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Ausstellungseröffnung im APC Kempten: „Um Gottes Willen: Die Tempel von Cambodunum – neu entdeckt“

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Von: Susanne Lüderitz

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Ausstellungseröffnung im APC Um Gottes Willen: Die Tempel von Cambodunum – neu entdeckt
Ausstellungseröffnung im APC © Kulturamt Kempten/Matthias Tunger

Kempten – Ab diesem Wochenende können große und kleine Besucher mehr über Archäologie und die Glaubenswelt der Römer erfahren. Denn im APC öffnet die neue Dauerausstellung „Um Gottes Willen: Die Tempel von Cambodunum – neu entdeckt“.

Tieropfer, Flüche, raubende Götter. Im Glauben und der Kultpraxis der Römer ging es um einiges heftiger zu als in der unsrigen. In der neuen Dauerausstellung „Um Gottes Willen: Die Tempel von Cambodunum – neu entdeckt“ können Besucher mehr über Archäologie und diese Glaubenswelt erfahren, Kulte selbst ausprobieren, oder spielen.

Eineinhalb Jahre haben die Ausstellungsmacher gearbeitet. Ideen wurden gesammelt, tiefere Recherchen unternommen, an der Darstellung getüftelt mit den Grafikern und an den Texten gefeilt. „Für die Konzipierung haben wir auch ein Drehbuch erstellt, das jede Abteilung zeigt mit den jeweiligen Ausstellungsstücken“, erklärt der Archäologe und wissenschaftliche Volontär Emanuel Schormair.

Cambodunum Kempten — Tempelbezirk durch Zufall endeckt

Von Cambodunum aus erschlossen die Römer unter Kaiser Augustus ganz Bayern. Entsprechend war der Tempelbezirk ein wichtiges Kultzentrum. Schon von Weitem sichtbar prangte er auf dem Lindenberg. Und auch die heutige Erschließung ist einzigartig in Süddeutschland. Neben Fundstücken zeigen seit den 80er-Jahren Nachbauten der Kultstätten, wie vor 2000 Jahren Opfer dargebracht und welche Götter verehrt wurden. Entdeckt wurde der Tempelbezirk aber bereits im Jahre 1937 durch einen Zufall, wie die Besucherinnen und Besucher erfahren.

Als erstes untersucht hat das Areal Ludwig Ohlenroth – und dabei „Unglaubliches geleistet“. „Wir wollten diese archäologische Glanzleistung wieder präsentieren“, sagt die Leiterin der Stadtarchäologie und des Archäologischen Park Cambodunum Dr. Maike Sieler. Wendet sich der Besucher am Eingang nach rechts, erfährt er mehr über die einzelnen Ausgrabungskampagnen und den Nachbau. Fotos mit lederbehosten und kniestrümpfigen Arbeitern rufen die damalige Zeit in Erinnerung.

„Von Schicht zu Schicht“

Schaukästen mit Steinfragmenten oder Ziegel zum Anfassen geben Aufschlüsse über das Aussehen der Tempelbauten und erklären die archäologischen Schlüsse der Forscher. Zum Beispiel geht es um die Frage, warum im Tempelbezirk so viele Schlüssel und Schlösser zum Vorschein kamen. Und auch selber bauen ist möglich am Modell der Grundrisse. „Die Archäologische Arbeit ist eine haptische Arbeit – immer vom Objekt ausgehend“, so Sieler.

Die Umgangshalle mit der neuen Ausstellung umrahmt die originalgroßen Gebäude, Altäre und Sockel, sodass die Besucher stets Blick darauf haben. Warum befindet sich heute ein Blitzableiter auf dem Herkulestempel? Wozu diente dieser Sockel? An den Fenstern richten Guckkästen den Blick auf Besonderheiten und bilden eine Brücke zwischen innen und außen. Der Neugierige kann aber zu einem beliebigen Zeitpunkt des Besuchs die Nachbauten draußen selbst abschreiten.

Warum taucht mit Isis auch eine ägyptische Göttin auf?

