Für Naturverbundenheit

Jahreshauptversammlung des Vereins Allgäuer Kräuterland

Vorstand des Allgäuer Kräuterland Vereins bei der Jahreshauptversammlung in Ermengerst
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Gut gelaunt und voller Tatendrang: der Vorstand des Allgäuer Kräuterland e. V.

Ermengerst – 20 Jahre nach seiner Gründung kam der Verein Allgäuer Kräuterland vergangene Woche zu seiner jährlichen Mitgliederversammlung in der Alten Säge in Ermengerst zusammen.

Das Jubiläumsfest musste wegen der aktuellen Infektionsschutzregeln zwar auf Ende April 2021 verschoben werden, aber der Abendvortrag begeisterte die aus allen Teilen des Allgäus angereisten Mitglieder offensichtlich und ließ sie etwa zwei Stunden lang aufmerksam zuhören:

Köstliches und Heilendes aus Wald und Garten

Die Biologin Karin Greiner stellte aus ihrem 2017 erschienenen Buch „Bäume – in Küche und Heilkunde“ zahlreiche heimische Beispiele vor und machte ihre kenntnisreich und schwungvoll vorgetragenen Rezepte und Empfehlungen mit vielen Fotografien aus Wald, Garten und Küche anschaulich. Sie erinnerte daran, dass Bäume in der Ernährung des Menschen „lange eine große Rolle gespielt“ hätten und machte darauf aufmerksam, dass „eines der am meisten gebrauchten Heilmittel der Welt“ aus Weidenrinde bestehe – das Aspirin.

Vom tischtennisballgroßen Holzapfel über die auch Kriecherl genannte Wildpflaume bis zum Birkenwasser im Frühling und den Maiwipferln der Fichte hat die Oberbayerin viele traditionelle, aber auch erprobte experimentelle Zubereitungsarten für die verschiedensten Pflanzenbestandteile zu bieten: Aus mühsam vom Waldboden aufgeklaubten Bucheckern bereitet sie ein Pesto, mit sorgfältig von Gerbstoffen befreiten Eicheln bäckt sie einen in Eichelkaffee getränkten Schokoladenkuchen, die Früchte der Linde verwendet sie wie Kapern und aus den jungen, zarten Blütenblättern der Magnolie rührt sie eine Creme für Biskuittörtchen.

Experimentierfreude und Naturpoesie

Greiner, die als Pflanzenexpertin viele Jahre lang beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet hat, weiß zu berichten, dass die vermeintlich giftigen Vogelbeeren der Eberesche, als Trockenfrüchte gekaut, Opernsängern ihre geschmeidigen Stimmbänder erhalten. Mit verschmitztem Lächeln erzählt sie, dass sie mit ihrer veganen Eichelleberwurst „schon viele eingefleischte Förster um den Finger gewickelt“ habe. Eine besonders feine Kost sind für sie auch die „nussig und leicht herb“ schmeckenden Keimlinge der Buche, die sie als „eigenwillige“ Pflänzchen beschreibt: „wie eine Ballerina mit Spitzenröckchen auf einem Bein“.

Kostbares traditionelles Wissen

Neben den augenscheinlich genussvoll durchkomponierten Fotos aus ihrem preisgekrönten Buch zeigt die Autorin auch historische Aufnahmen und Zeitungsannoncen aus vergangenen Jahrzehnten, die zeigen, welche Bedeutung so manche Waldfrucht noch bis in die Nachkriegszeit hinein hatte. Während früher ganze Familien ihre Abende damit verbrachten, Bucheckern zu schälen, um billig Lampenöl zu gewinnen, sei das hochwertige Speiseöl heute ein rares Gut, das als Delikatesse gehandelt werde, und auch den äußerst nahrhaften Eichelkaffee könne man heute „mit Gold aufwiegen“.

Reges, fleißiges Vereinsleben

Ebenso wie Gerti Epple, die Erste Vorsitzende des Vereins Allgäuer Kräuterland, und einige andere süddeutsche Kräuter- und Heil-kundige war auch Greiner vor 20 Jahren eine „Pionierin“, wie Epple in ihrem anschließenden Jahresrückblick betonte. Inzwischen sei „das Thema“ in der Gesellschaft „angekommen“ und stosse auf wachsendes Interesse, das sei „einfach nur schön“. So habe vor kurzem das Leader geförderte Kooperationsprojekt „Umweltbildung und naturnaher Tourismus im Allgäu“ den erfahrenen Verein eingeladen, Mitglied zu werden. Deshalb hat sich Allgäuer Kräuterland e. V. beim zuständigen Staatsministerium für das Qualitätssiegel Umweltbildung beworben, um damit auch die formalen Voraussetzungen für ein Mitwirken im Netzwerk zu schaffen.

Obwohl die vereinseigenen Akademie für Traditionelles Kräuterwissen in Weitnau den Seminarbetrieb heuer von Mitte März bis Ende Mai aufgrund der Pandemie einstellen musste, konnte Epple gemeinsam mit Geschäftsführerin Manuela Scholz von einem „aktiven, arbeitsreichen Jahr“ berichten. Auch dank des neuen Seminarraums im Wohnhaus neben dem Akademiegebäude sei es inzwischen gelungen, fast alle Frühjahrsseminare nachzuholen. Die Mitgliederzahlen stiegen stetig an. Nachdem seit Juni die neu gestaltete Homepage im Netz sei, hätten sich die Vereinsbeitritte zu einem „Selbstläufer“ entwickelt, aktuell habe das Allgäuer Kräuterland 1030 Mitglieder, darunter auch einige Familien, Einrichtungen und Organisationen.

Neben der neu ins Seminarprogramm aufgenommenen Ausbildung „Meisterkräuter“ arbeitet der Verein an vielen anderen Projek-ten und kann für 2019 auf insgesamt 145 ehrenamtliche Arbeitstage zurückblicken, wie Schriftführerin Elena Satzger dankbar mitteilte. Für die kommenden zwei Jahre planen die „Kräuterfrauen“ und -männer, ihren 5. Wildkräuterkongress, eine Landschaftspflegeaktion für den vor einigen Jahren ersteigerten Moorstreifen im Tiefenberger Moor sowie ihre Mitwirkung an der Landesgartenschau in Lindau 2021, an Aktionen des Kräuterdorfs Weiler und an anderen kräuterkundlichen Veranstaltungen, die hoffentlich wieder stattfinden können.

Kemptener Glücksgriff

In Kempten wird der Verein 2021 im Rahmen des Nature-Wri-ting-Projekts der Stadtbibliothek (der Kreisbote berichtete) seine Ausstellung „Wildwuchs“ zeigen. Außerdem ist ihm dort ein besonderer „Glücksgriff“ gelungen, wie Epple froh berichtete: Nahe der Bachtelmühlsiedlung konnte das Allgäu Kräuterland einen Gemeinschaftsgarten pachten, der als „Naturraum für Selbstversorgung“ und Heilmittel sowie als Weideland für Schafe durch eine feste Gruppe erhalten und gepflegt werden soll. (Der Kreisbote berichtete.) Innerhalb weniger Wochen haben sich rund 35 Interessierte gemeldet, die Mitglied werden wollen, um gemeinsam zu gärtnern und von den drei Kräuterland-Koordinatorinnen zu lernen. Eine andere Gelegenheit, das Allgäuer Kräuterland kennenzulernen bieten, neben den Angeboten der Akademie, die vier Vereinsstammtische im Ober-, Unter-, Ost- und Westallgäu, die ihre vielfältigen Aktivitäten ebenfalls vorstellten.

Antonia Knapp

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