedingten LMU („Unverträglichkeit“) zählen Reaktionen auf Zusatzstoffe, Salicylate und Aromastoffe, Malabsorption (schlecht Aufnahme)zum Beispiel von Fructose und Enzymdefekte (u.a. Lactose und Histamin).

Bei der Lactose-Unverträglichkeit spaltet das Enzym Lactase die als Zweifachzucker vorliegende Lactose in Glucose und Galaktose, um sie für den Dünndarm verdaulich zu machen. Passiert das nicht, landet die Lactose ungespalten im Dickdarm und führt zu Bauchschmerzen, Blähungen, Übelkeit und Durchfall. Durch die meist „mangelnde Darmpflege“ nimmt, so Bauer, die „individuelle Toleranzschwelle“ (sie kann über eine Drei-Stufen-Ernährungstherapie und eine Karenzphase ermittelt werden) ab. Im Alter nimmt zudem die Lactase ab. Auch bei Unverträglichkeit werde allerdings in den meisten Fällen bis zu zehn Gramm Lactose pro Tag vertragen, bei fünf Gramm pro 100 Milliliter seien also zwei Tassen Cappucino drin. Vertragen würden auch Hartkäse (er enthält ab einer Reifezeit von drei Monaten keine Lactose mehr), Butter, meist auch Joghurt. In lactosefreier Milch sei der Zucker bereits in der gespaltener Form vorhanden. Problematisch wird es aber laut Bauer vor allem dann, wenn Milcheiweiß nicht in der Zutatenliste aufgeführt werden muss, wie zum Beispiel dann, wenn er als „Trägerstoff“ in Fruchtsäften ist.

Mehr als circa 40 Gramm Fructose kann der Dünndarm selbst eines gesunden Menschen nicht verarbeiten, wie Bauer erklärte, bei einer Fructosemalabsorption (FM) noch weniger. Gelangt der nicht resorbierte Fruchtzucker in den Dickdarm, kann es durch den dort entstehenden Vergärungsprozess zu Symptomen von Durchfall bis Reizbarkeit, Kopfschmerzen oder auch Schlafstörungen kommen. Meist geht mit der FM auch eine gestörte Resorption von Sorbit einher. Vorsicht sei unter anderem geboten bei Smoothies – in denen sei meist viel Apfelsaft mit hohem Fructosegehalt-, Säften, aber auch Süßungsmitteln wie Apfeldick- oder Agavensaft (als gute Alternative nannte Bauer Reissirup). Noch ein Tipp der Oecotrophologin: In Verbindung mit Fett „wird Fructose langsamer resorbiert“, also lieber Erdbeerquark als Erdbeeren pur.

Bei der vielgesichtigen Histaminintoleranz (HI) ist der Histaminabbau blockiert, sodass besonders histaminreiche Lebensmittel kritisch sein können. Diese würden in der Regel „kräftig“ schmecken, seien fermentiert und lange gereift, wie „geräucherte Wurstwaren“, stark gereifter Käse, Sauerkraut, sehr reife Bananen, Kakao, aber auch Rotwein oder Tomaten. Im Notfall – die Symptome reichen von Hautveränderungen bis zu erhöhtem Pulsschlag – hilft laut Bauer beispielsweise die Einnahme von Antihistaminika. Allerdings, verdeutlichte die Fachfrau auch, dass „nicht nur der Histamingehalt der Lebensmittel entscheidend sind“, sondern ebenso die Zusatzstoffe. Generell empfahl sie eine Darmsanierung als „immer sinnvoll“.

Empfohlene Informationsquellen: www.allergieinformationsdienst.de, www.bzfe.de, www.dge.de, www.ernaehrung.de

Christine Tröger

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