Kemptener Justiz präsentiert Kultur

Skandalumwittertes Gemälde und stiftische Historie locken viele Besucher an

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Die ersten beiden Exemplare der neuen Broschüre überreichten Langerichtspräsident Johann Kreuzpointner (li.) und sein Stellvertreter Alfred Reichert (2.v.re.) an Bayerns Justizminister Winfried Bausback (2.v.li.) und OB Thomas Kiechle (re.) vor dem Gemälde des Malers Josef Löflathin in der Eingangshalle der Residenz.

Zwei Geschenke präsentierten Landgerichtspräsident Dr. Johann Kreuzpointner und sein Vize Alfred Reichert den Kemptener Bürgerinnen und Bürgern vergangenen Freitag als eine Art vorgezogenes Abschiedsgeschenk, denn beide verabschieden sich in den nächsten Monaten in den Ruhestand.

Bevor zahlreiche Interessierte beim Tag der offene Tür die Gelegenheit nutzten neben den frisch renovierten Prunkräumen der Residenz auch die sonst nicht öffentlich zugänglichen ehemals fürstäbtlichen Gästezimmer – heute Verwaltungsräume des Landgerichts – besichtigen zu können, richtete sich in Anwesenheit illustrer Gäste der Fokus auf das große Wandgemälde in der Eingangshalle. Da dort immer wieder ratlose Betrachter zu beobachten gewesen seien, kündigte der selbst an Kemptens Stadtgeschichte interessierte Kreuzpointner nun das „Ende der Durststrecke an“.

Zusammen mit Reichert, dem „Genie, das die Broschüre neu gestaltet hat“, überreichte er eine neue Druckschrift, die das Gemälde des Malers Josef Löflath zum Thema „Geschichte des Stifts Kempten und der fürstäbtlichen Residenz“ in Bildausschnitten und erläuternden Kurztexten erhellt, an Justizminister Winfried Bausback und OB Thomas Kiechle. Im Text sind die Erkenntnisse des langjährigen vorsitzenden Richters am Landgericht, Dr. Erich Knoll, zusammengefasst, die dieser in vielen Gesprächen mit dem ihm befreundeten Künstler erlangt habe; Erkenntnisse zu den Hintergründen, den Gedanken Löflaths und seinen Anspielungen, die sich in seinem zwischen 1989 und 1991 entstandenen „Lebenswerk“, wie der Maler es selbst zu bezeichnen pflegte, finden.

Per Zensur "verdorben"

Ein besonderes Schmankerl am Ende der Broschüre: Auch die von Löflath ursprünglich angedachte Schluss-Szene über das Ende einer Epoche ist abgebildet und kommentiert. Die einst eigenen Worte des Malers dazu: „Die Schlussszene dazu wurde mir per Zensur eines ‚Jury-Gremiums’ verdorben, das nicht begreifen wollte, dass zum ersten Missionar des Stifts auch der letzte Fürstabt mit seinem Hofnarren gehört.

Das ‚sic transit gloria mundi’ („So vergeht der Ruhm der Welt“, Anm. der Redaktion) wollte man nicht wahrhaben.“ Es war im Übrigen nicht die einzige Änderung, die der Maler, Architekt und Hobby-Historiker an dem Gemälde, für das er laut Tagebucheintragungen über 600 Stunden mit dem Studium einschlägiger Spezialliteratur verbracht hatte, auf Geheiß der staatlichen Auftraggeber vornehmen musste.

Ein streitbarer Geist

Dass der 1915 in Memmingen geborene und 2003 in Wangen gestorbene weit über das Allgäu hinaus beachtete und geschätzte Künstler ein streitbarer Geist gewesen ist, wird unter anderem an den deutschlandweiten Schlagzeilen deutlich, die er in den 1990ern zu eben dieser Wandmalerei in der Kemptener Residenz provoziert hatte. Anlass war der nur allzu deutliche Fingerzeig durch die nackte Mätresse mit Papstmütze, die Löflath auf einem Schwein reitend darstellte. Aller Intervention des damaligen Landgerichts-

präsidenten Erwin Brunner, bis hinauf zu Ministerpräsident Max Streibl zum Trotz, ist die barbußige noch heute zu besichtigen. Auf 14 Metern Länge ist historisch fundiert, bisweilen pikant und oftmals unverhohlen kritisch die Geschichte des Stifts dokumentiert. Zu Beginn lässt Löflath im 8. Jahrhundert Theodor aus St. Gallen nach Kempten eilen. Am Ende blickt der stiftische Hofnarr auf die Schlaglichter einer bewegten Geschichte zurück, in der Protagonisten wie die Stifterin und Gönnerin Hildegard, Gattin Karls des Großen, ebenso wenig fehlen wie der erste Abt Audogar, oder prominente Akteure der geteilten und schließlich vereinten Stadt. Das Mammutgemälde streift die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die nach Ansicht des Malers untrennbar von der des Stifts ist; den Niedergang des Papsttums; Inquisition und Hexenverfolgung; Bautätigkeit, Leibeigentum, Rechtspflege..... Alles ist anschaulich dokumentiert in der neuen Broschüre, die kostenlos im Landgericht erhältlich ist.

Bausback freute sich darüber, dass die Kemptener Justiz auf diese Weise an der 200-Jahr-Feier der vereinten Stadt beteilige. Das Gericht in Kempten sei zudem ein „besonders schönes Beispiel“ dafür, wie historische Gebäude auch weiterhin genutzt werden können. Er wies darauf hin, dass seit 2003 über acht Millionen Euro in die Bausubstanz der Residenz investiert worden seien und auch, dass der Erhalt des Gebäudes von Kreuzpointner „nicht als lästige Aufgabe gesehen worden“ sei, sondern dieser sich vielmehr mit dem Gebäude identifiziert habe. Er wies ferner darauf hin, dass 2018 nicht nur ein Jubiläumsjahr für Kempten sei, sondern auch das 200. Jubiläum der Bayerischen Verfassung. Unter anderem „Grundrechte, faires Verfahren, Gewaltenteilung“ erschienen uns heute selbstverständlich, „aber das war nicht immer so, wie auch der Abschnitt des Löflath-Gemäldes zur Inquisition zeige. Das kurze Zeitfenster, das dem Justizminister bis zum nächsten Termin verblieben war, nutzte er gerne, um sich von Kreuzpointner fachkundig durch die historischen Räume geleiten zu lassen.

Christine Tröger

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