Keine guten Bedingungen

Wie steht es um die Frühförderung von behinderten Kleinkindern? Soll man an Förderschulen festhalten? Wie ist die Wohnsituation erwachsener Behinderter? Diesen Fragen haben sich am vergangenen Donnerstag Vertreter aus Bezirks- und Landtag im Rahmen einer Podiumsdiskussion gestellt. Dazu eingeladen hatten die Lebenshilfe und der Verein für Körperbehinderte Allgäu.

Die Erfolgsquote der Frühförderung sei enorm hoch, erklärte Andrea Koppitz, Bezirksreferentin der Lebenshilfen in Schwaben, die die Veranstaltung moderierte. Aber „die Krankenkassen wollen, dass wir uns ausrichten wie Praxen“, so Reinhold Scharpf, Geschäftsführer des Vereins für Köperbehinderte Allgäu. Das funktioniere aber nicht, denn die Frühförderung sei inderdisziplinär und habe neben medizinisch-therapeutischen auch heilpädagogisch Aspekte. „Die Rahmenbedingungen stimmen nicht“, beklagte er. Seine Sorgen teilte Lebenshilfe-Geschäftsführer Alwin Hönicke. Die Betreuer könnten die Familien zum Beispiel nicht mehr zu Hause aufsuchen. Darunter leide die Betreuung. Landkreise, Städtetag und Bezirke hätten die Finanzierung der Frühförderung gesichert, meinte der stellvertretende Vorsitzende der CSU-Fraktion im Landtag, Thomas Kreuzer. Bei den Verhandlungen mit den Krankenkassen, die den medizinischen Teil der Förderung finanzieren, könne die Politik nur moralisch appellieren. Er sei jedoch gerne bereit, im Einzelfall zu helfen. Bayern investiere zu viel in die späte Bildung, kritisierte der Landtagsabgeordnete Thomas Gehring (Die Grünen). Er meinte: „Die Investition in die frühe Förderung ist die, die sich am meisten rechnet“. Die Frühförderung sei in der Tat eine Erfolgsstory, bestätigte Hönicke. Aber die Rahmenbedingungen hätten sich in den letzten zehn Jahren verschlechtert. „Wir haben die Niedrigschwelligkeit ausgehebelt“, kritisierte er. Er nannte ein Beispiel: Neben „gesund“ und „behindert“ gebe es noch den rechtlichen Status „von Behinderung bedroht“. Ein Arzt, der den Frühförderbedarf eines Kindes begutachte, sei heute aber gezwungen zu entscheiden, ob ein Kind gesund oder behindert ist. „Von Behinderung bedroht“ habe man schlicht aus den Formblättern entfernt. Vielen Kindern bleibe so die Frühförderung verwehrt. Förderung hilft auch Eltern Ihre 15-jährige, schwer behinderte Tochter habe ab dem zweiten Lebensjahr Frühförderung erhalten, jedoch ohne Erfolg, beklagte eine Mutter aus dem Publikum. Ihr als Mutter habe die intensive, Jahre lange Betreuung dennoch sehr geholfen. „Wie sonst bekommt man das Handwerkszeug, wie man mit seinem behinderten Kind umgeht?“ meinte sie anerkennend. Beim Thema Förderung von Schulkindern mit Behinderung fanden die klassischen Förderschulen nicht nur Befürworter. Hintergrund der Themenstellung: Eine UN-Resolution wolle dafür sorgen, dass gesonderte Schulen für behinderte Menschen gänzlich abgeschafft werden, so Koppitz. Die UN spreche dabei von „Inklusion“. Auch Medien wie der Spiegel oder die taz hätten dies befürwortet. Ein klares Nein gab es hier von Thomas Kreuzer, „da kann der Spiegel schreiben was er will“. Es gebe in Bayern schließlich klare gesetzliche Regelungen. Neben Ko-op-Klassen und Förderstunden gebe es eben auch Fälle, in denen die Förderschule der beste Ort für ein Kind sei. „Ich halte das System, so wie es jetzt ist, für richtig“, erklärte er. Eine Schule für alle? Eine Alternative: mehr pädagogische Inhalte an den Regelschulen. Dafür plädierte vor allem Ralph Betz, Schulleiter der Tom-Mutters-Schule. Das Wort „Inklusion“, das die UN propagiere, bedeute „eine Schule für alle“. Sonderpädagogische Inhalte brauche es seiner Meinung nach an allen Schulen. „Wir wären die letzten, die an unserer Schule fest hielten, wenn wir überflüssig wären“, meinte er. Förder- und Regelschulen unter einem Dach würden für ein besseres Miteinander sorgen, meinte die FDP-Bezirksrätin Gisela Bock. Während die Schülerzahl in Bayern insgesamt zurück gehe, sei dies an den Förderschulen nicht der Fall, erklärte Thomas Gehring. Er sicherte zu, dass sich seine Fraktion für mehr Mittel für die Förderschulen im nächsten bayerischen Haushalt einsetzen werde. Wünsche aufnehmen Die Lebensverhältnisse erwachsener Menschen, vor allem deren Wohnsituation, waren der dritte und letzte Themenkomplex des Abends. Der Tenor: Wichtig sei, dass der Mensch selbst entscheidet, wo er lebt. „Man muss die Wünsche der behinderten Menschen aufnehmen“, meinte Bock. Das Altern der Gesellschaft mache auch vor Menschen mit Behinderung nicht halt, erklärte Kreuzer. Man müsse deshalb dafür sorgen, dass die Menschen nach ihrer Tätigkeit in Werkstätten in ihren Wohnstätten bleiben können. Agnes Schragl, Bezirksrätin der Freien Wähler, mahnte, man müsse Wohnen, Arbeiten und Leben im Kontext sehen, nicht getrennt.

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