Stadtgeschichte Kempten

Eine lange Tradition mit Höhen und Tiefen

+
Ein Blick in den Innenhof der Oechelhäuser’schen Buchdruckerei von 1957. Das Haus links beherbergte zeitweise bis zu zwei Werkswohnungen. Im Gebäude vorne befanden sich Druckerei und Redaktion.

Kempten – Das Druckhandwerk hat eine lange – und bewegte – Tradition in Kempten, die mit der Stift’schen Hofdruckerei Ende des 15. Jahrhunderts beginnt.

Eine tragende Rolle spielte die „Ferd. Oechelhäuser’sche Druck- und Verlags-GmbH“ (siehe auch Artikel im Kreisbote vom 8. Juli 2015) im 20. Jahrhundert, über die der Firmenchef Otto Oechelhäuser in der Sonderausgabe von 1937 zum 75-jährigen Jubiläum des „Tagblatt“ einen ansehnlichen historischen Teil verfasste.

Neben einer ausführlichen Geschichte des Blattes selbst, schildert er vor allem die Entwicklung des Betriebes im technischen Bereich und gewährt so gleichzeitig Einblick in die Geschichte der Technik. Nicht ohne Stolz, aber immer mit der gebotenen Zurückhaltung, wird mehr als einmal die Vorreiterrolle des Betriebs erwähnt. So berichtet der Autor für das Frühjahr der Jahre 1904 und 1905 über die Anschaffung zweier Linotype-Setzmaschinen. „Das waren die ersten Setzmaschinen im Allgäu.“ Mit dieser – zu der Zeit noch neuen – Technik konnte das „fünf- bis sechsfache Arbeitspensum eines Handsetzers“ erreicht werden. Statt der befürchteten Personaleinsparungen war die Zeitungsabteilung nun in der Lage, den Textumfang zu erweiterten und zusätzlich die Produktion der Zeitung zu beschleunigen. Auch in der Abteilung Werkdruckerei setzte der Betrieb auf zeitgemäße, modern Arbeitsmethoden und die dazu notwendigen Maschinen.

Einen bedeutenden Einschnitt in der „mächtig aufstrebenden Entwicklung des Geschäftes“, so Oechelhäuser weiter, stellte der Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 dar. Nicht nur personell – sein eigener Kriegseintritt und nach und nach weiterer wichtiger Mitarbeiter, unter anderem des Chefredakteurs – sondern auch im Kriegsverlauf, war es durch die drastische Verknappung der Rohstoffe und Beeinträchtigung des Post- und Bahnverkehrs in jenen Tagen für jeden Zeitungsverlag eine enorme Herausforderung – pünktlich oder überhaupt – täglich eine Zeitung herauszubringen.

1918 kehrte Otto Oechelhäuser aus dem Krieg zurück, übernahm den Betrieb nun vollständig von seinem Vater Ferdinand und sah sich sofort mit einer neuerlichen Krise, nämlich der rasenden Geldentwertung konfrontiert. Oechelhäuser berichtet zu diesem Kapitel der Firmengeschichte, dass das Geld zur Bezahlung der Anzeigen körbeweise im Verlag ankamen und dort bis spät in die Nacht gezählt werden musste. „Einigemale kam es vor, dass während der Lohnauszahlung die Nachricht von einer weiteren Markentwertung eintraf, die noch nicht ausbezahlten Löhne mussten dann nach dem letzten Kurs neu errechnet werden.“ Mitte der 1920er, als sich die Währung stabilisierte, nahm das Unternehmen seinen Erweiterungskurs wieder auf: die achtseitige Rotationsmaschine wurde um ein 24-seitige mit Illustrationsdruck ergänzt und die Stereotypieanlage verdoppelt. Auch die Belegschaft begann in dieser Zeit erneut zu wachsen und die Räumlichkeiten wurden wieder zu knapp. Das Gebäude – heute Salzstraße 37 – wurde durch den Aufbau weiterer Stockwerke vergrößert, für den hohen Energiebedarf wurde eine eigene Transformatoren-Anlage gekauft und die Notwendigkeit einer leichteren Kommunikation zwischen den Abteilungen des Betriebs führte zur Einrichtung einer Telefonanlage für zwei Amts- und zehn Nebenstellen. „Die technischen Einrichtungen des Betriebes wurden damit auf eine Höhe gebracht, wie sie nur in wenigen Provinzdruckereien Süddeutschlands zu finden sein dürfte“, fasst Oechelhäuser zusammen.

