„Grenzgänger zwischen den Genres“

Classix Kempten: Andreas Martin Hofmeir im Interview

Mit dem Geiger Benjamin Schmid (li.) verbindet Andreas Hofmeir nicht nur das 2017 gegründete Duo „Stradihumpa“.
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Mit dem Geiger Benjamin Schmid (li.) verbindet Andreas Hofmeir nicht nur das 2017 gegründete Duo „Stradihumpa“.
  • VonChristine Tröger
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Kempten - Andreas Hofmeir ist Tausendsassa, Multi-Tubist, LaBrassBanda-Mitgründer, Kabarettist und auch noch Hochschulprofessor - Ein Interview.

Vielseitig ist der Tubist Andreas Martin Hofmeir wohl zweifelsfrei. Dass sein Instrument, das den Namen „Fanny“ trägt, an Vielfalt nicht nachsteht, ist u.a. beim diesjährigen Classix-Festival (ab kommendem Samstag, 18. September, bis Sonntag, 26. September) überprüfbar:

Am Sonntag, 19. September, präsentieren der Geiger und künstlerische Leiter des Festivals Benjamin Schmid und Hofmeir um 11 Uhr mit „Stradihumpa – hoch versus tief“ Erstaunliches und Vergnügliches mit ihren höchst gegensätzlichen Instrumenten und Stilrichtungen von Klassik(-adaptionen) Jazz, Ländler, Avantgarde …

Das ist natürlich längst nicht alles, was Hofmeir, der gerne als „Grenzgänger zwischen den Genres“ oder auch als „Tausendsassa“ bezeichnet wird, und seine Fanny draufhaben. Das ehemalige Mitglied und Mitbegründer der Bayerischen Kult-Band LaBrassBanda ist u.a. auch als Duo mit Harfe sowie mit Orgel unterwegs, spielt in unterschiedlichen Kammermusik-Ensembles wie dem Sharoun Ensemble der Berliner Philharmoniker oder auch dem Heavy Tuba Ensemble. Zudem steht er als Kabarettist auf der Bühne und ist Professor für Tuba am Mozarteum in Salzburg.

An Eckdaten lässt sich festhalten: Jahrgang 1978, geboren in München, aufgewachsen in Geisenfeld in der Holledau: Als Kind lernte er Klavier, Schlagzeug und Tenorhorn und schließlich ab zwölf Jahren Tuba. Es folgten Studienjahre an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin, an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm und der Musikhochschule Hannover. Außerdem war er Stipendiat der Orchesterakademien der Berliner und Münchner Philharmoniker und spielte mit einigen der großen Orchester.

Duo für Violine und Tuba - ein „nie dagewesenes Spektakel“

2013 wurde Hofmeir beim ECHO Klassik als „Instrumentalist des Jahres“ ausgezeichnet und heimste damit einen der wichtigsten Musikpreise Europas als erster Tubist ein. Im vergangenen Juli erhielt der eigenwillige Künstler den Bayerischen Staatspreis für Musik, was ihn nicht daran hinderte, den Umgang der Politik mit der Kultur in der Corona-Krise heftig zu kritisieren.

Was das erste Duo für Violine und Tuba betrifft, mögen die Instrumente (zumindest vordergründig) nicht viel gemein haben. Anders die Instrumentalisten: Beide haben eine Professur am Salzburger Mozarteum, beide sind ECHO-Preisträger und musikalisch genreübergreifend zuhause. Ihr Versprechen, „ein nie dagewesenes Spektakel“, das sie vor ihren ersten Auftritten im Jahr 2017 gegeben hatten, ist kommenden Sonntag im Kemptener Stadttheater überprüfbar. Der Kreisbote hat dem eigenwilligen Tubisten Andreas Martin Hofmeir zuvor schon einmal auf den Zahn gefühlt.

Am liebsten barfuß – der Erotik wegen, wie Andreas Hofmeir sagt.

