Außergewöhnliches Weihnachtskonzert

Bach begeistert Jung und Alt

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Überraschungsgast „Johann Sebastian Bach“ (links) diskutiert mit seinem 280 Jahre jüngeren Kollegen Frank Müller (rechts) über das Weihnachtsoratorium.

Kempten – Mitten im Konzert tauchte Johann Sebastian Bach wie aus dem Nichts in der St.-Mang-Kirche auf. Als der Dirigent Frank Müller rund 1000 Kindern und Erwachsenen das Weihnachtsoratorium erklärte, war der Komponist des Werks plötzlich persönlich da. Er gab seinem Kantorenkollegen Müller nützliche Tipps. Und wenn ihm etwas gar nicht gefiel, unterbrach er die Aufführung einfach.

„Ja ist denn heut schon Weihnachten“, fragten sich einige Passanten, als sie die große Schar von Kindern und Erwachsenen am Sonntag in die evangelische St.-Mang-Kirche strömen sah. Normalerweise ist sie erst an Heiligabend so gut gefüllt, aber noch nicht am dritten Advent. Es sei denn, es steht eine besondere Aufführung an. Das galt an diesem Nachmittag gleich im dreifachen Sinn: Der Eintritt war frei, das Konzert richtete sich speziell an Grundschüler und der Dirigent, das Orchester, die Solisten sowie der Chor betraten damit völliges Neuland.Das war ein ziemliches Wagnis. Einiges musste improvisiert werden, die Zeit für die Chor- und Orchesterproben war sehr knapp bemessen. Die Musiker und Sänger wussten bis zur Generalprobe nicht richtig, was sie da erwartet. So lernte der Chor (die Kantorei der St.-Mang-Kirche) ganz neue Seiten des Orchesters („collegium musicum kempten“) kennen – kindliche Seiten. Die Konzertmeisterin Susanne Schütz (Solovioline), Andreas Haas (Cello), Heiko Ladda (Kontrabass) Susanne Eyhorn (Soloflöte), Hubert Schmid (Oboe), Zoltan Wagner (Fagott) und andere Mitglieder des „collegium musicum“ sind für den Chor „alte“ Bekannte.Beim „Weihnachtoratorium für Kinder“ am Sonntag standen nicht die Sänger, sondern vielmehr die Instrumentalisten im Vordergrund. Auf unorthodoxe Weise durften die Streicher, Holzbläser und Blechbläser ihre Instrumente vorstellen. Ein Teil der Musiker sollte dabei das Instrument in die Höhe heben, wobei Frank Müller beim Kontrabass natürlich eine Ausnahme machte. Der Kirchenmusikdirektor hatte an diesem Nachmittag mehrere Funktionen zu meistern. Er war Dirigent, Erzähler und Moderator. Mehrfach musste er die Blickrichtung wechseln – vom Publikum zum Orchester und wieder zurück. Das gelang ihm mit Bravour. Frank Müller hieß die Kinder zu Beginn der Vorstellung willkommen und kündigte einen ganz besonderen Gast an. Er bat sie still zu sein, wenn Chor und Orchester einlaufen – was bei etwa 100 Frauen und Männern natürlich Zeit in Anspruch nahm. In diesem Moment war es tatsächlich verhältnismäßig ruhig in der Kirche. „Meine Mama, wo ist denn meine Mama“, ruft ein blondes Mädchen aufgeregt, dessen Mutter im Chor mitsingt. Wegen ihrer „Mama“ sei sie schon öfter bei Konzerten in der St.-Mang-Kirche dabei gewesen. Ganz nebenbei verrät die Grundschülerin noch ihr Weihnachtsgeschenk: „Ein Cajon.“ Auf Nachfrage, was das denn sei, antwortet sie: „Da kann man sich draufsetzen und darauf trommeln.“
Heimlicher Held
Schlaginstrumente scheinen bei den Kindern ohnehin sehr beliebt zu sein. „Ich habe erst Flöte gespielt und jetzt mit Schlagzeug angefangen“, erzählt der siebenjährige Markus. Wenige Meter weiter stehen Julius und Laurenz. Die Siebenjährigen erzählen, dass sie Flöte gelernt haben, momentan aber kein Instrument spielen. Ein Instrument würden sie gern erlernen: „Die Trommel“, sagt Julius und zeigt dabei in Richtung Pauke. Laurenz stimmt ihm zu. Der Perkussionist Sebastian Kern scheint ohnehin der heimliche Held der Vorstellung zu sein. Doch zurück zu Julius und Laurenz. Die Zweitklässler besuchen die Musikklasse von Heidi Netzer an der Volksschule Haldenwang. Die Lehrerin und Frau des Oberbürgermeisters ist Vorsitzende des „Fördervereins für Kirchenmusik an der St.-Mang-Kirche Kempten“, der dieses Konzert organisierte und finanziell ermöglichte. Für KMD Frank Müller verwirklichte sich damit ein Traum. Als Grundlage diente ihm „Das Weihnachtsoratorium für Kinder“, das der heute 52-jährige Salzburger Musiker Michael Gusenbauer geschrieben hat. Dabei wird das Weihnachtsgeschehen aus der Sicht eines Hirten erzählt. Die Schäfer hüten nachts ihre Herde, es erklingt Hirtenmusik (Holzbläser und Streicher). Ein Donnern am Himmel (Paukenschläge) zerstört die Idylle. Dann nähert sich den angsterfüllten Hirten auch noch ein Flirren (Streicher)“, das sich letztlich als Engelschar entpuppt. „Und so fängt die Weihnachtsgeschichte von Johann Sebastian Bach an“, sagt Müller als Erzähler. Und plötzlich ist der berühmte Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“ zu hören.
Bach singt Arie
Der Überraschungsgast, Johann Sebastian Bach, ist inzwischen eingetroffen. „Also schön klingen ja alle diese Instrumente, das ist schon toll“, erzählt Frank Müller. Aber ein „besonders königliches“ Instrument fehle noch: „Die Trompete“, sagen Frank Müller und Johann Sebastian wie aus einem Munde. Die beiden diskutieren darüber, wo denn der Solotrompeter (Anton Rast) stecken könnte. „Der ist bestimmt auf dem Weihnachtsmarkt und trinkt Glühwein“, mutmaßt Müller und fragt Johann Sebastian, ob das damals bei ihm auch schon so war. „Jaja, und auch mit Glühwein“, antwortet dieser. Plötzlich geht hinten die Kirchtür auf und der verloren geglaubte Trompeter marschiert fröhlich blasend vor zum Orchester. Nun fehlt allerdings noch ein Sänger, den das „königliche Instrument“ begleiten soll. Schließlich muss der Komponist selber ran. „Ich habe das letzte Mal vor 300 Jahren gesungen“, zögert Johann Sebastian, setzt seine Lesebrille auf und schmettert gekonnt die Arie „Großer Herr und starker König.“ Die Kinder belohnten die Vorstellung mit schallendem Applaus. 70 Minuten später folgte die Aufführung für die „Großen“. Auch bei diesem Konzert war die Kirche voll. Diesmal tauchte Johann Sebastian Bach nicht persönlich auf. Aber irgendwie sah ihm der Bariton Christian Hilz verdächtig ähnlich. Franziska Kampfrath

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