Wertvoller Dachbodenfund

Beim Ausmisten entdeckt: Ein Brief an Nicolaus Zumstein & Vincent aus dem Jahr 1794 geht erneut auf die Reise nach Kempten

Ein Brief an Nicolas Zumstein kehrt zurück nach Kempten
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Freuen sich über neue und „sehr gut erhaltene“ Dokumente zur Causa Zumstein (im Hintergrund das Porträt von Nicolaus Zumsteinim Stadtmuseum): Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck und Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn.

Kempten/Wutöschingen – Ein Keller-Fund, ein dank Internet öffentlich archivierter Kreisboten-Artikel, ein Anruf in der Kreisboten-Redaktion und ein sogleich interessierter Stadtarchivar.

So oder so ähnlich könnte die Zusammenfassung der Geschichte lauten, die zwei zusammengehörende, laut Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck „sehr gut erhaltene“ Schriftstücke aus dem Jahr 1794 nach Kempten brachte.

Konkret handelt es sich dabei um einen auf feinstem Papier säuberlich geschriebenen Brief eines gewissen Emanuel Hoffmann von der Firma Hoffmann in Basel, dazu eine Rechnung an die Firma Zumstein in Kempten, angesprochen als „Nicolaus Zumstein & Vincent“. Als Lieferadresse ist allerdings Augsburg angegeben, was bei einem Unternehmen wie dem für damalige Verhältnisse „Global Player“ Zumstein kaum verwundert. Auch war Augsburg für die Zumstein ein wichtiger Bankenstandort und Sitz von Lieferanten.

Wie Wolfgang Petz in seinem Aufsatz „Die Kemptener Zumstein und ihr Haus“ im aktuell erschienenen „Allgäuer Geschichtsfreund“ (Band 120, 2020) schreibt, taucht die Geschäftsbezeichnung des Adressaten seit den 1750er Jahren aufgrund der Verschwägerung der beiden Gressoneyer Familien Zumstein und Vincent auf, wobei letzterer wohl nur als Kapitaleinleger beteiligt war. Wie Böck erläuterte, war Basel „ein bedeutender Lieferanten-Standort der Zumstein, die dort feine Bänder und Stoffe kauften“.

Gefunden hatte den handschriftlichen Doppelpack Wolfgang Schneider aus Wutöschingen im Kreis Freiburg, als er den Keller seines verstorbenen Vaters entrümpelte. Bei seinen Zumstein-Recherchen war er auf den Artikel „Das Zumsteinhaus“ von Yvonne Hettich gestoßen, der im Mai 2015 im Kreisbote veröffentlicht worden war. Nach einem Telefonat mit der Redaktion vor wenigen Wochen war der richtige Ansprechpartner schnell gefunden.

Adressat und Absender auf der Außenseite des Schreibens.
Geschäftsbrief des Baseler Lieferanten Emanuel Hoffmann.
Rechnung mit damals ungewöhnlichen „6 % Sconto“.

Obwohl es bereits zahlreiche Dokumente dieser Art in der Sammlung gibt (laut Böck umfasst der Bestand 134 Zumsteinbriefe bzw. Briefe von deren Mitstreitern wie den Familien Rial und Welf), freut sich Kemptens Stadtarchivar über zwei Dinge: Was die zeitliche Abfolge der Dokumente betrifft, klafft noch die eine oder andere Lücke, „sie fügen sich also gut ein in die Briefe, die wir schon haben“; und dass Schneider seinen Fund der Stadt unentgeltlich überlassen hat.

Inzwischen hat Böck den Geschäftsbrief vom 22. Februar 1794 entziffert: „Herrn Nicolaus Zumstein und Vincent von Kempten, dermalen in Augsburg in der Halle. In ergebener Beantwortung ihrer angenehmen Zuschrift vom ...“ Wie Böck erläuterte, werden darin „die Modalitäten der Lieferung und ihrer Kosten nach Augsburg geschildert, wobei Hoffmann „dankbarlich“ für den Auftrag eine Gutschrift einräume. Ferner charakterisiere er seine Ware selbstbewusst, bevor er um die Begleichung der beiliegenden Rechnung bitte: „Neuerdings günstigst verlangte Waaren sind von recht schöner ... Qualität zusammengefügt ... Und mir dafür laut innliegender factura 1696,26 Gulden gutzuschreiben höflichst bitte.“

Als „für diese Zeit eher ungewöhnlich“ sieht Böck die sechs Prozent Skonto, die auf der Rechnung eingeräumt werden: „Mit 6 % Sconto zahlbar.“ Diese werden auf die Summe von 1804,43 Gulden gewährt, so dass nur 1696,26 Gulden zu zahlen blieben.

Die einzelnen bestellten Posten sind in zwei Gruppen von Waren eingeteilt:

• Zwillichband (auch Zwillich), ein i.d.R. fester Leinenstoff (oder auch Baumwollstoff) mit Fischgratstruktur für Oberbekleidung oder Kissen, Bezüge und Vorhänge;

• Feiner Moiré, ein i.d.R. gemasertes/gemustertes Gewebe aus Seide (heute auch aus Viskose oder Kunstfaser) für Tücher, Schals, Umhänge oder auch Bänder für Orden.

Um wenigstens eine annähernde Vorstellung über die Höhe der Rechnungssumme zu haben, erklärte Böck, „für ein paar hundert Gulden war schon ein kleines Häuschen zu haben. Anhand der Briefe ist sichtbar, dass es schon ein bedeutender Wirtschaftsfaktor war, was die Familie umgetrieben hat.“

Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn sah hier einmal mehr ein Beispiel „für die gute Zusammenarbeit“ zwischen Archiv und Museum. „Wir tauschen immer Dinge aus, je nachdem wo sie besser aufgehoben sind“, sagte sie, deshalb werde der Brief mit Rechnung voraussichtlich im Archiv aufbewahrt. Trotzdem sei es „immer schön, wenn man Dinge geschenkt bekommt, die einen Bezug zu diesem Haus haben“.

Christine Tröger

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