77 und kein bisschen müde

Überragt alle: Udo Jürgens auf der Leinwand, seine Band auf der Bühne der bigBOX. Fotos: losi

Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss. Mit 66 Jahren, da ist noch lange noch nicht Schluss“. So dichtete dereinst Udo Jürgens in seinem bekannten Song. Elf Jahre nach diesem Schnapszahlalter schickt sich der Star immer noch an, die Hallen zu füllen. So auch vergangene Woche die bigBOX mit 4000 Besuchern. Die meisten spendeten reichlich Applaus – vielleicht auch aus Respekt vor seiner Lebensleistung.

Auffallend war insbesondere auch, dass beim großen Konzertfinale in der bigBOX unter den nach vorne stürmenden Fans auch viele Frauen um die 30 waren. Vielleicht wegen seiner häufig gesellschaftskritischen Texte? Vielleicht auch deshalb, weil er sich oft bewusst oder unbewusst in die Ecke des „Frauenverstehers“ manöverierte? Jedenfalls sei er alt genug, um ein gutes Liebeslied zu schreiben, sagte der Künstler in Kempten. Der mittlerweile 77-Jährige bezog sich dabei vor allem auf seinen Hit „Liebe lebt“. Was folgte, sind die Augenblicke, die Udo Jürgens als Musiker so einmalig machen: Seine Klaviertöne samt der markanten Balladenstimme werden immer eindringlicher und leidenschaftlicher, der Künstler schießt und verbleibt in hohen Stimmlagen. Und kommt wieder herunter, um das scheinbar unerklärliche Mysterium der Liebe doch wieder ganz verständlich zu machen: Liebe durch Nähe, Berührung und füreinander Zeit haben. Der Beifall tost und nimmt noch zu, als der Weltstar erklärt, was Liebe noch ist: das einzig wirkliche Mittel gegen den Hass. Emotionen pur, die nicht nur Frauen mögen. Es gibt am Donnerstagabend in der bigBOX Momente, in denen ist es den Fans völlig egal, dass man dem „Langzeitjugendlichen” Udo Jürgens das Alter mittlerweile ansieht, dass seine Erzählerstimme nicht mehr ganz so locker dahinfließt, dass seine Schritte nicht mehr so federnd wirken und dass die ganze Performance nicht mehr die Geschmeidigkeit früherer Tage erreicht. Was zählt ist die Stimme mit hohem Einmaligkeitscharakter, die Weisheit eines Weltbürgers und die Achtung, wie einer mit 77 noch auftreten und begeistern kann. Jürgens muss nicht immer im Mittelpunkt stehen, lässt dem ausgezeichneten Orchester Pepe Lienhard genügend Spielraum, um eigene Akzente zu setzen. Und er stellt junge, begabte Künstler vor wie die Geigerin Asya Sorshneva. Immerdar geht Udo auf gesellschaftliche Missstände ein. In seinem Song „Der ganz normale Wahnsinn“ aus dem gleichnamigen, aktuellen Album kritisiert er verantwortungslose Geldgier ebenso wie Polit-, Umwelt-, und Lebensmittelskandale. Und er erinnerte im „ehrenwerten Haus“ an die Zeit, in der Spießbürgertum und Doppelmoral noch eine größere Rolle spielten als heute. Die Emotionen pur kehrten zum Finale zurück, zu dem Jürgens wie immer im weißen Bademantel auftauchte. Da ließ er Bilder von seinem Bruder im Maleratelier einblenden und sang das entsprechende Lied dazu. Die Bruder-Bilder verglich er mit seiner Gesangskarriere, ehe der gebürtige Klagenfurter mit seinem Welthit „Ich war noch niemals in New York“ nochmals mächtig Stimmung in den Kemptener Musikpalast zauberte. Leicht möglich, dass ein Mann mit so viel musikalischer Leidenschaft und Freude am Beifall für seine Lieder und Aussagen auch noch ein fünftes Mal in Kempten gastieren wird. Und das, obwohl er schon dreimal den 25. Geburtstag feiern durfte, wie Udo schmunzelnd anmerkte.

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