Noch sinnlicher geht es im Abschnitt über die Götter und Rituale zu. Dieser Teil befindet sich im linken Flügel. Hier kann man am Festtagskalender drehen, rituelle Klänge hören oder eine eigene Votivtafel gestalten. Die Römer hatten unzählig viele Götter, die sie verehrten. Und wählerisch waren sie auch nicht. Keltische, gallische oder afrikanische Gottheiten wurden in den eigenen Glauben integriert: Für jede Lebenssituation stand jemand zur Seite, wie Cardia, die Göttin der Türgriffe und Türscharniere oder Pax, der für Frieden zwischen den Göttern und den Menschen sorgte. „Wenn ich als Händler eine Reise unternommen habe, habe ich Merkur geopfert, damit er mir diese Reise ermöglicht, ohne Schaden zu nehmen“, erläutert Sieler.

„Cambodunum App“

Beim Suchspiel mit kleinen Bronzen aus Cambodunum sind die Attribute verschiedener Gottheiten wie Harfe, Füllhorn oder Adler zu sehen und zu befühlen. Wer in der Ausstellung gut aufgepasst hat, kann sie ihrem Besitzer zuordnen. Das spielerische Element nimmt eine große Rolle ein in der neuen Schau. Auch eine Station der „Cambodunum App“ mit Quizaufgaben und Virtual Reality führt in den Tempelbezirk.

Immer wieder Bezug zu Kemptener Fundstücken

Auf die verschiedenen Kult-Orte in Cambodunum geht eine große Faltwand ein, an dem man Stätten wie „Lavarium – Hausaltar“, „Gräberfeld“ oder „Kult am Wasser“ abschreitet. Auf der einen Seite: die Stadtkarte von Cambodunum, auf der anderen Seite die Erläuterung und Vitrinen mit den jeweiligen Fundstücken. „Ein Fluchtäfelchen erzählt die Geschichte eines Quartus, der verstummen sollte“, erklärt Schormair, Flüche „sind übrigens bei den Römern verboten gewesen, das durfte man nicht.“

Auch um Grabbeigaben, Staatskult und Kaiser-Verehrung geht es an dieser Station oder darum, was die Römer für Amulette trugen, und welche Bedeutung sie hatten. „Wir gehen immer aus vom Befund, vom Objekt, von dem was die Archäologen ergraben haben, von dem was sich darstellen lässt, um dann möglichst Low tech und nachhaltig und dennoch informativ zu zeigen: Das war die damalige Lebensrealität“, erläutert Sieler Prinzipien der Ausstellung.

Ganz besonders ist die Eingeweideschau, die Besucher selbst unternehmen können. „Das Opfertier muss für die Gottheit adäquat sein, es muss gesund sein“, erklärt Archäologe und wissenschaftlicher Volontär Emanuel Schormair (links). Zusammen mit der Leiterin der Stadtarchäologie Kempten und des Archäologischen Park Cambodunum Dr. Maike Sieler führte er am Dienstag vorab durch die Ausstellungsstücke und Mitmachstationen.

Archäologischen Park Cambodunum Emanuel Schormair Dr. Maike Sieler
Archäologe und wissenschaftlicher Volontär Emanuel Schormair (links) zeigt zusammen mit der Leiterin der Stadtarchäologie Kempten und des Archäologischen Park Cambodunum Dr. Maike Sieler die Eingeweideschau. © Susanne Lüderitz

Barrierefreiheit und Integration

Die Macher achteten auch auf Barrierefreiheit und Integration. Infotafeln auf Deutsch und Englisch liefern die wichtigsten Fakten. Für Menschen mit Sehbehinderung wird ein taktiles Leitsystem installiert und einzelne Modelle und Ausstellungsstücke können erfühlt werden. An den Aktivstationen prangen Braille- und Prismenschrift. Piktogramme erleichtern die Orientierung.

Eine Herausforderung in den Vorbereitungen war das Allgäuer Klima und die Integration der Halle, wie Schormair erzählt. „In der Umgangshalle ist nichts beheizt, bei den Tapeten mussten wir uns zum Beispiel nach dem Wetter richten, damit sie kleben bleiben.“ Ein strikter Zeitplan war also nötig. Jetzt ist es aber geschafft.

Eröffnungsprogramm

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