»Vergesst mir die Seele nicht«

200 Jahre Sebastian Kneipp: Seine Sicht auf Gesundheit

BAD NAUHEIM Germany AUGUST 2017 Büste von Sebastian Kneipp Bad Nauheim Hessen Germany
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Eine Büste des Wasserdoktors Sebastian Kneipp in Bad Nauheim.

Kempten – „Spiritualität, ein Schlüssel zur Gesundheit?“ Darüber sprachen am Welttag der seelischen Gesundheit Vertreter aus Medizin, Psychologie und Theologie.

»Vergesst mir die Seele nicht!« Dem Appell des berühmten Hydrotherapeuten, Naturheilkundlers und Priesters Sebastian Kneipp würden sich wohl alle Beteiligten der Gesprächsrunde anschließen, die am 10. Oktober vom Kneippverein Kempten e.V. in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung Kempten/Oberallgäu (KEB) initiiert wurde.

„Spiritualität, ein Schlüssel zur Gesundheit?“ lautete das Thema, über das – passenderweise am „Welttag der seelischen Gesundheit“ – mit Vertretern aus den Bereichen Medizin, Psychologie und Theologie gesprochen wurde.

Für die Veranstaltung im Rahmen des Jubiläums „200 Jahre Kneipp“ waren als Stimmen der Medizin die Dres. med. Anette und Peter Bau geladen, die Diplom-Psychologin Katharina Babl vertrat die Sparte Psychologie, für die Theologie sprach der Leiter des evangelischen Dekanats, Jörg Dittmar. Die Veranstaltung wurde von Ida-Anna Braun, der 1. Vorsitzenden des Kneippvereins Kempten e.V., moderiert.

Was ist Spiritualität - Was Gesundheit?

Spiritualität und Gesundheit – zwei große Begrifflichkeiten, die es zunächst zu definieren galt. Mit der Erklärung der Weltgesundheitsorganisation WHO von Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ und nicht nur dem „Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“ konnten sich alle Gesprächsteilnehmer identifizieren.

Die Definition von Spiritualität gestaltete sich komplexer: Weltanschauung und innere Wirklichkeit, Bezogenheit auf eine Realität größer als die eigenen Vorstellungen und Wünsche, das Anerkennen, dass es mehr gibt als eine eigene Wirklichkeit, und, nach Friedrich Schleiermacher, „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ waren einige Vorschläge.

Eine spirituelle bzw. optimistische Lebenseinstellung, darin stimmten die Gesprächspartner überein, könne für die Gesundheit durchaus förderlich sein: Spirituelle Menschen seien eher in der Lage, Dinge zu relativieren, sich selber einzuordnen in der Begegnung mit den Mitmenschen, dem Schicksal des eigenen Daseins. Spiritualität fördere Demut in positivem Sinne, die wiederum helfe, mit sich selbst in Frieden zu kommen. Ordnung in der Bedeutung von Einordnung und dem daraus resultierenden Gefühl von Verbundenheit fördere das Wohlbefinden.

Wandel in der Kirche

Man dürfe, so der Tenor, jedoch keinesfalls den Umkehrschluss ziehen und Menschen bzw. ihrer Spiritualität die Schuld für körperliche Erkrankungen geben. An dieser Stelle warf der Dekan ein, es sei in allen Kellern gar nicht genug Sekt vorhanden, um den Umgang der „Kirchenhäuptlinge“ mit Covid 19 zu feiern: Das erste Mal in der Kirchengeschichte sei eine große Seuche nicht als Strafe Gottes bezeichnet worden!

Dies sei, auch darin ein Konsens, die Gefahr der Spiritualität: In ihrem Namen werde häufig Missbrauch betrieben oder versucht, Menschen gefügig zu machen. Eine klare Trennung von Wissenschaft und Spiritualität wurde dann auch einhellig befürwortet.

Es ist sicher nicht möglich, die Frage nach dem Zusammenhang von Spiritualität und Gesundheit in zwei Stunden umfassend zu klären – ob eine von Braun initiierte Achtsamkeitsübung oder eine Erklärung der Kneipp‘schen Philosophie ein Muss waren, sei dahingestellt.

Kneipp so aktuell wie je

Über die Aussage von Dekan Dittmar, dass Religion ein unabdingbares „Instrument“ der Spiritualität sei, hätten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gesprächs noch trefflich streiten können. Einigkeit hingegen herrschte darüber, dass die Kneipp‘schen Erkenntnisse in der heutigen Zeit nichts an Aktualität eingebüßt haben, und dass das Erschließen eigener Kraftquellen durch animierende Tätigkeiten ein wichtiger Baustein zur körperlichen und seelischen Gesundheit sei.

In diesem Sinne regte Ida-Anna Braun ein „Rudelsingen“ an. Und so erklang zum Abschluss der Gesprächsrunde, begleitet vom Dekan am Klavier, aus den weit geöffneten Fenstern des Margaretha- und Josephinen-Stifts einvernehmlich das Lied: „Der Mond ist aufgegangen.“

Cordula Meffert

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