Kein dauerhaftes Schulmodell

Bei der Organisation des Unterrichts in Corona-Zeiten gibt es Nachbesserungsbedarf

Wandtafel mit Aufschrift „Corona“, davor ein Laptop mit Sinnspruch „Non scholae sed vitae discimus.“ auf dem Bildschirm, Collage.
+
„Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“, heißt es dem abgebildeten PC-Display nach im Lateinischen. Das bedeutet wohl, dass Digitalisierung auch an den Schulen mehr und mehr Einzug halten müssen wird.

Kempten – Ein neuer ‚Lockdown‘ in Folge steigender Infektionen mit dem Corona-Virus legt sich derzeit wie ein Leichentuch über das Land.

Anders als im Frühjahr werden diesmal Kitas und Schulen vorerst nicht geschlossen, sondern bieten gemäß dem Drei-Stufen-Plan der Bayerischen Staatsregierung weiterhin Betreuung in Kindertagesstätten und Unterricht an Schulen an. Das ist dem massiven Druck von Eltern geschuldet, die nicht weiterhin ihrer Arbeitsstätte fern bleiben können, um ihre Kinder zu betreuen, noch hinnehmen möchten, dass sich aus ihren Schösslingen Jahrgänge mit Corona-Exotenstatus entwickeln. Um den Regelbetrieb zu gewährleisten, muss es gemäß dem Drei-Stufen-Plan möglich sein, kurzfristig auf Änderungen des Infektionsgeschehen zu reagieren (Sieben-Tage Inzidenz pro 100.000 Einwohner).

Orientierung gibt das Infektionsgeschehen im jeweiligen Kreis. Dies bedeutet für Schüler, dass bei Stufe 1 ein Regelbetrieb unter Beachtung von besonderen Hygieneauflagen stattfindet. Ab Stufe 2, 35 – 50 Infizierte/100.000 Einwohner, wird das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes verpflichtend, wenn 1,5 Meter Mindestabstand nicht gewährleistet werden kann. Bei Stufe 3 ab 50 Infizierte/100.000 Einwohner wird der Mindestabstand von 1,5 Metern grundsätzlich wieder eingeführt. Die Klassen werden zur Hälfte aufgeteilt in Präsenz- und Distanzunterrricht. Es gilt zudem generelle Maskenpflicht, auch an Grundschulen. Darüber hinaus gilt in allen drei Stufen: Erkrankt ein Schüler an Covid-19, wird die gesamte Klasse für zwei Wochen in Quarantäne geschickt. Die Klassenräume müssen alle 45 Minuten für mindestens fünf Minuten gelüftet werden. Lineale, Stifte und ähnliches dürfen nicht geteilt werden. Kommen Schüler aus verschiedenen Klassenverbänden in übergreifendem Unterricht zusammen, dürfen sich diese nicht mischen. Auch außerhalb der Klassenräume gilt das Gebot, dass sich die Schüler aus den Klassenverbänden möglichst nicht mischen. Für viele Schüler bedeutet diese Vielzahl von Regeln und Maßnahmen eine große Belastung. Was aber sagen betroffene Schüler selbst?

Was sagen Pennäler?

Maximilian (17), Tobias (15) und Sebastian (15) besuchen eine weiterführende Schule in Kempten. Maximilian sagt, dass er in der Zeit des ersten Lockdowns gelernt hat, sich besser zu organisieren. „Durch gute Zeiteinteilung hatte ich letztlich mehr Freizeit und konnte mehr Energie in eigene Projekte stecken.“ Der Oberschüler empfand das tägliche, zweistündige Skypen mit Freunden als intensiver, aber auch strapaziöser als persönliche Begegnungen. Sebastian befand, dass er beim virtuellen Unterricht von einigen Lehrern mit zu vielen Aufgaben überfrachtet wurde und als begeisterter Turner vermisste er anfangs die Möglichkeit, Sport zu treiben. Als angenehm empfand Sebastian, dass er durch den Distanzunterrricht zu Beginn des Lockdowns sein Lerntempo selbst bestimmen konnte und seinen eigenen Rhythmus festlegen durfte. Bei Tobias entstand während der Zeit des Lockdowns ein Gefühl der Unmotiviertheit. Auch vermisste er den Kontakt zu Freunden, was zu Niedergeschlagenheit führte. „Ich habe in der Zeit des Lockdowns, bedingt durch die räumliche Distanz, angefangen die Schule weniger ernst zu nehmen“, sagt er.

