Ist das drin, was draufsteht?

Sie sehen alternativ aus, teilen aber die Ideen von Nazis

Zwei junge Frauen in Hippie-Kleidern auf einer Blumenwiese am Waldrand.
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In der Region um Dresden ist im Volksmund bereits die Rede von „Barfuß-Nazis“.

Allgäu – Es klingt toll: Humusaufbau, gesunde ökologische Flächen, Permakultur, ein Leben im Einklang mit der Natur in Familiengärten. Untermalt von sanfter Musik und sonnigen Bildern wirbt Robert Briechle in einem Video für das Projekt Mutterhof im Ostallgäuer Unterthingau. Doch es sei Vorsicht geboten, sagt Journalist Sebastian Lipp vom Redaktionsteam „Allgäu rechtsaußen“. Was da versteckt hinter Tomatenpflanzen, Erbsen und Salat emporwachse, erstaunte die ZuhörerInnen beim Online-Vortrag „Außen grün, innen braun?“.

Zu der Veranstaltung hatte die Organisation „Kempten gegen Rechts“ geladen. Lipp zeigte in seinem rund zweistündigen Vortrag Verästelungen der Allgäuer Ökoszene zu rechtsradikalem, antisemitischem Gedankengut, genauso wie zu Ideen der Reichsbürgerbewegung.

Der Gründer des Mutterhof-Projekts Robert Briechle habe laut Lipp mehrfach erklärt, dass sich die Ideen zu den „Familiengärten“ aus der Anastasia-Romanreihe des Autors Wladimir Megre nährten. Eine ganze Anastasia-Bewegung erblüht in Osteuropa und auch in Deutschland, seit die zehn „esoterisch aufgeladenen“ Bände, wie Lipp sagte, in den 1990er und 2000er Jahren erschienen sind. Nach deren Vorstellung bewirtschaftet ein Familienverband jeweils ein Hektar Land und versorgt sich damit selbst.
Es handle sich um ein explizit völkisches Verständnis von einem Leben im Einklang mit der Natur mit vielen Ideen aus der radikalen rechten Szene, sagt Lipp, und „mit einem stark rückwärtsgewandten Frauen- und Familienbild“. Er zeigte mehrere Zitate aus den Anastasia-Büchern, die den Antisemitismus der Reihe darstellten: „Die Juden hätten die Presse verschiedener Länder unter Kontrolle gebracht und den Geldfluss, den kontrollierten größtenteils auch die Juden“, zitierte Lipp eine Stelle, die ganz alte antisemitische Verschwörungsphantasien zum Ausdruck bringe.
Er las eine weitere Stelle vor, „die rassistische Töne, fern jeder biologischen Realität“ erkennen lasse: „Es kommt immer mal wieder vor, dass ein kleiner schwarzer Junge das Licht der Welt erblickt, weil früher seine Oma oder die gebärende Mutter sexuellen Kontakt zu einem schwarzen Mann hatte.“
Auch der Verfassungsschutz habe den Mutterhof bereits beobachtet, was Briechle zu einer „halbgaren“ Distanzierung gezwungen habe, in der er aber gleichzeitig die Anastasia-Bewegung verteidigt habe.

Mit eingängigem Refrain

Luftbilder vom Mutterhof zeigt das Video zu „Schwerti von der Thing Au‘s“ Lied „Die Wahrheit“. Der Refrain: „Die Wahrheit macht uns frei“. Darin sieht Lipp klare Bezüge zur KZ-Inschrift „Arbeit macht frei.“ Im Video, das die „Anastasiabewegung Deutschland“ auf Youtube veröffentlicht hat (Stand: 9. 2. 21), finden sich auch Bilder von Freimaurersymbolen, Bill Gates mit Spritze in der Hand, Zusammenhänge zwischen Kohlendioxid und Geld, gemischt mit Fotos von intensiver Landwirtschaft, Albert Einstein, dem Papst, Hinweisen auf Gehirnwäsche und Fake News, die Mondlandung, und QAnon.
„Schwerti zeichnet ein Bild der Jahrtausende alten antisemitischen Verschwörung“, erklärte Lipp. Auch Querdenker und Reichsbürger können sich durch den Clip angesprochen fühlen. In Schwerti von der ThingAu´s „Hymne des Erwachens“ heißt es dann wieder: „Aus Dämmerschlafdelirium das alte Volk erweckt!“ Dazu als Lösung suggerierte Bilder von Anastasia. Lipp spricht von einem „taktischen Vorgehen der Bewegung, gezielt über Ökologie an Leute heranzukommen“, peu à peu zu schauen, wie weit man gehen kann, und ihr rechtes Gedankengut einzupflanzen, wie es explizit von Anastasia formuliert worden sei.

„Außen grün, innen braun?“ lautete der Titel der Veranstaltung, bei der Sebastian Lipp über die Anastasia-Bewegung und deren Verbindungen zu Reichsbürgern, Antisemiten, Nazis und Querdenkern sprach.

