Frech und erfolgreich

Allgäutag: Sina Trinkwalder erklärt ihr Konzept von innovativem Unternehmertum

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„Denken“ und „einfach machen“ lautet das Erfolgsrezept der etwas anderen Unternehmerin Sina Trinkwalder, die für ihre Textilfirma manomama mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde.

Kempten – Es war kein frischer Windhauch, es war eher eine handfeste und erfrischende Sturmböhe, die den Gästen beim Allgäutag im Rahmen der Festwoche von der Bühne im Kornhaus entgegenblies und gewohnte Konzepte so mir nichts dir nichts wegfegte.

Würde sich das (nur) auf das – im Übrigen viel beklatschte- Allgäuer ImproTheater mit den „WendeJacken“ Nadine Schneider, Norman Graue und Max Kinker sowie Andreas Schütz am E-Piano beziehen, hätten sich die staunenden Augen in den Zuschauerreihen vermutlich im üblichen Rahmen bewegt. Aber es war die Referentin zum Thema „Verantwortung übernehmen“, die sowohl mit ihrer Vita als auch ihrem erfolgreich andersartigen wie mehrfach ausgezeichneten Geschäftsmodell ihrer „fairen“ Textilfirma manomama ­GmbH in Augsburg manche Vorstellung im Saal auf den Kopf stellte. Und diesen anderen Ansatz wusste die einstige Werbefrau Sina Trinkwalder wie auch sich selbst bestens zu verkaufen: kurzweilig, pointiert, eloquent und – überzeugend.

Der Allgäu-Tag im Kornhaus

Nachdem die heute 39-jährige Mutter eines zwölfjährigen Sohnes mit „Ach und Krach“ ein „Scheiß-Abi“ hingelegt hatte, habe sie die Welt verbessern wollen und angefangen Politik zu studieren um schließlich mangels besserer Ideen bei „empirischer BWL“ zu landen – zumindest vier Semester lang, um es dann „erfolgreich abzubrechen“. Denn „ich wollte mein Resthirn bewahren“, was einem im Studium abtrainiert werde, wie sie lapidar anmerkte. Nächste Station war für gut zehn Jahre die Leitung einer Werbeagentur, in der ihr das Herumjetten auf der ganzen Welt eine ganze Weile Spaß gemacht habe, bis irgendwann die Frage nach dem Sinn aufgekommen sei. Schließlich hätten wir in unserer Gesellschaft praktisch alles und da „macht es keinen Sinn den Konsum anzukurbeln“, nur um immer das Neueste zu haben. Ihre Erkenntnis: „Das ist ja ein Hamsterrad und ich bin mittendrin“ und auf einmal werde das Geld, das man damit verdient zu „Schmerzensgeld“ oder „Schweigegeld“. Die Begegnung mit einem Penner im Jahr 2009 habe ihr klar gemacht, dass das es darum gehe, neugierig zu sein und so habe sie beschlossen: „Ich möchte nicht erfolgreich sein, sondern wertvoll“. Von einer anderen für sie wichtigen Begegnung sei der Satz hängengeblieben: „Es ist völlig egal, ob Du Sinn in Deiner Arbeit siehst, wichtig ist, dass es relevant für unsere Gesellschaft ist.“

Begriffe wie „Sinn“ und „fair“ habe sie zwar als „wachsweich“ enttarnt, da sie für jeden eine andere Bedeutung hätten, ohne sie allerdings gleich zu verwerfen. Ein weiterer Gedanke sei gewesen, dass man in einer „Leistungsgesellschaft nur relevant ist“, wenn man Arbeit habe. Ihre Schlussfolgerung: „Also müssen wir die wieder reinholen, die draußen sind.“

Im Übrigen sah sie den Fachkräftemangel als hausgemachtes Problem, da man heute ein Abi brauche um Klempner werden zu dürfen, viele ohne Abi aber für Handwerksberufe prädestiniert wären. Kein Verständnis hatte sie dafür, dass eine beispielsweise zweifache 50-jährige Mutter, die die letzten 30 Jahre die Kinder großgezogen und ihrem Ehemann den Rücken freigehalten hat, beim Einstellungsgespräch mit „die kann gar nichts“ abgestempelt werde. Sie seien zwar nicht erwerbstätig gewesen, aber „Arbeit haben die alle genug gehabt“, meinte Trinkwalder. „Dass sie bei der Rente beschissen werden ist Staatssache“, schoss sie Richtung erste Zuhörerreihe, die mit Politikern von kommunal bis Bund gespickt war. Ihre Textilfirma habe sie jedenfalls mit genau solchen Leuten gegründet, die sonst keiner haben wollte oder die für beschämend geringe Entlohnung irgendwo untergekommen waren. Statt Unterstützung zu bekommen, habe es überall außerhalb des Familien- und Freundeskreises geheißen, es sei „ihr Privatvergnügen“. So habe sie unter anderem ihre abbezahlte Wohnung verpfändet und alles Geld in die neue Firma gesteckt. 

„Wenn man von etwas überzeugt ist, wird’s auch was“, ermunterte sie ihr Publikum. Man müsse nur Mut haben und mal den Blickwinkel ändern, „einfach anfangen zu denken“. Indem sie alle im Saal aufstehen und die Hand des linken Nachbarn schütteln ließ, veranschaulichte sie auf simple Art was sie meinte: „Ohne Denken tut ihr Dinge, die euch jemand diktiert“, weil er vielleicht hierarchisch über Euch steht. Es sei aber nicht alles, was immer gut gewesen sei, auch heute noch so.

Auch wenn Trinkwalder viele „alte Zöpfe“ abgeschnitten und durch eigene Flechtart ersetzt hat, arbeitet sie nach eigenem Bekunden gerne und vorwiegend mit der „old economy“, unter anderem traditionsreichen Webereien, zusammen. Dagegen könne sie mit der „hippen Gründerszene nicht viel anfangen“.

Eher als „Mächeler“ und „Macher“ denn als „Startups“ verstanden sich auch die weiteren jungen UnternehmerInnen aus dem Allgäu im anschließenden Expertengespräch „Querdenker und Anstifter“ mit der Hoteldirektorin des Panorama Hotels in Oberjoch Julia Lerch, Dietmar Hirsch, Geschäftsführer der ­earebel GmbH in Immenstadt, Matthias Haug, Geschäftsführer der höfats GmbH in Unterthingau.

Christine Tröger

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