Andreas Hofmeir im Interview

Wie kam es zu „Stradihumpa“, einem doch eher ungewöhnlichen Duo aus Tuba und Violine?
Andreas Hofmeir: Eine gute Frage. Aber wie fast immer bei hochkomplexen und unverständlichen Vorgängen war der Ursprung simpel: Zwei Pizzen Diavolo und einiges an Rotwein tragen die Schuld.
Wie aus älteren Interviews hervorgeht, hatten Sie zu Beginn von einer schönen Geigerin als Duopartnerin geträumt. Was versöhnt Sie damit, dass es nun der zwar herausragende, aber doch männliche Geiger Benjamin Schmid geworden ist?
Andreas Hofmeir: Ich bitte Sie: Wer würde das an meiner Stelle nicht? Leider kenne ich keine attraktive Geigerin, die sowohl klassisch als auch im Jazz an der Weltspitze fiedelt. Und ganz nebenbei: Beni zieht sich immer extravagant an, macht ästhetische Bewegungen auf der Bühne und kann ausgezeichnet kochen. Was will man mehr?
Wie würde die Musik von Stradihumpa übersetzt in Malerei aussehen?
Andreas Hofmeir: Eine Sammelausstellung von Rembrandt, Picasso, Munch und Beuys. Mit einem lustigen Museumsführer.
Mitte Juli wurden Sie mit dem Bayerischen Staatspreis für Musik ausgezeichnet. Kurz vor der Ehrung kritisierten Sie die Kulturpolitik in Bayern scharf, besonders die während der Corona-Krise. Wo sehen Sie die größten Versäumnisse?
Andreas Hofmeir: Ein kulturinteressiertes Publikum ist eine gesellschaftliche Errungenschaft, die hart erarbeitet werden muss. Und in Deutschland auch erarbeitet war. Das ist nicht selbstverständlich, aber einer gesunden Gesellschaft mehr als zuträglich. Der Drang zur Kultur ist aber kein Überlebensdrang, er muss genährt werden, er muss gepflegt werden. Schon allein deshalb, damit die Gesellschaft divers und reflektiert wird und bleibt. Wir haben in den letzten eineinhalb Jahren die Menschen ins Homeoffice verloren, vor anonyme Internetabos. Unzählige Kinder haben ihr Musikinstrument für immer in den Schrank gestellt, ältere Menschen ihr Philharmoniker-Abo für immer zurückgegeben. Es wird einsam und einheitlich, wie in den USA. Ich glaube, der Politik ist immer noch nicht ganz klar, welche Rolle eine reiche Kulturszene für das friedliche Zusammenleben spielt.
Der Schauspieler Ulrich Tukur, der ebenfalls beim Classix-Festival 2021 zu Gast sein wird, war mit einem Beitrag bei #allesdichtmachen vertreten, den er mit dem Rilke-Zitat „Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen ...“ beginnt. Wie hätte Ihr Beitrag bei solch einer Aktion geklungen? (In einem Printmedium leider nur in Buchstaben darstellbar.)
Andreas Hofmeir: Sie werden es nicht glauben, aber ich habe auf meinem Hof so schlechtes Internet, da hab ich keinen einzigen Beitrag dieser Aktion anschauen können. Aber ich habe für den BR eine Corona-Tuba gebastelt: Weiß-blau gerautet wie der Mundschutz unseres geliebten Landesvaters, gefüllt mit drei Leintüchern und zehn äußerst wertvollen FFP2-Masken aus Nüßlein‘scher Produktion und komplett versiegelt, damit kein kontaminierter Grünspan austreten kann. Klingt beschissen, aber das ist ja nebensächlich.
Was bedeutet eine kulturarme Gesellschaft für Sie?
Andreas Hofmeir: Bahn frei für Nationalismus und Diktatur.
Seit wieder vieles möglich geworden ist, explodiert die Anzahl von Kulturveranstaltungen geradezu. Viele Menschen sind aber mit Besuchen nach wie vor zurückhaltend, während u.a. Fußballstadien und Gastronomiebetriebe voll sind. Sagt das etwas über den Stellenwert von Kultur in unserer Gesellschaft aus?
Andreas Hofmeir: Wie sagte schon Brecht: Das Fressen kommt vor der Moral. Und der Fußball ist ein Unkraut, das immer wuchern wird, egal wo. Die Kultur aber ist eine wertvolle Pflanze, die es zu behüten und zu züchten gilt. Die Menschen denken schnell, es ginge ohne. Das stimmt auch. Aber nicht annähernd so friedlich und schön.
Hat sich das Image von Blasinstrumenten als Virenschleudern inzwischen verbessert?
Andreas Hofmeir: Trotz der zahlreichen Toten, die durch Tubaaerosole in den letzten 17 Monaten ihr Leben lassen mussten, konnte ich noch keine direkten Anfeindungen feststellen. Ich bin also durchaus zuversichtlich. Allerdings: Wenn das Saxophon im Zuge dieser Pandemie verboten werden könnte, würde ich das begrüßen.
Was halten Sie von der (nicht nur) von vielen Politikern geforderten 2G-Regelung (geimpft, genesen) im Kulturbereich?
Andreas Hofmeir: Ich bin geimpft, weil ich das für richtig halte. Ich bin aber für die 3G-Regel, denn gerade die Kultur sollte nicht ausgrenzen. Das wäre ja regelrecht paradox.
Warum spielen Sie bekanntermaßen gerne barfuß? Gute Erdung bei elektrisierendem Sound?
Andreas Hofmeir: Nein, nur aus erotischen Gründen.
Herr Hofmeir, ich bedanke mich für das aufschlussreiche Interview.