Namhafte Druckereien und Verlage der Stadt

Kösel und Dannheimer sind bis heute die in Kempten bekanntesten Namen, wenn es um Bücher geht und können beide auf eine mehrere Jahrhunderte zurückreichende Firmengeschichte blicken. Dabei ist Kösel mit dem vermuteten Gründungsjahr 1593 die mit einigem Abstand älteste. Sie ging aus der Hofdruckerei „Typographia ducalis (Monasterii) Campidonensis“ hervor, die Johann Erhard Blarer von Wartensee ein Jahr vor seinem Tod ins Leben rief. Mit der Säkularisation 1803 und der Auflösung des Klosters, ging die Druckerei in den Besitz von Kurbayern über. Der ehemalige technische Leiter der fürstäbtlichen Druckerei Josef Kösel erwarb 1805 den Betrieb mit Druckerei, Verlag und Buchhandlung. Nach einer zwischenzeitlichen Übernahme durch Nikolaus Bail, kam das Unternehmen 1838 an Johann Huber, in dessen Familiendynastie über fünf Generationen die Mehrheitsanteile an den „Graphischen Werkstätten Kempten“ (Druckerei) bis 1982 und dem Verlag bis 2001 verblieben. Die Werkstätten befanden sich bis 1982 nur einen Steinwurf vom Oechelhäuser’schen Betrieb entfernt, bevor sie, nun getrennt vom Verlag, unter dem neuen Namen „Kösel GmbH & Co. KG“ nach Krugzell umzogen. Bis heute sind anhand der Schwerpunkte des Verlagsprogramms die religiösen Wurzeln zu erkennen.

Rund 200 Jahre jünger ist das Unternehmen Dannheimer. 1794 erwarb Tobias Dannheimer die Druckerei und den Verlag der „Typographischen Gesellschaft Kempten“ und gab nun die einzige Kemptener Tageszeitung heraus. Sowohl die Zeitung als auch das Programm standen ganz im Geiste des Zeitalters der Aufklärung. Die „Neuesten Weltbegebenheiten, erzählt von einem Weltbürger“. erschien ab dem 1. Januar 1784 und wurde von der „Typographischen Gesellschaft Kempten“ bis 1786 produziert. Im gleichen Jahr übernahm der Verlag Josef Kösel die Zeitung, deren Titel er in „Kemptner Zeitung“ änderte, unter welchem die Zeitung acht Jahre später auch bei Dannheimer weiterge-führt wurde. Die „Kemptner Zeitung“ war das entscheidende Sprachrohr für die Revolution von 1848 im Allgäu. Mit dem Tod Tobias Dannheimers 1861 begann der langsame Abstieg des Verlages und 1889 wurde auch die Zeitung schließlich eingestellt. Casimir Wassermann erwarb den Betrieb 1916, dessen Schwiegersohn, Karl Edele, 1925 den Betrieb übernahm und mit dem Geschäftszweig des Buchhandels im ganzen Allgäu ein Netz mit Niederlassungen spannte. 1949 konnte Karl Edele nach Betriebstillegung und drei Jahren Notbetrieb wieder in seine Firma zurückkehren. Bis 1982 lag der Schwerpunkt auf dem Handeln mit Büchern, ab diesem Zeitpunkt wurde der Verlag reaktiviert und er gab mit Sepp Zwerchs „Kempten anno dazumal“ sein erstes historisches Sachbuch heraus, dem in den nächsten Jahrzehnten noch einige mehr folgen sollten.

Zwei neue Zeitungen nach dem Ersten Weltkrieg

Im Licht des verlorenen Krieges, einem gewissen politischen Schwebezustand, in dem die junge Weimarer Republik gegen die zahlreichen verschiedenen Interessensgruppen kein resolutes Durchsetzungsvermögen zeigte, bot sich vor allem das Pressewesen als Sprachrohr für die unterschiedlichen Interessen an. So traten 1919 in Kempten gleich zwei neue Zeitungen gegen das bereits etab-lierte Tagblatt in der Konkurrenz um Lesergunst an. Am 1. Mai erschien die erste Ausgabe der „Allgäuer Volkswacht“, die der sozialdemokratischen Partei nahestand und bei Tobias Dannheimer ge-druckt wurde; ihr Chefredakteur war Franz Schmitt. Die Druckerei Dannheimer hätte das nötige Knowhow und vielleicht auch die richtige Einrichtung gehabt, denn auf ihren Pressen war ja die „Kemptner Zeitung“ hergestellt worden. Diese Zeitung war die Nachfolgerin der ältesten Zeitung Kemptens, der „Neuesten Weltbegebenheiten, erzählt von einem Weltbürger“.

