Ein Jahr sammelt Selina Kettner Erfahrung in Westafrika

75 Jahre "Paroisse Ste. Thérèse de l’Enfant-Jesus de Duékoué"

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Selina mit einem der Foyermädchen.

"Das große Ereignis dieses Monats war das 75-jährige Jubiläum unserer Gemeinde Ste. Thérèse de l’Enfant-Jesus. Seit Wochen wurde daraufhin gefiebert und alles vorbereitet.

Im Fernsehen lief sogar eine Werbung dafür. Chöre, Tanzgruppen und eine Blaskapelle (die am Anfang wirklich schief gespielt hat, wir aber jeden Tag beim Abendessen hören mussten) haben geübt, und das ganze Gelände wurde renoviert und verschönert. Beim Eingang wurde Stück für Stück geteert, der Rest mit recycelten Kautschuk ausgelegt – hierfür mussten die armen Arbeiter sogar noch eine Nachtschicht einlegen, weil sie vorher zu langsam gearbeitet hatten. Die Wände außen wurden bemalt und für ein Bild von Don Bosco und Ste. Thérèse kam sogar ein Künstler aus Abidjan. Auch die Kirche wurde von innen und von außen renoviert und von freiwilligen Gemeindemitgliedern geputzt. Da das alles ziemlich teuer ist, wurde in den letzten Messen zusätzlich zur Kollekte am Ende nochmal Geld gesammelt. Zwei Frauen hielten dafür ein Tuch vorne auf und wirklich viele Menschen sind nach vorne geströmt, um etwas beizutragen.

Am Donnerstagabend wurde zum Auftakt mit einer Messe der Tag der Ste. Thérèse gefeiert. War eine ganz normale Messe; bis am Ende über das Jubiläum geredet wurde:

Man sollte seinem Nebenmann „bonne fête“ („schöne Feier“) wünschen. Irgendwann hat dann jemand angefangen, das rumzuschreien und alle haben mitgemacht. Kurzerhand hat die besagte Blaskapelle eingesetzt und voll Stimmung gemacht. Alle haben gejubelt und angefangen zu tanzen. Daran hab ich echt gemerkt, dass ich mich in Afrika befinde. Das Vorurteil von den tanzenden und singenden Afrikanern stimmt halt doch. Das war echt cool. Von der Freude wurde ich total mitgerissen. Man ist gar nicht mehr aus dem Jubeln rausgekommen. Man hat sich gefreut, dass am Sonntag das Fernsehen kommt, dass „Révolution“ am Samstagabend ein Konzert wegen des Jubiläums gibt und als Sr. Thérèse wegen ihres Namenstags zum Altar vorgerufen wurde, wurde sie gefeiert. Die Blaskapelle hat wieder eingesetzt und alle sind tanzend aus der Kirche geströmt, wo das „bonne fête“-wünschen weiter ging.

Am Freitag fand im Centre Culturel eine Veranstaltung statt. Mit Moderation wurde durch verschiedene Aufführungen geleitet. Mehrere Chöre und Gesangsgruppen traten auf, es wurden Tänze aufgeführt und es gab sogar einen Tanzwettbewerb für Kinder. Hier kann wirklich jeder tanzen. Sogar die Kleinsten und auch die Männer können richtig mit der Hüfte wackeln.

Die Stimmung war wieder super. Viele sind von den Plätzen aufgestanden um zu tanzen, ein paar sind sogar auf die Bühne. So auch Père Cyprien, der dafür ganz viel Jubel geerntet hat. Als für etwa eine viertel Stunde kein Mikro mehr ging, wurde einfach zusammen gesungen. Ach diese Freude ist so schön.

Der nächste Tag startete für meine Mitvolontäre Nora und Benedikt sehr früh. Sie hatten sich für den Crosslauf im Rahmen des Jubiläums angemeldet. Um 6 Uhr schon trafen sich alle Läufer, da es später zu heiß werden würde. Am Ziel habe ich mit unseren zwei Aspirantinnen auf alle gewartet. Es haben wirklich einige mitgemacht. Ich fand’s erstaunlich, wie viele barfuß oder in Flip Flops gerannt sind. Denen müssen doch echt die Füße weh getan haben. Aber ja, so geht’s halt auch. Nora hat tatsächlich den ersten Platz belegt, weil ihre zwei Gegnerinnen anscheinend nach 100 Metern schon eingebrochen sind. Ich weiß immer noch nicht genau warum, aber begleitet von einer Eskorte kam sie dann strahlend ins Ziel gerannt. Benedikt wurde guter Achter bei den Männern. Ich bin schon stolz auf meine Kollegen.