15. Classix-Festival – Programm & Infos

18. bis 26. September 2021

Festivalmotto: »Tradition und neue Bahnen«

Samstag, 18. September

• 20 Uhr: Schwedisch serviert. Kammerorchester Musica Vitae, Benjamin Schmid (Violine und Leitung), Ariane Haering (Klavier)

Sonntag, 19.September

• 11 Uhr: Stradihumpa – hoch versus tief; Benjamin Schmid (Violine), Andreas Martin Hofmeir (Tuba)

• 15 Uhr: Familienbande; die Eltern: Ariane Haering und Benjamin Schmid; die Kinder: Cosima, Darius, Emilian und Flora. Musikalischer Kaffeetisch mit allerlei Instrumenten und Gesang.

• 20 Uhr: Violinissimo; Kammerorchester Musica Vitae, Benjamin Schmid (Violine und Leitung), Linus Roth und Dorota Siuda (Violinen)

Montag, 20. September

• 20 Uhr: Nachtgedanken; Dorothee Oberlinger (Blockflöte) und die Sonatori de la Gioiosa Marca

Dienstag, 21. September

• 20 Uhr: Es ist angerichtet; Solistenensemble mit Esther Hoppe und Linus Roth (Violinen), Daniel Eklund (Viola), Christian Poltéra (Violoncello), Josef Larsson (Kontrabass), Thomas Gansch, (Trompete), Ib Hausmann (Klarinette), Philipp Tutzer (Fagott), Ariane Haering (Klavier)

Mittwoch, 22. September

• 20 Uhr: Maßstäbe; Markus Schirmer (Klavier), Esther Hoppe ((Violine), Christian Poltéra (Violoncello)

Donnerstag, 23. September

• 20 Uhr: In neuem Gewand; Lia Pale (voc + flute) mit Ensemble: Matthias Rüegg (arr + p), Mario Rom (tp), Ingrid Oberkanins (dr) u.a.; Lieder von Franz Schuberts Winterreise bis heute, für Jazzensemble arrangiert, und eigene Kompositionen nach Heinrich Heine u.a.

Freitag, 24. September

• 20 Uhr: Komponiertes und Improvisiertes; Brad Mehldau, piano solo

Samstag, 25. September

• 20 Uhr: Round about Schumann, Trio Opus 8; Michael Hauber (Klavier), Eckhard Fischer (Violine), Mario de Secondi (Violoncello), Thomas Riebl (Viola), Claudia Strenkert (Horn)

Sonntag, 26. September

• 17 Uhr: Sinfonische Maßstäbe; St. Petersburger Kammerphilharmonie, Juri Gilbo, Ulrich Tukur (Rezitation), Nidia Palacios (Sopran)

Infos & Tickets gibt‘s auf der Homepage des Classix-Festivals oder per Email an: info@classix-kempten.de; sowie über Telefon: 0831/29 095

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