"Wir leben alle in einer Welt!"

Junge DarbieterInnen interpretieren hochaktuelles Thema beim TANZherbst

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Das Leben zusammen zu bestreiten, dafür warb das Stück „Selen“ der Schongauer Tanzgruppe (Leitung: Roland Hai).

Kempten – Beim Kemptener TANZherbst bewegen schon zum 17. Mal nationale und internationale Hochkaräter des zeitgenössischen Tanzes. Doch ein Abend gehört traditionell dem Nachwuchs.

Hintergründig und durchdacht interpretierten am Sonntag Kinder und Jugendliche aus Vereinen und Tanzschulen der Region das Thema „Eine Welt“. Ein Tanzfeuerwerk, das Schlaglichter warf auf die Gemeinsamkeiten aller Menschen, auf unsere Verantwortung gegenüber der Umwelt und denen, die nicht so viel haben wie wir.

Große grüne Plastiktüten fliegen durch die Luft. Die Tänzerinnen haben sie mit einem kraftvollen Fußtritt weggekickt. Zu orientalischen basslastigen Tönen und Sprechgesang erzittern die Gestalten. Plötzlich ändert sich die Stimmung: Aus den Tüten ziehen die Tänzerinnen violettfarbene Suleika-Hosen und bewegen sich anmutig in einer langsameren Formation. „Your shining so bright“ singt der Sänger, die Glitzerbemalung im Gesicht der Künstlerinnen funkelt. Die Gruppe der Ballettschule Kiwi aus Isny unter der Leitung von Lehrerin Nadja Ehlert hat die Folgen des übermäßigen (Kleider)Konsums zum Thema ihrer Show gemacht.

Unter dem Titel „Eine Welt voller Dreck und Glitzer“ zeigen sie die Gegensätze der schönen Modewelt und den Folgen für die Umwelt und die Menschen in den Ländern, die die Kleidung produzieren. „Manche Menschen kaufen schon neue Kleidung, obwohl die alte noch gar nicht aufgetragen ist und produzieren immer mehr Müll“, erklärt Tänzerin Kaija im Vorgespräch mit Moderatorin Kaija Klug aus dem KaRi.TANZHAUS. Ganz schön tiefgründige Gedanken für so junge Tänzerinnen.

Kemptener TANZherbst 2017

Aber das können alle teilnehmenden Tanzgruppen von sich behaupten. Zum Motto „Eine Welt“ gestalteten sie ihre Choreografien. Die Kids-Gruppe der Dynamic Dance Corporation Kempten unter der Leitung von Juliana Fehnle und Viktoria Fils zeigten ein tänzerisches Plädoyer für die Liebe und den respektvollen Umgang miteinander. In ihrer Hip-Hop-Formation waren immer wieder aus Händen geformte Herzen zu sehen. Dass man sich von all den schlimmen Nachrichten und dem Chaos in der Welt auch einmal eine Pause gönnen sollte, war die Botschaft der Leutkircher und Aitracher Tanzgruppe von Nadja Habermann. Zum Appell marschieren schwarz gekleidete Soldaten laut stampfend auf die Bühne. Aus dem streng geordneten militärischen Charakter wird aber schnell zu einer fröhlichen Hip-Hop-Formation.

Die Gemeinsamkeiten aller Menschen hatte sich das JuZe St. Mang (Leitung: Silvia Brunnhuber) in ihrem mitreißenden Beitrag „Evolution“ zum Thema gemacht. „Nämlich Geburt, Tod und vielleicht Wiedergeburt“, erklärte Tänzerin Valentina. Als würde sie sich eine Haut abstreifen, schiebt und wälzt sich die erste Tänzerin über den Boden, immer intensiver und ausschweifender werden ihre Bewegungen, bis sie sich erhebt und schließlich umfällt. Zu brechendem Beat hilft ihr eine Person in abgehackten, roboterartigen Bewegungen nach oben. Schließlich wirbeln drei Tänzerinnen über die Bühne, um am Ende in eine pulsierende Umarmung zu fallen.

An einen Fischschwarm erinnerte die Performance „Never Lonely“ einer weiteren Gruppe der Ballettschule Kiwi aus Isny (Leitung: Alexandra Weber); die Botschaft: Gemeinschaft macht stark. In silbernen Glitzertops wogen die Tänzerinnen anmutig in immer neuen Formationen durch den Raum. Einzelgänger verlieren sich in der Gruppe, um von ihr getragen zu werden. Einen inhaltlich ähnlichen Ansatz hatte die Gruppe von Roland Hai aus Schongau. Ihr Mitglied Nele erklärte dem Publikum den Hintergedanken ihrer Performance „Selen”, nämlich dass sich das Leben zu zweit besser bestreiten lässt. Zunächst blendeten die Tänzerinnen das Publikum mit Strinlampen. Erst bei Licht wurden die elfenhaften Kleider sichtbar. Immer wieder trennen sich die Tänzerinnen, um dann wieder zueinanderzufinden.

Vivid-Curls sind Patinnen

Und ein Lob auf die Vielfalt tanzten die Schüler von Uschi Buhmann aus der Ballettschule Memmingen. Ihre Formation gestalteten die einzelnen Tänzer in je eigenen Bewegungen oder in unterschiedlichem Tempo. Zum Ausdruck kam, dass wir alle in einer Welt leben, aber trotzdem unterschiedlich handeln – „Same same but different”. Die Mitglieder der KaRi.TANZHAUS-Vorausbildungsklasse wirkten schon ein wenig älter. Ihre Darbietung „Home” war präzise und anspruchsvoll. Die Tänzer wirbelten zu zweit über die Bühne, sprangen, hielten sich. Dann verharrten sie wieder oder räkeln sich auf dem Boden. Das Wohlgefühl, die Geborgenheit und der Zusammenhalt, das ein Zuhause vermittelt, sprang auf das Publikum über.

Das „Große Finale“ bestritt die Klasse 2a der Grundschule Kottern/Eich, deren Mitglieder aus allen Herren Länder stammen. Zu „Hey Du“ und „Großmaul Arnulf“ von den Vivid Curls tanzten sie gegen „Großkotzigkeit“ und Geldgier an und setzten ein Statement, so sein zu dürfen, wie man ist. Dafür wurde extra ein Thron auf die Bühne gestellt, auf dem ein Junge Platz nahm. Die anderen Kinder putzten auf Knien um ihn herum. Doch nach und nach standen sie alle auf, nahmen den „König“ bei den Händen und tanzten im Kreis.

Inka Kuchler von den Vivid Curls war gekommen, um das aus Sri Lanka stammende Patenkind der Band Nithera Rashmi und die „Eine-Welt-Kampagne“ vorzustellen. Hier „kann jeder etwas posten, der etwas zu dem Thema zu sagen hat“, sagte die Musikerin (http://www.vivid-curls.de/eine-welt-kampagne) und rief zu Toleranz, Respekt und Menschlichkeit auf. Sie hatte sich von den tanzenden Kindern überraschen lassen, denn sie wusste nicht, welche Lieder ihrer Band interpretiert wurden. Die jungen Nachwuchstänzer waren mit Feuereifer dabei und scheuten sich nicht, Breakdance-Kreisel und -handstände zu zeigen. Bestimmt wird der eine oder die andere den teilnehmenden Gruppen beitreten.

Noch bis Sonntag, 15. Oktober stehen Tanzperformances und Workshops auf dem Programm des TANZherbstes. Weitere Infos unter: https://www.tanzherbst-kempten.de/

Susanne Kustermann

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