Am Abend haben wir das Konzert für das Jubiläum auf dem Place Publique mit unseren Foyermädchen besucht. Am Anfang trat eine Gruppe mit drei Sängerinnen auf. Die waren echt nicht schlecht – wenn sie mal gesungen haben. Zwischen jedem Lied haben sie etwa zehn Minuten irgendetwas diskutiert, sodass irgendwie die Stimmung immer wieder kaputt war. Laut meiner Vorgängerin Franzi anscheinend typisch. Irgendwann hat dann der Moderator übernommen und sich selbst etwa eine halbe Stunde gefeiert. Es hat dann leider zu regnen angefangen, weswegen wir dann zurück sind.

Am Sonntag war dann der große Tag. Von überall aus dem Land sind Menschen gekommen, um zusammen zu feiern. Im Jungenfoyer kamen überraschenderweise 200 Besucher unter und auch wir haben Besuch von drei Schwestern aus Abidjan bekommen. Unter ihnen auch Sr. Marie-Thérèse, die zusammen mit unserer Sr. Sion das „Foyer Marie Auxiliatrice“ hier in Duékoué gegründet hat.

Für das Jubiläum konnte man sich Wochen vorher schon einen Stoff mit Ste. Thérèse darauf kaufen. Aus diesem haben auch wir Volontäre uns was Schickes schneidern lassen. Um komplett zu Ivorerinnen zu werden, haben wir zwei Mädels gleich noch von Marie die Haare flechten lassen, was etwa drei Stunden gedauert und mir wegen den festen Zöpfen etwas Kopfweh bereitet hat. Für manche Frisuren brauchen die Frauen den ganzen Tag. Wer schön sein will, muss leiden.

An diesem Tag sah man also überall Menschen in weiß oder grün. Also habe ich mich gar nicht mehr so als Clown gefühlt, sondern fand‘s dann eher cool. Es waren so viele Menschen auf dem Gelände der Mission Catholique. Weil nicht alle in die Kirche gepasst haben und deswegen auch nur bestimmte Leute hereingelassen wurden, wurden draußen große Bildschirme und Plastikstühle aufgestellt, um der Messe trotzdem folgen zu können. Am Abend zuvor waren dort schon mal alle Plätze besetzt, als stumm „Tarzan“ lief.

Die Messe war wunderschön. Wieder spürte man überall diese Freude. Bei der Predigt hätte der Priester beinahe zu schreien begonnen, so emotional trug er sie vor. Von der Gemeinde bekam er auch totalen Jubel. Die Gabenbereitung erfolgte, na was wohl, tanzend. Traditionell gekleidet und mit Kreisen im Gesicht bemalt, brachten eine Gruppe Jugendlicher die Gaben nach vorne. Vorne weg tanzend die Mädchen, hinterher die Jungs mit vollen Körben auf dem Kopf balancierend. Die Menge hat das total gefeiert. War echt richtig schön anzusehen. Am schönsten fand ich aber, als alle in der Kirche laut gesungen haben und dazu getanzt haben. Dabei kamen mir wirklich fast Freudentränen. Mich hat es echt gefroren. Man fühlte sich richtig wie eine Gemeinschaft. Es ist so toll zu sehen, wie glücklich alle sind, obwohl es viele hier nicht leicht haben und der Standard allgemein ziemlich niedrig ist.

Passend zu „Gemeinschaft“ gab es für alle danach etwas zu Essen. Tage vorher schon hatten mehrere Frauen für alle gekocht: im Freien, über offenem Feuer und in riesigen Töpfen. Wir Volontäre haben allerdings mit allen Priestern und Schwestern gegessen. Es waren etwa 20 Priester und auch der Bischof angereist. In dieser feinen Gesellschaft war ich erst einmal verwirrt, als ich nur eine Gabel, aber kein Messer bekam. War dann auch etwas kompliziert mein Hühnchen zu essen. Ich hätte es aber einfach auch in die Hand nehmen können. Hat auch der Priester mir gegenüber so getan. Das mit den Händen essen ist mir noch nicht so ganz vertraut. Erst letztens fand ich den Krug Wasser neben mir ganz praktisch meine Hände wieder sauber zu machen. Allerdings war der zum Trinken gedacht. Mann, war das peinlich.

Zum Abschluss des Tages waren wir etwa zu Zehnt in Duékoué unterwegs. Es ist wirklich richtig schön hier. Aber ganz anders als daheim. Die rote Erde überall, die saftig grüne Savanne um die Stadt herum… und von allen wird man so lieb aufgenommen. Zuletzt wollte ich mich noch bei allen herzlich (oder „häschlik“, wie die Mädels es aussprechen, wenn ich mit ihnen Deutsch lerne) bedanken, die bis jetzt gespendet haben. Auch über das rege Interesse, das mir zukommt, freue ich mich sehr. Vielen Dank und bis bald!

(Mehr Bilder gibt es auf meinem Blog: http://www.blogs.strassenkinder.de/selinainderelfenbeinkueste)

Eure Selina"

Teil 1://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-kettner-jahr-lang-elfenbeinkueste-5362678.html

Teil 2: //www.kreisbote.de/lokales/kempten/bonne-arrive-5559133.html

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