"Festival des Hörvergnügens"

Kammermusikfestival Classixs geht mit neuem Konzept und neuem Künstlerischen Leiter in die neue Runde

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Festivalorganisator Dr. Franz Tröger (l.) und der international gefragte Geiger Benjamin Schmid. Der neue Künstlerische Leiter startet in der 14. Festival-Runde mit einem neuen Classix-Konzept unter dem Motto „Wandlung und neue Vielfalt“.

Kempten – Eine neue Handschrift wird das Kammermusikfestival „Classix Kempten“ 2019 im 14. Jahr seines Bestehens prägen – die des Salzburger Stargeigers Benjamin Schmid.

Er sprüht vor Energie und seine Ideen reichen bereits in das Beethoven-Jahr 2020 mit dem 15. Classix-Festival. Eine glückliche Fügung für Festival-Organisator Dr. Franz Tröger, der schon länger auf der Suche nach neuen Wegen für das renommierte Festival war. 

Im neuen Gewand öffnet sich „Classix Kempten“ auch dem bekannten Klassik-Repertoire und überschreitet gleichzeitig die Grenzen der konservativen Tradition. Ziel ist es, die gesamte Kammermusikpalette anzubieten, und zwar zeitlich und genremäßig. Schmid will Programme, die aktuell spannend sind, nach Kempten bringen. Dabei kann er sich seines Netzwerkes hochkarätiger Künstlerkollegen bedienen. Außerdem wird es in diesem Jahr einen Ausflug in die Welt des Wortes geben. Tröger konnte dafür den großen Burgtheaterschauspieler und Regisseur Klaus Maria Brandauer gewinnen. 

Oberbürgermeister Thomas Kiechle zeigte sich bei der Programmvorstellung beeindruckt von der Neugestaltung des Festivals und hob dessen Bedeutung für das Kulturleben der Stadt Kempten hervor. „Classix Kempten“ habe sich in der vergangenen Dekade zu einem Leuchtturmprojekt entwickelt, das den hervorragenden Ruf Kemptens als Kulturstadt stütze und in der veränderten Form neues Publikum erschließen werde. Als Coup muss man die Gewinnung von Benjamin Schmid als künstlerischen Leiter bezeichnen. Dieser verstand sich bisher vor allem als ausführender Musiker mit weltweiten Engagements. Gerade 50 geworden, war es aber auch für ihn ein guter Moment, etwas Neues zu machen. Und dieses Momentum hat Tröger mit sicherem Gespür und Allgäuer Hartnäckigkeit (eigenen Angaben zufolge) genutzt. Gleichzeitig weiß Schmid mit Tröger einen „genialen Konzertorganisator“ an seiner Seite, mit dem sich „geistvolles Vergnügen und lebendiges Musikhören“ im Konzertsaal verwirklichen lassen, eben ein „Festival des Hörvergnügens“. 

Das Kemptener Publikum kennt Benjamin Schmid aus zahlreichen Meisterkonzert-Auftritten und fühlt sich ihm verbunden, ja er spüre geradezu eine physische Nähe. Man wird ihn künftig wohl noch häufiger in Kempten sehen. Die Vorstellung des neukonzipierten Festivals weckt Erinnerungen an das alte. 2006 als „Fürstensaal Classix“ gestartet, nach dem Umzug ins Stadttheater in „Classix Kempten“ umbenannt, hat die ursprüngliche Festivalkonzeption die ominöse Zahl 13 nicht überlebt, obwohl es musikalisch höchst erfolgreiche 13 Festival-Jahre gewesen seien, wie Tröger betont, mit einem in der Festival-Landschaft einmaligen Konzept. Im Mittelpunkt standen dabei kaum je gehörte sowie zeitgenössische Kammermusikraritäten, die der oft augenzwinkernd und anerkennend als „Trüffelschwein“ titulierte Oliver Triendl Jahr für Jahr aufspürte. Allerdings wurden diese Programme nur von einem sehr kleinen Zuhörerkreis goutiert. Ein breites Publikum konnte damit trotz oft enthusiastischen Kritiken nicht gewonnen werden. Nach einem Durchgang durch Europas Regionen samt einem Ausflug nach Nordamerika stellte sich zudem die Frage nach neuen thematischen Schwerpunkten. Triendl wollte den Weg programmatischer Veränderungen nicht mitgehen. 