Am 1. Juni 1919, versuchten die gemäßigten, demokratischen „Allgäuer Neueste Nachrichten“ ebenfalls auf dem Zeitungsmarkt Fuß zu fassen. Chefredakteur des neuen Blattes wurde Gotthard Herzig, der bis dahin für den Lokalteil des Tagblattes in Kempten zuständig war. Der Verleger der neuen Zeitung war Dr. Karl Höhn aus Lindau, der zum 1. Oktober mit Druckerei und Verlag nach Kempten übersiedelte. Keine der beiden Zeitungen war jedoch für die Aufgaben und Herausforderungen eines straff organisierten Ablaufplanes gewappnet, ganz zu schweigen von den nötigen technischen Einrichtungen, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden konnten. Für beide war letzteres der Fall: zum 31. März 1920 wurde die „Allgäuer Volkswacht“ eingestellt. Etwas mehr Durchhaltevermögen besaßen die „Allgäuer Neuesten Nachrichten“. Ihre letzte Nummer erschien am 31. Dezember 1921. Beide Blätter beendeten ihr Dasein, „ohne jemals mehr als einige hundert Bezieher gewonnen zu haben“, begründet Oechelhäuser ihr Scheitern. Auch in dieser Phase traten zwei neu Zeitungen das Werben um die Gust der Leser an. „Der Föhn“, ein unverhohlen völkisches Kampfblatt, erschien ab 8. März 1924 und hörte nach nur 34 Nummern auf zu existieren. Herausgeber und Chefredakteur war Ludwig Strafler. Gedruckt wurde die Zeitung bei Tobias Dannheimer. Zwei Jahre später erschien hier ab 1. November das „Neues Allgäuer Tag- und Anzeigenblatt“ im Verlag der gleichnamigen GmbH. Zum 4. Dezember 1926 erging der Druckauftrag an die „Verlags- und Druckereigenossenschaft“ in Memmingen. Dieses Blatt trug im Titel keine erkennbaren politischen Ziele, sie sollte möglicherweise nur ein Gegengewicht zum „alten“ Tag- und Anzeigenblatt sein. Doch auch dieser Versuch eine weitere neue Zeitung zu etablieren war nicht von Erfolg gekrönt; die letzte Ausgabe erschien am 28. Februar 1929.

Zeitzeuge mit Insiderwissen

Klarheit über die im eingangs genannten Artikel vage ge- bliebene Funktion des Hauses Salzstraße H 19 brachte ein Kreisbote-Leser, der nicht nur Zeitzeuge, sondern auch Insider gewesen ist und die Geschehnisse nach Ende des Krieges und die letzten Tage Otto Oechelhäusers aus eigenem Erleben schilderte. So wusste er zu berichten, dass in diesem Gebäude in der Salzstraße 39 – es ist mittlerweile ein kompletter Neubau und beherbergt heute einen Optiker – im Erdgeschoss die Geschäftsstelle mit der Anzeigenabteilung untergebracht war. Hier lieferten die Kunden ihre Informationen und Wünsche ab, die dann mit Hilfe einer Rohrpost quer über den damals noch bebauten Hof in das zweite Obergeschoss des Hauses 35a (heute 37) „geschossen“ wurden. Dort befand sich die Anzeigensatztechnik, auch Monotypieabteilung genannt, die mit vier Monotype-Gieß- und fünf Monotype-Setzmaschinen, die auch eine hohe Anzeigenauflage bewältigen konnte, das finanzielle Rückgrat des Verlages bildete. Das galt auch für die Werkabteilung des Unternehmens, denn sie war mehr noch als der Anzeigenbereich – vor allem in der Inflationszeit – nicht so sehr der Notwendigkeit täglicher Geldtransaktionen unterworfen.

Zur Geschäftsstelle gehörte auch eine Buchhandlung, in welcher vorwiegend die hauseigenen Titel verkauft wurden. Als Oechelhäuser mit Berufsverbot belegt 1945 seinen Platz räumen musste, wurde der Betrieb auf gleich drei von den Amerikanern als unbelastet befundene Herren aufgeteilt: Zunächst wurde Dr. Caspar Rathgeb für die Herausgabe einer neuen Zeitung lizensiert, der sich ab 1946 auf die verlegerischen Aufgaben konzentrierte, während Dr. Hans Falk eine weitere Lizenz für den technischen Bereich bekam. Auch die Buchhandlung erhielt mit Albert Pröpster eine neue Leitung. Sie zog später in die heutigen Räume am Residenzplatz um.

Die ersten Ausgaben von „Der Allgäuer“ wurden, herausgegeben vom neuen „Allgäuer Heimatverlag“, noch auf den Maschinen der Oechelhäuser’schen Druckerei hergestellt, von welchen einige 1952 in die neuen Räume in der Kotterner Straße mitgenommen wurden. Nun hätte Oechelhäuser seinen Betrieb wieder aufnehmen können, aber es waren ihm nicht genug Mitarbeiter geblieben, so bat er den Heimatverlag, ihm wenigstens einen Lehrling auszuleihen, was dieser auch gerne tat, denn Oechelhäuser kam fortan für dessen Ausbildung auf. Leider hatte Otto Oechelhäuser nicht mehr viel von seinem Neuanfang, denn im Januar 1953 verstarb er. Seine einzige Tochter versuchte den Betrieb noch einige Jahre weiter zu führen, es fehlte ihr jedoch am nötigen Wissen ein solches Unternehmen erfolgreich zu lenken, so dass sie es schließlich Mitte der 1960er Jahre verkaufen musste. Damit geht die Geschichte eines großen Kemptener Zeitungsverlages zu ende, dessen Aushängeschild, das Tagblatt, außer in der Antarktis und in Australien, auf allen Kontinenten der Erde gelesen wurde.

Auch interessant

Meistgelesen

Feiern verbindet
Feiern verbindet
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Bezirksmusikfest in Probstried
Bezirksmusikfest in Probstried
Schüler zeigen Einsatz
Schüler zeigen Einsatz

Kommentare