Keine leichte Kost

Erst zwei, dann drei, dann vier – ein Mann und eine Frau, noch ein Mann, noch eine Frau. Vier Tänzer stellen Wahrnehmung und Wirklichkeit, Schubladendenken, Interpretationsspielräume von Ereignissen, Denk- und Verhaltensmuster in Frage. „Empfänger verzogen“ heißt das dritte Auftragswerk des Choreographen Jochen Heckmann für das TheaterInKempten (TiK), das am Freitag Uraufführung feierte.

140 Zuschauer beobachteten im ausverkauften TheaterOben die flüchtigen, sich auch in Variationen wiederholenden und immer wieder neue Deutungen fordernden Konstellationen des mit Adriana Mortelliti, Jochen Heckmann, Beatrix Koller und Corneliu Ganea hervorragend besetzten Tanzensembles. Dazu gab es überwiegend live gespielte, eigens dafür von Alfred Huber und Wolfgang W. Lindner komponierte Musik. Die zeitgenössischen Klänge spiegelten die sich aufbauenden Zweier-, Dreier- und Vierergespanne der Tänzer, die sich immer wieder neu definierten. Ein gelungenes Zusammenwirken von Musik und Tanz. Ein Wechselbad von Spannung und Entspannung, scheinbarem Chaos und ebenso vermeintlicher Klarheit hielten das Publikum gedanklich auf Trab. Kaum hatte man sich für eine Interpretation der Geschehnisse entschieden, wurde sie im nächsten Moment schon wieder in Frage gestellt. Komplexe Interaktion Klarinette, Marimba und Percussion in einer Suite von Huber begleiteten das erste Tanzduo durch ihre sich wiederholenden Alltagsmuster. Dem Erscheinen des zweiten Mannes begegnete der Komponist mit seiner „Nachtmusik“ für Streichquintett und Sopran, die die komplexer werdende Interaktion auf der Bühne hörbar machte. Den „Spielen“ des Tanzquartetts widmete sich Lindner mit sechs Stücken für Marimba, Perkussion und Saxophon, die gelegentlich an die Musik in alten Edgar-Wallace-Filme erinnerte. Alles in allem keine leichte Kost, die einen entspannten Abend garantiert. Vielmehr wurden dem Publikum immer wieder neue Aktionsmuster zur interpretatorischen Disposition gestellt. Auf eindeutige Antworten warteten die Zuschauer vergeblich. Dagegen machten die offen gebliebenen Fragen, die bei jedem der 140 „Empfänger“ anders ausgesehen haben mögen, die (Hinter-)Fragwürdigkeit von Wahrnehmung umso deutlicher. Entsprechend etwas nachdenklich, beim ein oder anderen vielleicht auch ratlos, wirkte der dennoch lang anhaltende Schlussapplaus.

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