Eine weitere Verzweigung zeigte Lipp auf, indem er auf Frank Willy Ludwig zu sprechen kam. Auf Ludwigs Youtube-Kanal „Urahnenerbe Germania“ seien die Videos von „Schwerti von der ThingAu“ erschienen. Er gibt Anastasia-Schulungen, die auch Robert Briechle schon besucht habe. Mit versteckter Kamera aufgezeichnete Ausschnitte aus so einem Seminar schockieren in ihrer Drastik: „Kümmert euch um eure Frau, zeugt Kinder, schafft euch einen Garten an. Fertig. Das ist doch das, was der Führer auch schon gesagt hat: Blut und Boden, Kraft durch Freude!“ Ludwig animiert, wie Lipp zeigte, die Seminarteilnehmer dazu, „etwas Schönes [zu] gründen“: „Gründet etwas Schönes. […] Die bezaubern dann auch die Leute, wenn sie öffentlich auftreten, durch Gesang und durch die Kleidung und durch Tanz. Das ist wichtig. Weil wenn du dich im Volk beliebt machst, kann kein Politiker, keine dunkle Macht mehr sagen: ‚Ey, das sind Böse.‘ Dann sagen die: ‚Moment mal, die habe ich doch beim Konzert erlebt. Wie können die böse sein, die sind doch toll!‘“

Eine Taktik, derer sich laut Lipp mittlerweile auch die Neonazi-Szene und die Neue Rechte wie die AfD bediene. Bernd Widmer, für den das „W“ in Peter Felsers Firma „WK&F Filmverleih“ stehe, singe, wie in einem Video zu sehen, einerseits mit seiner Familie in „Kelly-Family-Manier“ auf dem Anastasia-Festival in Grabow und schicke seine Kinder auf die Waldorfschule in Wangen. Andererseits stecke er seine Sprösslinge auch in Jugendlager und rechtsradikale Kaderschmieden. Dort ertönten Lieder, die an das verbotene „Horst-Wessel-Lied“ erinnern: „Lasst uns froh marschieren durch die Welt mit festem Schritt.“ Laut Lipp steht dort das Strammstehen und völkisch-nationales Gedankengut auf der Tagesordnung genauso wie lange Röcke für die Mädchen. Widmer selbst habe über Jahre die Leitstelle Süd des Freibund geführt, der mit der inzwischen verbotenen „Wiking-Jugend“ in Verbindung gestanden habe und solche Jugendlager organisiere. Peter Felsers Kinder wiederum besuchen die Freie Schule Albris, so Lipp.

Und auch weitere Institutionen, die Zeitschriften „Die Salbe gesund“ (laut Lipp „sehr schräge Töne“) oder „Das nachhaltige Allgäu“, nannte Lipp. So berichtet „Das nachhaltige Allgäu“ folgendermaßen über eine Reichsbürger-Veranstaltung auf dem Mutterhof: „Für viele gerade ältere ZuhörerInnen war es erschreckend zu erkennen, dass wir seit fast 70 Jahren ein von den Alliierten besetztes Land sind. Die BRD als Staat existiert nicht.“

»Hochzucht der Menschheit« für wirtschaftlichen Erfolg

Chefredakteur und „Vernetzer“ Jochen Koller befinde die rechtsradikalen Bezüge in den Anastasia-Büchern für „unproblematisch“ und zeigte sich auf der „Querdenken-Demo“ in Kempten. Dort habe er über die rechte Kapitalismuskritik von Silvio Gesell gesprochen und diese auf seinem Büchertisch ausgelegt. „In Gesells Freiwirtschaftslehre mit Manchesterkapitalismus ohne Vorrechte und soziale Absicherung sollen ökonomisch erfolgreiche Männer als Samenspender dienen und Frauen als Gebärmaschinen“, erklärte Lipp. Auch von „Zinsknechtschaft“ sei bei Silvio Gesell die Rede, auf die auch Koller in Kempten stark Bezug genommen habe. Nach dieser Ansicht sind die Zinsen ein Instrument der Juden, die Menschheit zu knechten. Gesells Idee des „Schwundgelds“ soll diese „Zinsknechtschaft“ brechen und verhindern, dass Kapital angelegt wird. Hier schwinge der Unterschied zwischen „raffendem und schaffendem Kapital“ mit, wie ihn die Nationalsozialisten unterstellten, erklärte Lipp.

Was kann man all dem entgegensetzen?, war eine Frage aus dem Publikum. Journalist Lipp riet dazu, genau hinzusehen, gegebenenfalls die Leute zu konfrontieren und sich nicht von „Pseudodistanzierungen beeindrucken“ zu lassen. Um zu verhindern, dass das Gedankengut verbreitet werde, sollte man die Zusammenarbeit abbrechen, andere informieren und Verdachtsmomente an „Allgäu rechtsaußen“ mitteilen, denn auch das Redaktionsteam sei auf Hinweise angewiesen und helfe gerne weiter, genauso wie die „Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus“.

Eine weitere Veranstaltung zum Thema gibt es bei „Allgäu rechtsaußen“ am 17. Februar um 20 Uhr im Live-Talk. Zu sehen ist er unter folgendem Link (und erscheint dort später als Aufzeichnung):
https://allgaeu-rechtsaussen.de/2021/01/28/livestream-was-machen-nazis-hier-gruene-braune-im-gespraech-bei-allgaeu-rechtsaussen

ger

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