"Jeder trägt soziale Verantwortung"

Wie wichtig ist das Ehrenamt? Darüber diskutieren Dr. Gerd Müller (v.l.), Dr. Sabine Weizenegger (Geschäftsführerin der Regionalentwicklung Allgäu), Staatssekretär Markus Sackmann, Moderatorin Ursula Heller, Staatssekretär Thomas Kreuzer sowie Professorin Dr. Doris Rosenkranz im Kornhaus. Foto: Kampfrath

„Wir brauchen diesen besonderen Kitt für die Gesellschaft.“ Das verkündete Markus Sackmann, bayerischer Sozialstaatssekretär, am Montag vergangener Woche im Kornhaus bei der Podiumsdiskussion „Bürgerschaftliches Engagement im ländlichen Raum“. Neben ihm standen unter anderem der Kemptener Kultusstaatssekretär Thomas Kreuzer und Verbraucherschutz-Staatssekretär Dr. Gerd Müller (beide CSU) auf dem Podium.

Der Große Kornhaussaal war an diesem Mittag gut gefüllt. Die Moderatorin Ursula Heller vom Bayerischen Fernsehen sprach gleich zu Beginn einen heiklen Punkt an: „Kempten ist bei der landesweiten Ehrenamtskarte nicht dabei, da die Stadt ihre eigene hat“, sagte sie zu Sackmann. Der betonte die Wichtigkeit der Vernetzung durch eine bayernweit geltende Karte. „Beim Namen Netzer liegt das Vernetzen nahe“, meinte Heller, doch der Kemptener Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer (CSU) war gar nicht anwesend. Die Professorin Dr. Doris Rosenkranz von der Hochschule Würzburg-Schweinfurt beleuchtete den wissenschaftlichen Aspekt des Ehrenamts. Jeder dritte Deutsche über 14 Jahren engagiere sich ehrenamtlich. „3,5 Millionen sind es in Bayern. Nach einer Umfrage sind es ebenso viele, die sich engagieren wollen“, so die Fränkin, die selbst Studien zum Thema „Ehrenamt“ leitete. Rosenkranz hält viel vom sozialen Netzwerk facebook, da zum Beispiel Sportvereine durch die Funktion „Gefällt mir“ neue Mitglieder gewinnen könnten. „Aber um jemand dauerhaft für ein Engagement zu gewinnen, bedarf es mehr Überzeugungsarbeit.“ Ursula Heller befragte die Professorin für Angewandte Sozialwissenschaften zu deren Ehrenämtern. „Ich bin eine der modernen Ehrenamtlichen. Ich bin Kassenwart des Vereins ‘Seifenkistenfreunde Nürnberg’.“ Markus Sackmann zufolge ist die Förderung des Ehrenamts ein „großes Anliegen“ Horst Seehofers, was sich beim CSU-Parteitag am vorvergangenen Wochenende gezeigt habe. „In vielen Gemeinden gibt es zwar viele Spielplätze, aber kaum noch Kinder.“ Damit sprach der Staatssekretär den demografischen Wandel in der Altersstruktur der Gesellschaft an. „Auch in ländlichen Regionen gibt es Änderungen bei der ethnischen Zusammensetzung“, fuhr Sackmann fort. Um diese Gemeinschaften trotz der Unterschiede zusammenzukitten, benötige man die Ehrenamtlichen. „Wir müssen eine gewisse Infrastruktur schaffen, sodass Ehrenamtliche mit dem Engagement umgehen.“ Jeder ist angesprochen Zusammen mit Wohlfahrtsverbänden habe der bayerische Staat den Ehrenamtsnachweis ins Leben gerufen, hinter dem die gesamte Wirtschaft hierzulande stehe. „Mein Ziel ist es, den Ehrenamtsnachweis für sämtliche Bereiche geltend zu machen.“ „Jeder hat neben dem Ich auch ein Du und trägt soziale Verantwortung“, verdeutlichte Dr. Gerd Müller. Bürgerstiftungen seien sinnvoll, denn „es gibt viele wohlhabende Ältere, die keine Kinder haben“, so der Vorsitzende der Hospizstiftung Allgäu. „In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern haben die Leute auf dem Land mit viel größeren Problemen zu kämpfen als die in Bayern.“ Müller hob die Bedeutung des Autos für den ländlichen Raum hervor. „Wir haben durch die Privatisierung der Bahn 25 Prozent des Streckennetzes verloren“, sodass die Leute auf den Dörfern auf das Auto angewiesen seien. Deshalb halte er auch nichts von der Einführung einer Pkw-Maut. "Wie die FDP" „Der Staat funktioniert nur, weil sich Hunderttausende ehrenamtlich engagieren“, sagte dagegen der Kultusstaatssekretär Thomas Kreuzer. Die Erwachsenenbildung wäre wohl „ebenso wenig möglich ohne das Ehrenamt“. Zahlreiche bayerische Eltern trügen beispielsweise durch die Arbeit im Elternbeirat zu Entscheidungen an den Schulen teil. „In den USA wird das Ehrenamt wesentlich stärker gefördert, aber auch gefordert“, meinte Dr. Doris Rosenkranz. „Wir müssen uns fragen, ob der Staat wie in den USA alles machen soll“, konterte Kreuzer. Denn die Vereinigten Staaten und Deutschland hätten „zwei verschiedene gesellschaftliche Modelle“. Daraufhin meinte die Moderatorin lachend: „Das klingt fast wie die FDP.“ – „Die FDP will gar keinen Staat, das ist der Unterschied“, lautete Kreuzers Kommentar. Die Kemptener CSU-Stadträtin Claudia Dress kritisierte, dass die Gelder aus München und Berlin meist in professionelle Organisationen flössen. Der Einfluss von Fähigkeiten beim Ehrenamt müsse ebenso hoch bewertet werden. „Es ist noch gar nicht entschieden, wer die bayernweite Ehrenamtskarte erhält“, so Sackmann. – „Es geht mir gar nicht um die Ehrenamtskarte, sondern um Unterstützung. Es werden einem so viele Prügel in die Beine geworfen“, beklagte Dress. Dr. Müller pflichtete ihr letztlich bei: „Tausende von Bestimmungen behindern die Arbeit.“

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