Die drei Schüler erzählen, dass es lediglich eine Videokonferenz während des ersten Lockdowns gegeben habe, dass aber der I-Pad-Raum mit rund 25 Geräten zunehmend genutzt wird. Gewöhnungsbedürftig ist, dass in der kalten Jahreszeit zwischen den Unterrichtsstunden verpflichtend gelüftet werden muss, was die Jungs dazu bewegt, sich in dicke Jacken oder Decken zu hüllen. Die Abstandspflicht rund um das Schulgebäude wird nicht immer befolgt, so dass die Lehrkräfte darauf hinweisen müssen. Bisher wurden keine „Team-Lehrkräfte“ eingesetzt, wenn Lehrer den Unterricht nicht antreten konnten. In solchen Fällen kam es zum Unterrichtsausfall. Aufholbedarf gab es wohl hauptsächlich bei den Fremdsprachen. Maximilian: „Wenn wir über eine lange Zeit kein Englisch sprechen, entwöhnen wir uns der fremden Sprache.“ Auffallend war, dass von allen drei Schülern mehr die sozialen Missstände des Lockdowns als negativ empfunden wurden, als die rein schulischen. Unisono fehlte allen der Kontakt zu Freunden, Klassen- und Sportkameraden.

Referatsleiter zufrieden

Thomas Baier-Regnery, der Leiter des städtischen Referats für Jugend, Schule und Soziales ist mit dem Schulstart an den Kemptener Schulen weitgehend zufrieden. „Die Maskenpflicht in den ersten zwei Wochen Unterricht wurde notwendig, weil die Abstandsregeln nicht eingehalten werden konnten. Es war zudem notwendig für jede Schule ein eigenes „Bewegungsprofil“ für Kinder und Jugendliche zu erarbeiten, um eine zu starke Vermischung der Schüler während der Pausen und beim Wechsel der Klassenräume zu vermeiden“, erklärt Baier-Regnery. Glücklich ist der Referatsleiter darüber, dass es in puncto Digitalisierung noch einmal einen richtigen Schub gegeben hat. Es konnten durch zwei Förderprogramme zusätzlich 1300 Endgeräte besorgt werden. „Das kommt den Schülern zugute, deren Eltern sich diese Anschaffungen nicht leisten können“, sagt Baier-Regnery. Gleichzeitig würden die WLAN-Verbindungen und der Glasfaserausbau verbessert. „Trotzdem“, räumt Baier-Regnery ein, „gibt es bei all dem noch Luft nach oben“. Videokonferenzen sollen nach Vorstellung des zuständigen Referatsleiter den Unterricht ergänzen, „werden den Präsenzunterricht mit Lehrkraft aber nicht ersetzen können“. Für unerlässlich hält Baier-Regnery, dass Lehrkräfte mit eigenen Dienstmail-Adressen ausgestattet werden. Dienstmail-Adressen gibt es u.a. bereits in Nordrhein-Westfalen. Diese werden nur zu Dienstzeiten gelesen und beantwortet.

Die Maskenpflicht während des Unterrichts betrachtet Baier-Regnery kritisch. „Wir können nicht dauerhaft Kindern und Jugendlichen eine Maskenpflicht zumuten. Die Maske ist eine temporäre Möglichkeit, die Schutznotwendigkeit sicherzustellen. Das Ziel muss aber sein, sich irgendwann wieder normal zu begegnen.“

Jörg Spielberg

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Noch keine Einigung beim Ausbau der Grotz- und Rauholzstraße
Noch keine Einigung beim Ausbau der Grotz- und Rauholzstraße
»Solide ausgebildet und gut aufgestellt«
»Solide ausgebildet und gut aufgestellt«

Kommentare