Eine Frage von Leben und Tod

Sollen die sechs Bäume am Mitarbeiterparkhaus des Klinikums weichen oder nicht?

Zwei Frauen und ein Mann protestieren in einem Wald gegen die Fällung von Bäumen; an die Baumstämme haben sie Schilder gelehnt mit der Aufschrift: „Ich bin wertvoll“.
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Mit Schildern kämpften Kati Bernhardt (v.l.n.r.), Kerstin Stark und Christian Knaus für den Erhalt von Bäumen am Mitarbeiterparkhaus des Klinikums. Nicht auf dem Foto ist Gesine Weiß, die auch mit dabei war.
  • VonSusanne Lüderitz
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Kempten – Zwei Experten, zwei Meinungen. Oft genug haben wir das beim Thema Corona erlebt. Für große Aufregung gesorgt haben jüngst auch sechs Bäume am Mitarbeiterparkhaus des Klinikums Kempten. Während der Forst sie fällen will, plädiert Baumpfleger Christian Knaus und weitere „Baumfreunde“ für den Erhalt, weitere Untersuchungen und die Sicherung eines Exemplars. Wer hat nun Recht?

Angefangen hat alles mit Fragezeichen. Kerstin Stark vom „Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten“ war aufgefallen, dass zwei Buchen und vier Eschen am Mitarbeiterparkhaus des Kemptener Klinikums zur Fällung markiert waren. Sie wunderte sich, dass die Bäume während der Brutzeit fallen sollen – ein No Go im Stadtgebiet.

Es handelt sich allerdings um ein Forstgebiet der Katholischen Waisenhausstiftung, das von der Stadt verwaltet wird. Im Forst muss die Brutzeit nicht beachtet werden, weil dort sonst lange Zeit keine Arbeiten möglich wären. Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten übernimmt die Bewirtschaftung. Die Fällung soll einerseits den Hang entlasten, andererseits das Mitarbeiterparkhaus schützen. Nicht zuletzt soll die Motorsäge knattern, weil die Buchen von Fäulnis, die Eschen vom Triebsterben befallen seien. Viele Gründe gibt es also.

»Baum hat Schaden erfolgreich bekämpft«

Mitnichten, findet der eingeschaltete Baumpfleger Christian Knaus, der auch Sachverständiger ist für die Verkehrssicherheit von Bäumen. Seiner Meinung nach reicht es, die Bäume zurückzuschneiden, um das Parkhaus zu sichern. Außerdem würden die Wurzeln der Bäume den steilen Hang sogar festigen, anstatt ihn zu belasten. „Bis auf ca. 30 Meter Entfernung talseitig war kein Hangrutsch zu erkennen“, schreibt Knaus in seinem fünfseitigen, bebilderten Gutachten. Was die Krankheiten der Bäume betrifft, so entdeckte auch Knaus einen Defekt am Fuß einer Buche. „Der Schaden ist älteren Datums und wurde durch Wundholz mit pilzhemmenden Eigenschaften auf ganzer Länge effektiv abgeschottet.“ Die effektive Abwehr von Schadorganismen würde zeigen, dass der Baum sehr vital sei und die Verkehrssicherheit nicht gefährde. Die Symptome an den Eschen befindet Knaus für „gering“. Eine Esche wächst auf einer Buche, hier habe er die Einschätzung noch nicht vollständig vornehmen können. Knaus warnt vor der rund 25 Meter breiten Schneise, die durch die Fällung entstehe: mit „hohem Sturz- und Bruchrisiko der angrenzenden Altbäume“, was erst recht die Sicherheit gefährde. Er plädiert für eine weitere Prüfung und dafür, die Bäume stehen zu lassen: „Dieser Forst gehört der Stadt Kempten. Es wäre den Bürgern sicher nicht zu vermitteln, dass in einer Entfernung von fünf Metern zum Stadtgebiet der Naturschutz endet“, zumal es sich um ein Landschaftsschutzgebiet handle.

Es geht auch um Haftungsfragen, erklärt dagegen der zuständige Revierförster Michael Balk vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), warum er beschlossen hat, die Bäume zu entfernen. In Sachen Verkehrssicherheit und Abstandsregeln sei er als verantwortlicher Förster in der Haftung. Das ergebe sich aus § 823 im Bürgerlichen Gesetzbuch, präzisiert durch annähernd 2500 Gerichtsurteile. Er habe in seinem Revier zum Beispiel dafür Sorge zu tragen, dass an Stellen, die zum Parken genutzt werden, kein Totholz herabfalle.

Balk weiß, wovon er spricht. Als vor zwei Jahren die Rosenmontagszüge wegen Sturmwarnung abgesagt wurden, starb ein Jogger in seinem Revier. Der Läufer war aufgebrochen, als es schon stürmte. Eine Weißerle brach in einer Böe, schleuderte auf den Weg und tötete den Jogger. „Das Verfahren gegen mich wurde eingestellt, weil kein ausreichender Verdacht bestand“, sagt Balk. Und zu den fraglichen Bäumen: „Eine Buche hat einen Schaden, eine andere Buche einen Tiefzwiesel.“ Das heißt, der Baum teilt sich. Bei Schnee ist die Last auf die zwei 15 Meter hohen Stämme sehr hoch. „Je weiter die Stämme auseinanderdriften, desto größer sind die Kräfte bzw. Hebel, die wirken.“ Und auch von den Eschen gehe Gefahr aus. „Mit ihrem Triebsterben hängen sie über das offene Parkhausdach.“ Die Regel laute, dass eine Baumlänge Abstand gehalten werden müsse. „Das Triebsterben kann ich nicht aufhalten“, bedauert der Förster. 

