"(K)ein einfacher Kapitalist"

Politexperte Ingar Niemann zu Gast auf dem bunten Sofa im Haus International

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Dipl. sc. pol. Univ. M.A. Ingmar Niemann sprach im Haus International einmal nicht über die Zusammenhänge Internationaler Politik, sondern vornehmlich über sich selbst.

Kempten – Wenn Dipl. sc. pol. Univ. M.A. Ingmar Niemann auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung über das Weltgeschehen spricht und seine Prognosen über politische Entwicklungen abgibt, sind die Hörsäle an der Hochschule Kempten gut gefüllt.

Ingmar Niemann hat sich einen Namen gemacht und zieht mit seinen präzisen Analysen geschlechterübergreifend Jung und Alt in den Bann.

Wer aber ist der Mensch hinter dem Mann, der stets mit Anzug und Krawatte vor sein Publikum tritt. Das wollte der Geschäftsführer des Haus International Lajos Fischer herausfinden und lud den Referenten kurzerhand zum Interview auf das bunte Sofa ein.

America first

Früh war bei Ingmar Niemann das Interesse für Politik geweckt und es ist seiner Mutter zu verdanken, dass sein Lebensweg ihn nicht nach Frankreich zu seiner ersten großen Liebe verschlug, sondern stattdessen in den mittleren Westen der USA. Seine Mutter hatte dafür gesorgt, dass ihr Filius seine mageren Englischkenntnisse während eines Schüleraustausches in Übersee auffrischen sollte. Allerdings verbrachte Niemann bei seiner ersten Gastfamilie mehr Zeit beim Kühe melken, als Land und Leute kennenzulernen. Nach einem Wechsel in eine andere Gastfamilie aber hatte der junge Niemann das große Los gezogen. Die Gastfamilie war für die republikanische Partei aktiv und verschaffte dem jungen Deutschen einen tiefen Einblick in das politische Leben der Vereinigten Staaten. So bekam Ingmar Niemann sogar die Gelegenheit, den Kongress in Washington zu besuchen und erhielt an seinem 18. Geburtstag ein Glückwunschschreiben vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan.

Kein Berg zu hoch

In seiner Jugend war der Großvater die Bezugsperson Ingmar Niemanns, die Eltern waren geschieden. Niemanns zweite Leidenschaft galt den Bergen und wann immer es möglich war, unternahm er mit dem Großvater Ausflüge dorthin. Sein Lieblingsberg ist bis heute der Hohe Munde in Tirol, dessen 2662 Meter hohen Gipfel er bereits einige Male erklomm. Überhaupt war Niemann in seiner Adoleszens ein sportlicher Typ, der im Jahr 1983 Bayerischer Florettmannschaftsmeister wurde. Neben dem Sport wurde das Klavierspiel zu einem beliebten Zeitvertreib. Ingmar Niemann belegte nach dem Abitur verschiedene Studiengänge wie Politikwissenschaften, Japanologie und Rechtswissenschaften. Seine größte Leidenschaft aber galt der Philosophie. Beeinflusst haben den politischen Analysten dabei die Werke des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau. Seine erste berufliche Tätigkeit fand Niemann als Vorstandsreferent bei der Alllianz in München, einem der weltweit größten Versicherungskonzerne. Sieben Jahre lang blieb Niemann dem Konzern treu, allerdings zog es ihn hernach in die Selbstständigkeit. Bis heute ist er zum einen als freier Hochschul- und Universitätsdozent und zudem als Unternehmens- und Politikberater tätig. Seit dem Jahr 2004 ist Niemann auch an der Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest als Dozent beschäftigt. Dabei hat sich der gebürtige Oberbayer aus Wolfratshausen in die ungarische Kapitale regelrecht verliebt. „Ich mag die Lockerheit der Ungarn und freue mich jeden Tag daran, wie sich ihr Land entwickelt.“, sagt Ingmar Niemann, der am Abend vor den Besuchern auch Fotos seiner Budapester Altbauwohnung zeigt.

Liberal, nicht neoliberal

Natürlich befragt Lajos Fischer den politischen Analysten auch zur aktuellen Politik. So möchte Fischer von Niemann wissen, wer aus seiner Sicht das Rennen um den Parteivorsitz in der Union macht. „Für die Parteienlandschaft in Deutschland können wir nur hoffen Friedrich Merz. Wird es AKK, wird es für die SPD eng. Dann könnte diese zwischen einer nach links gedrifteten Union und den Grünen aufgerieben werden“, prognostiziert der Politkenner. Überhaupt wird Ingmar Niemann am Abend recht deutlich und scheut sich nicht bei seinen Gastgebern, die sich politisch wohl eher dem linken als dem rechten Denken zugehörig fühlen, unbequeme Thesen zu äußern. So bezeichnet Niemann die rot-grüne Unternehmenssteuerreform aus dem Jahre 2000 als einen der kapitalsten Fehler der Nachkriegssgeschichte, weil durch diese die bis dato so erfolgreiche „Deutschland AG“ zerschlagen wurde, was bis heute dazu führt, dass immer mehr ausländische Investoren die Mehrheit in deutschen Unternehmen übernehmen. Schlecht wegkommen tut bei Niemann auch das EU-Zahlungsverkehrssystem TARGET II, das aus seiner Sicht in einem Fiasko mit unerfüllten deutschen Forderungen in Milliardenhöhe enden kann. Auch der derzeitigen Immigrationspolitik kann Niemann nicht wirklich etwas abgewinnen. Durch die Einwanderung schlecht ausgebildeter Arbeitskräfte aus fernen Ländern werden aus Sicht Niemanns nicht nur Schuldkomplexe bedient, sondern es kommt u.a. zu einem Überangebot an Arbeitskräften im Billiglohnsegment, das u.a dazu führen wird, dass die Entgelte für Pflegekräfte nicht steigen werden. „Die Probleme der Länder sollten stets vor Ort gelöst werden“, so Ingmar Niemann.

Systemanalytiker

In einem wesentlichen Punkt aber schließt sich Ingmar Niemann der Position des rot-grünen Lagers an. Schuld an der globalen Krise hat nach Einschätzung Niemanns das weltweite Kreditgeldsystem, was zu einen ungerechten Welthandel führt, in dem die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer. Da plädiert dann der häufig emotionslose Analyst Niemann leidenschaftlich für eine wirkliche Reform der Weltwirtschaft, in der Schluss sein muss mit der Ausbeutung der ärmsten Nationen. Überhaupt, so Niemann, sei sein Denken daran ausgerichtet, Systemfehler zu erkennen und zu benennen. „Ich muss die wahren Ursachen eines Problems erkennen, nicht die Symptome bekämpfen.“, so das Credo des Politexperten. Da passt es gut, dass Niemann u.a. den Roman Michail Bulgakows „Meister und Margarita“ zu seinen Lieblingsbüchern zählt. Der russische Klassiker aus den 40er Jahren ist eine Satire auf ein erstarrtes politisches System mit Anlehnung an Goethes „Faust“.

Jörg Spielberg

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