"Keine Ahnung warum"

Immer mehr verstrickt sich Liam (links, Martin Radecke) in Widersprüche als er seiner Schwester Helen (Maria Kinkelfitz) und ihrem Mann Danny (Bálint Walter) sein blutverschmiertes Hemd zu erklären versucht. Fotos: Tröger

Liam ist vorbestraft. Eigentlich eine Nebensächlichkeit in Dennis Kellys Thriller „Waisen“. Eigentlich. Denn ebenso eigentlich ist diese Nebensache eben auch das vielleicht fassbarste der Mosaiksteinchen der erschreckend realitätsnahen Geschichte. Die sich stetig steigernden, bei jedem der Protagonisten anders gelagerten Ängste, das Sichtbarwerden nicht vorhanden geglaubten Gewaltpotentials und letztendlich auch das in Frage stellen der Beziehungen, Selbst- und Fremdbilder, ließen das Publikum in der gelungenen Koproduktion des Theater in Kempten (TIK) und der Europäischen Theaterschule Bruneck (Südtirol) jedenfalls nicht kalt.

Vergangenen Freitag feierte das von Oliver Karbus spannend inszenierte und mit Absolventen der Theaterschule exzellent und packend besetzte Drei-Personen-Stück im ausverkauften TheaterOben Premiere. Helen (Maria Kankelfitz) und Danny (Bálint Walter) genießen ihren kinderfreien Abend. Das romantische Candle-Light-Dinner wird jäh unterbrochen, als Helens Bruder Liam (Martin Radecke) blutverschmiert und völlig verstört hereinstürzt. Ein Junge sei draußen niedergestochen worden. Er habe ihm nur geholfen, erklärt er in abgehackt-fahrigen Sätzen, spricht vom mysteriösen Verschwinden des verletzten Opfers und faselt vom Schreckgespenst islamistischer Bedrohung. Der Gutmensch Danny möchte die Polizei rufen, was für Helen aufgrund Liams Vorbestrafung nicht in Frage kommt. Zudem hegt sie ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber der Polizei. Liam verstrickt sich schließlich immer mehr in Widersprüchen, bis schließlich zumindest soviel klar ist: Er selbst ist der Täter, das Opfer ein Araber – ein Fremder, vermutlich Mitglied einer dieser brutalen Jugendbanden, deren bloße Existenz bei Helen alptraumhafte Ängste auslöst, und der schon deshalb kaum das gleiche Recht auf Hilfe genießen kann, wie die eigene Familie. Er sei von dem Araber angegriffen worden, bricht es aus Liam heraus; aus Angst habe er einfach auf ihn eingedroschen, auch als er schon zu Boden gegangen und bewusstlos gewesen sei – immer weiter und weiter: „Keine Ahnung warum“. Die Nerven liegen schon längst bei allen blank. Helen, die sich seit dem Tod der Eltern für ihren Bruder verantwortlich fühlt, entwickelt eine regelrechte Besessenheit, die schon zwanghafte Verbindung zwischen ihr und Liam zu behüten und scheut auch nicht davor zurück, Dannys Loyalität mit einer möglichen Abtreibung des gemeinsamen Kindes zu erzwingen. Sie schickt ihn in die Nacht, um das von Liam verletzt und gefesselt zurückgelassene Opfer zu suchen und mit Drohungen sein Schweigen zu erwirken. Aber auch die fragile Fassade der Geschwisterbeziehung steht auf dem Prüfstand und der schöne Putz bröckelt. Die nächtliche Begegnung mit dem von Liam brutal misshandelten Opfer öffnet Danny die Augen nicht nur über sich selbst: Überraschend leicht war ihm nämlich sein Auftritt als Bösewicht mit Sturmhaube und wilden Drohungen gefallen. Auch die moralische Rechtfertigung für das Verhalten jedes Einzelnen des „Verschwörungs“-Trios gerät mit dem Erkennen der wahren Tatumstände gehörig ins Wanken...aber was ist ein Krimi, dessen Ende schon vorab verraten wird. Eine grandiose Leistung haben alle drei Darsteller gezeigt. Besondere Erwähnung verdient dennoch Martin Radecke, der die Gemütszustände und Befindlichkeiten, die Denk- und Verhaltensweise des Liam mit unglaublicher Energie und Konsequenz erfüllt hat. Noch zwei Mal ist der Thriller „Waisen“ im TheaterOben zu sehen: Freitag, 11. Mai, um 20 Uhr und Samstag 12. Mai, um 19 Uhr, mit einer Einführung jeweils eine dreiviertel Stunde vor Beginn.

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