Für das Kemptener Publikum bedeutet der Abschied vom alten Festivalkonzept einen Abschied von dem Gefühl, bei der Entdeckung von musikalischem Neuland dabei zu sein, exklusiv neu erarbeitete Kammermusik in Proben und Konzerten erleben zu können, die es so nirgends zu hören gab. Neues wird es freilich auch bei der 14. Festivalausgabe zu entdecken geben. Benjamin Schmid umschreibt es folgendermaßen: „Wir wollen große und beste Kammermusik auf verschiedenen Ebenen anbieten: Etablierte Musik soll neben zu entdeckender stehen, heutige Meister sollen den Weg bahnen für Meister von morgen. ‚Classix Kempten‘ setzt auf die aktuell interessantesten Kammermusikprojekte und stellt sie in einem abwechslungsreichen Reigen komprimiert innerhalb einer Woche denen vor, die wir begeistern möchten mit dem Lebenselixier Musik: Ihnen, unserem verehrten Publikum! Denn über allem steht die Maxime: nur beste Musik, bekannt oder rar, von den besten Musikern gespielt.“ Das diesjährige Programm in der etablierten Festivalwoche Ende September steht unter dem Motto „Wandlung und neue Vielfalt“. 

Man kann es als Wahlspruch für das runderneuerte Festivalkonzept lesen. Im Auftaktkonzert (22.9.) stehen sich mit Franz Schuberts Streichquintett und Max Bruchs Streichoktett eines der größten und berühmtesten Kammermusikwerke und ein selten gespieltes Werk der Klassik beziehungsweise Spätromantik gegenüber, beide aus dem Todesjahr der Komponisten. In den beiden aufeinanderfolgenden Montagskonzerten (23.9.) stellen sich Künstler am Anfang ihrer mutmaßlichen Weltkarrieren vor. Zunächst der junge chinesische Geiger und Bratschist Ziyu He mit seinem Lehrer am Salzburger Mozarteum Benjamin Schmid, sodann Studenten, Lehrer und frühere Absolventen des Curtis Institute of Music in Philadelphia (USA). Mit Ned Rorem steht einer der führenden zeitgenössischen Komponisten Nordamerikas auf ihrem Programm. Dass das elitäre Curtis Institute, eines der weltweit führenden Konservatorien, auf seiner Europa-Tour in Kempten Station macht, dürfte einige etablierte Musikzentren mit Neid erfüllen und ist nur der Tatsache zu verdanken, dass auch Schmid Absolvent dieser Einrichtung ist. Am Mittwoch der Festivalwoche (25.9.) liest Klaus Maria Brandauer aus Briefen Wolfgang Amadeus Mozarts auf seiner Reise von Salzburg über München nach Paris und zurück 1777/78. Der Pianist Sebastian Knauer bettet diese Lesung in Auszüge aus Mozarts Klaviersonaten und das Ave Verum. 

Am Freitag (27.9.) finden wiederum zwei Konzerte aufeinanderfolgend statt. Im ersten wird der oder die Preisträger/in des diesjährigen Leopold-Mozart-Violinwettbewerbs in Augsburg zu hören sein, im zweiten das JanoskaEnsemble. Die vier in Wien beheimateten Musiker aus der Slowakei sorgen weltweit mit ihrem „Janoska-Style“ für Furore: Klassik, Latin, Swing im fliegenden Wechsel, vertraute Ohrwürmer von Mozart bis Piazzolla, wie man sie noch nicht gehört hat. „Da macht Musik Freude“, sagt Tröger, und es mache auch nichts, wenn dabei die Füße in Bewegung geraten, im Gegenteil! Ein solches Konzert müsse bei einem Festival nach seinem Verständnis sein, findet Benjamin Schmid, das Kemptener Publikum werde restlos begeistert sein. Vielleicht lässt sich mit so einem Programm und mit den Konzerten junger Künstler, die Perspektiven aufzeigen, wohin eine Musikausbildung führen kann, auch ein junges Publikum erreichen. Tröger möchte dafür jedenfalls in der Kemptener Sing- und Musikschule gezielt Werbung machen. Das Abschlusskonzert der Festivalwoche bestreitet am Sonntag (29.9.) das Alban Berg Ensemble Wien, welches sich in unterschiedlicher Besetzung um die Mitglieder des Hugo-Wolf-Strichquartetts gruppiert. 

Es spielt kammermusikalische Bearbeitungen etwa der 10. Sinfonie von Gustav Mahler oder der Kammersinfonie von Arnold Schönberg, aber auch dessen Bearbeitung des Johann Strauß’schen Kaiserwalzers. Daran kann man erkennen, dass schon die Avantgardisten vor 100 Jahren keine Scheu hatten, Genre-Grenzen zu überwinden. In dieser Tradition sieht sich auch das erneuerte Kemptener Classix-Festival. Benjamin Schmid zeigt sich im Interview den Konventionen des Konzertbetriebs gegenüber leidenschaftslos. Für ihn zähle am Beginn eines Konzerts, wenn er dem Publikum gegenüberstehe, lediglich: „Seid ihr, sind wir bereit für das Besondere?“ Abonnement-Einschreibungen für „Classix Kempten“, das 14. Internationale Festival der Kammermusik im Theater in Kempten sind ab sofort beim Freundeskreis Classix-Konzerte und unter www.classix-kempten.de möglich. Einzeltickets gibt es ab dem 22. April. 

Markus Naumann

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