»Menschenwohl vor Baumwohl«

Ein Treffen führte die verschiedenen Parteien und Baumexperten am Ort des Geschehens zusammen. Baumpfleger Knaus schlug vor, auf eigene Kosten eine Kronensicherung in den geteilten Baum einzubauen, um ihn zu sichern. Die Buche mit Rindenschaden wollte er mittels Schallmessung auf pilzgeschädigte Stellen untersuchen (Vorgehensweise siehe Kreisbote vom 5. Juni). Der Forst lehnte ab. Balk erklärt im Gespräch mit dem Kreisboten, dass die Baumbetrachtung im Forst nicht so tief gehe wie in der Stadt und „was soll eine Kronensicherung und Schalluntersuchung bringen? Ich bin verantwortlich, halte meinen Kopf hin, dann entscheide auch ich.“ Im Forst gehe es darum, den Wald als Ganzes nachhaltig zu gestalten.

Zur Gefahr, dass der Hang abgehen könnte, sagt der Förster: „Weiter vorne ist der Hang wirklich abgerutscht; das hat damit nichts zu tun.“ Wie Knaus sieht er eher die Gefahr, dass das Waldstück durch die Fällung ausgeschwemmt werden könnte. Allerdings belasse er das Wurzelwerk in der Erde, welches den Boden stabilisiere. Der Stamm der Buche werde erst in einer Höhe von sechs bis acht Metern gekappt (Torsoschneiden), um stehendes Totholz für Höhlenbrüter zu schaffen. „Und dann wachsen schon wieder Bäume nach“, hält er die Rutschgefahr für gering. Auch die Gefahr, die eine entstehende Schneise mit sich bringen könnte, sieht er nicht. Die Entscheidung müsse man schon ihm überlassen. Balk versichert, dass auch ihm am Naturschutz gelegen sei, aber „Menschenwohl geht vor Baumwohl“. Und in vielen Situationen lasse er Bäume trotzdem stehen. Er wolle gerne erklären, wie im Forst gearbeitet wird. Dem „Freundeskreis für eine lebenswertes Kempten“ habe er bereits eine Führung angeboten.

Enttäuscht darüber, dass es beim Treffen vor allem um Haftungsfragen und weniger um den Zustand der Bäume ging, zeigte sich Gesine Weiß vom Freundeskreis. Die Stadt müsse sich grundsätzlich überlegen, wie sie mit solchen Fragen umgehen wird. „Der Wald war schließlich zuerst da.“
Genervt davon, dass sich Privatleute in solche Fragen einmischen, zeigte sich Oberbürgermeister Thomas Kiechle bei der jüngsten Stadtratssitzung. „Das regt mich langsam auf, wir haben Kompetenz in unserer Verwaltung. Es wird hier nicht willkürlich gefällt und geschnitten!“ 

Ein Dilemma

Gerti Epple von den Kemptener Grünen und Beauftragte im Stadtrat für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz, kann Forst und Baumfreunde verstehen. „Beide haben Recht“, sagt sie. Sie findet es ein Unding, wie die Haftungsfrage hier gehandhabt wird und dass man einem Beamten „automatisch unterstellt, er habe schlecht gearbeitet“. In der Stadt selbst sei die Lage eine andere, dort hafte die Kommune für schützenswerte Einzelbäume, sagt sie und bringt die Frage nach einer Versicherung auf den Tisch. „In der Natur kann man nicht alle Risiken abschätzen“, sagt Epple. Man könne bei einem Sturm auch von Dachplatten getroffen werden. Der Unterschied sei nur, dass Bäume sich nicht wehren könnten und deswegen oft weichen müssten. „Der Mensch ist so entfremdet von der Natur, dass er nicht mehr versteht, dass er Teil des Ökosystems ist und als erster geht, wenn es so weit ist“, warnt die Stadträtin davor, zu viele Bäume zu fällen. In ethischer Hinsicht müsse auch an die Brutzeit der Vögel gedacht werden.

Für Epple ist der über 200 Hektar umfassende städtische Forst, zu dem auch Flächen im Engelhaldepark gehören, „ein sensibler Bereich“. Die Bürger wüssten um den Wert der Bäume: Welch leistungsstarke CO2-Filter sie seien, dass sie Heimat sind für Vogel-Brutstätten und Insekten. „Wir werden mit diesen Themen vermehrt zu tun bekommen.“ Sie schlägt vor, dass in besonders sensiblen Bereichen des städtischen Forstes eine zweite Meinung eingeholt werden könnte. „Wir haben einen Baummanager in Kempten, der ebenfalls Forstwirtschaft studiert hat.“

Und wie geht es mit den sechs Bäumen am Mitarbeiter-Parkhaus nun weiter? Es gibt einen Kompromiss: Die Exemplare werden gefällt, allerdings erst im Herbst, wenn keine Vögel mehr brüten. Und: „Die große Buche mit dem Schaden werden wir versuchen zu halten“, erklärte Förster Balk bei einem erneuten Telefonat mit dem Kreisboten.

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