Erinnerungen zum 100. Geburtstag des Ausnahmekünstlers und »Grünen« 

Joseph Beuys in Kempten 

Petra Kelly und Josef Beuys.
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Petra Kelly und Josef Beuys.

Kempten/Landkreis – Zwei Ikonen der Grünen: Der Künstler Joseph Beuys und „das“ Gesicht der Grünen, Petra Kelly, beides Gründungsmitglieder der Partei, waren am 26. August 1982 in Kempten auf Wahlkampftour. Beuys, der als einer der wichtigsten Künstler Nachkriegsdeutschlands gilt, verteilte mit der Bundestagskandidatin Kelly und lokalen Grünen in der Fußgängerzone Sonnenblumen – ein Symbol der Grünen Bewegung. Im Gasthaus „Stiefel“ in St. Mang hielten beide Wahlkampfreden. Joseph Beuys wäre am 12. Mai 100 Jahre alt geworden. Der Kreisbote erinnert an seinen Besuch in Kempten.

„Es war für uns ein besonderes Ereignis, dass Beuys Petra Kelly im Wahlkampf unterstützt“, sagt Rainer Rappmann, der nicht nur ebenfalls ein „Grüner“ der ersten Stunde ist, im Gespräch mit dem Kreisboten. Er hat mit dem Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner, Kunsttheoretiker und Humanist Beuys über 13 Jahre lang auch immer wieder zusammengearbeitet, was mit der von Beuys (mit u.a. Heinrich Böll) ins Leben gerufenen Freien Internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung (FIU) in Düsseldorf zu tun hat. Natürlich war er auch beim Besuch des Künstlers in Kempten dabei. Rappmann leitete zehn Jahre lang die Freie Volkshochschule Argenthal (Wangen) mit Kultur-Bildungsveranstaltungen, eine Zweigstelle der FIU und hat in seinem FIU-Verlag zahlreiche Publikationen über Beuys herausgebracht. Zudem besitzt er ein großes Konvolut aus Briefen, Ton, Bild- und Filmdokumenten zu Beuys, u.a. in Verbindung mit dem vor 50 Jahren gegründeten Internationalen Kulturzentrum Achberg (INKA) am Bodensee, das in den 1970er und 80er Jahren als wichtiges Zentrum für geistigen Aufbruch in Deutschland galt. Beuys habe hier jedes Jahr Vorträge und Seminare zu unterschiedlichen Themen gehalten und im Sinne seiner Idee der „Sozialen Plastik“ gearbeitet; zuletzt etwa ein Jahr vor seinem Tod, vom 8. bis 10. Februar 1985, muss der Autor, Verleger und Publizist Rapp- mann nicht groß überlegen. Zusammen mit dem Autor Michael Ende habe er da das Thema „Kunst und Politik“ behandelt.

Auch an den Tag in Kempten erinnert sich Rappmann noch gut. Die örtlichen Grünen hätten Beuys vor dem Rathaus empfangen, in dem sie dann vom 2. Bürgermeister Karl Möller (SPD) empfangen worden seien und Beuys sich auch ins Goldene Buch der Stadt eingetragen habe.

Später habe Beuys mit lokalen Grünen Sonnenblumen – „die Sonnenblume als lebendiges Zeichen der Grünen geht auf Beuys zurück“ – an Passanten in der Fußgängerzone verteilt. „Es war eher wie ein Familienereignis“ als eine politische Veranstaltung, sagt Rappmann rückblickend.

Während Beuys damals schon ziemlich bekannt gewesen sei, seien die Grünen noch nicht so im Bewusstsein der Menschen gewesen. Aber wohl auch dank der auf Plakaten angekündigten Aktion mit Beuys, sei die Resonanz in Kempten freudig und gut gewesen.

Den Nachmittag verbrachte man auf dem Bauernhof von Michael Marmon in Altusried, wo Beuys ein (im FIU-Verlag unter „Gespräche über Bäume“ publiziertes) Interview über Bäume und die Grünen gegeben hat. Es sei ja gerade der Startpunkt von Beuys’ „7000 Eichen“-Projekt auf der documenta in Kassel gewesen, das Rappmann als „eine der ersten großen ökologischen Kunstaktionen“ bezeichnete. Das Baumsterben sei gerade aktuell aufgekommen und die Grünen habe man noch nicht ernst genommen.

Abends dann die Vorträge von Petra Kelly und Joseph Beuys im „Stiefel“ in Sankt Mang mit anschließender „Riesendiskussion“: „Ernste Anliegen in lockerer Atmosphäre“. Dort erklärte Beuys seine Vision von einer besseren Gesellschaft, seine Definition eines „erweiterten Kunstbegriffs“, und Konzeption der „Sozialen Plastik“ als Gesamtkunstwerk, wofür er seit Ende der 1970er Jahre ein kreatives Mitgestalten an der Gesellschaft und in der Politik forderte. Ihm ging es um Ökologie ebenso wie um die Gleichberechtigung in der Gesellschaft, ein verändertes Wirtschaftsdenken und um die Frage, was Geld eigentlich ist, um Nachhaltigkeit und um die Natur und den Umgang mit der Natur. Die direkte Demokratie sah Beuys als Möglichkeit der unmittelbaren Teilhabe aller Gesellschaftsmitglieder.

Der später langjährige Grünen-Stadtrat Edi Bühler (li.) mit Joseph Beuys.

„Er war eine sehr komplexe Persönlichkeit, nicht einfach“, sagt Rappmann über Beuys. „Er konnte lachen wie ein Pferd“, aber auch tieftraurig sein. Abgehoben sei er nicht gewesen. „Er ist allen auf Augenhöhe begegnet.“ Was Rappmann ärgert ist, dass Beuys immer wieder mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird. „Ich habe 13 Jahre lang mit ihm zusammengearbeitet und nie eine Äußerung gehört, die völkisch, nationalsozialistisch, rechts einzuordnen wäre.“ Es sei viel in Beuys hineininterpretiert worden, z.B. auch beim Projekt „7000 Eichen“, was dann einfach mit dem Germanentum in Verbindung gebracht worden sei. Auch habe Beuys zwar den Anthroposophen Rudolf Steiner „sehr geschätzt“, aber ihn nicht unkritisch gesehen.

„Sehr stark“ habe sich Beuys mit Tieren und Pflanzen verbunden gefühlt erinnert sich Rappmann an eine Aktion bei dessen erster Reise nach New York 1974, als er sich drei Tage zusammen mit einem Coyoten in eine Galerie eingeschlossen und „mit diesem Coyoten ganz verbunden“ habe. „Coy“ sei eine Gottheit der Indigenen, erklärt Rappmann die Intention des Künstlers, der sich so mit dem Ur-Amerika verbinden und das neue erst einmal ausblenden wollte.

Am 23. Januar jährte sich sein Todestag zum 35. Mal.

Der Tag in Kempten ist dokumentiert und publiziert in „Petra Kelly - Joseph Beuys. Diese Nacht, in die die Menschen ...“, im FIU-Verlag und ist nur noch antiquarisch erhältlich. Im Museum Ulm wurde die Ausstellung „Ein Woodstock der Ideen – Joseph Beuys, Achberg und der deutsche Süden“ mit vielen Exponaten von Rainer Rappmann verlängert bis 4. Juli. Infos unter: museumulm.de.

Christine Tröger

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