Manchmal braucht es ein Zugpferd

Beim Bewegten Donnerstag kommt das Thema Vielfalt „auf den Tisch“

Menschen verschiedener Hautfarbe legen die Hände aufeinander
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Wie lässt sich die Vielfalt der Gesellschaft sichtbarer machen? Um Diversität ging es beim Kulinarischen Tischgespräch des Bewegten Donnerstag im Haus International.
  • VonChristine Reder
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Kempten - Wie bemerkt man Vielfalt und wo ist sie in unserem Leben vorhanden? Welche individuellen, institutionellen und strukturellen Veränderungen braucht es, um die Chancengleichheit zu fördern und Diskriminierung abzubauen? Wie können alle zu einer offenen Gesellschaft beitragen? Zu diesen Fragestellungen tauschten sich drei Experten mit Gästen beim gemeinsamen Essen und Trinken aus. Im Rahmen der Reihe „Bewegter Donnerstag“ hatten das Kempten-Museum und das Haus International (auch Gastgeber) zum Kulinarischen Tischgespräch mit dem Thema Diversität eingeladen.

Nach dem Corona-Lockdown startete die Veranstaltung erstmals wieder in Präsenz, wenn auch in nur kleiner Runde. Lajos Fischer, Geschäftsführer Haus International (HI), und Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn begrüßten die Teilnehmer mit den Fragen „Wo sehen Sie selbst Vielfalt?“ und „Wie merkt man Vielfalt?“. Verschiedene Sprachen in den Cafés, auf der Straße und auch in Geschäften prägen das Stadtbild, so die Meinung der Anwesenden.

Die Stadt sei schon immer vielfältig gewesen, erklärte Martin Valdés-Stauber, Stadtrat und Beauftragter für Offene Gesellschaft in Kaufbeuren. Über Jahrhunderte hinweg sei Kempten eine rivalisierende Doppelstadt gewesen. Freie Reichsstadt und daneben die Stiftsstadt mit dem Kloster. Erst im Jahr 1848 seien beide Stadtteile vereint worden. Auch im HI spiegle sich die Vielfalt der Stadt wider, ergänzte dessen Vorsitzende Gabriele Heilinger. Teilnehmer aus 125 verschiedenen Nationen hätten bisher die Integrationskurse besucht.

Es sei wichtig, kulturelle Vielfalt leben zu können, so wie man möchte. Die gesellschaftlichen Unterschiede seien nur zum Teil Geschichten mit Integrationshintergrund, ergänzte Fischer. Die Menschen kämen aus unterschiedlichen Herkunftsländern, aber es sei falsch, sie als „die Italiener“, oder „die Griechen“ zu bezeichnen. „Das sind wir“, betonte Fischer. Die Stadt Kempten möchte sich für die Vielfalt stärker einsetzen, erklärte er. So habe die Hochschule Kempten die Charta der Vielfalt bereits unterzeichnet und es sei der Wunsch da, Oberbürgermeister Thomas Kiechle möge auch für die Stadt die Urkunde unterschreiben. Denn überall sei Vielfalt, jung, alt, groß, klein – die Hautfarbe sei nebensächlich. Es gebe viel mehr Verbindendes als Trennendes, befand Fischer. „Allein das Wort ‚wir‘ hat die Macht, Menschen einzuschließen und auch auszuschließen“, zitierte Fischer Daniel Speck, einen deutschen Drehbuchautor und Schriftsteller.

„Das klingt alles sehr hoffnungsvoll“, meinte Didem Lacin Karabulut, Gymnasiallehrerin und Vorsitzende des Beirats für Integration, Migration, Flucht- und Aussiedlerfragen der Stadt Augsburg. Doch Situationen in Stuttgart und Augsburg würden Menschen mit Migrationshintergrund in den Vordergrund rücken. Fischer antwortete darauf mit dem Auszug aus einem Leserbrief: „Wer bin ich? Ich bin die große Sorge der Bürger. Ich bin derjenige, der immer schuldig ist. Ich bin der Flüchtling.“

Vielfalt wird im Alltag nicht sichtbar gemacht

Neben dem Bereich des Einzelnen zeige sich auch in der Öffentlichkeit die fehlende Akzeptanz der Diversität. So fehle bei Einweihungszeremonien die Vielfalt, erklärte Moderator Fischer. Beispielsweise die Eröffnung der Festwoche. Trotz 40 Prozent Migrationsanteil in der Kemptener Bevölkerung gebe es ein Kulturprogramm ohne Redner anderer Kulturen. Müller Horn schilderte eine ähnliche Situation bei der Eröffnung des Kemptener Stadtmuseums. Gerne hätte sie einen Imam eingeladen, doch das sei abgelehnt worden und nur ein evangelischer und ein katholischer Pfarrer seien dabei gewesen. „Das hat man halt schon immer so gemacht.“ Auch dem Experten Valdés-Stauber war dies nicht fremd. In Kaufbeuren etwa, „spielen Kinder die Geschichte der Stadt, aber sie spielen nicht, wer heute in der Stadt lebt“. Vorhandene Vielfalt werde nicht sichtbar gemacht, erklärte er. Im Alltag fehle die Vielfalt, da oftmals auch wenig Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund bestehe, ergänzte Katharina Simon, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Kempten.

„Manchmal braucht es ein Zugpferd“, betonte die dritte eingeladene Expertin, Ilknur Altan, Vorsitzende des Integrationsbeirates und Stadtratsbeauftragte für Integration der Stadt Kempten. Wie beispielsweise den türkischstämmigen Mann, der sich ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr in Kempten engagiere. Durch sein Engagement habe er andere motiviert, mitzumachen. Bei uns wachsen die Kinder mit „ehrenamtlicher Aufgabe“ auf, erklärte Altan. „Menschen mit Migrationshintergrund müssen herangeführt werden“.

Die drei geladenen Gäste seien auch keine klassischen Migrantinnen und Migranten, erklärte Fischer. Alle hätten eine vielfältige Biographie. Altan erzählte davon, wie sie mit zwei Jahren nach Deutschland gekommen sei, hier eine Ausbildung gemacht und sich durch ihre zwei Kinder im Elternbeirat des Kindergartens und der Schule engagiert habe. „Das war das, was ich wollte.“ Seit 19 Jahren ist sie Mitglied im damaligen Ausländerbeirat, jetzt im Integrationsbeirat. „Ich muss Ahnung haben, von dem was ich mache und zudem Freude daran haben“, nannte sie ihre Beweggründe.

Migration kurbelt die Menschheit an

Das Schicksal dieser Generation sei eine mehr als mangelhafte Wertschätzung, unterstrich Fischer. Die Menschen seien in Deutschland geboren und nicht eingewandert. Sie seien Mittelmenschen zwischen den Eltern und der Generation, die nach ihnen komme, ergänzte Karabulut. „Meine Generation hat es am schwersten, sie steht in der Mitte mit zwei Kulturen im Herzen.“ Migration kurble die Menschheit an und die Prosperität steige, sagte sie. Sie verglich die Situation mit Wasser. „Wenn das Wasser nicht fließt, wird es stickig und modrig. Kommen aber viele Ströme zusammen, bleibt es frisch und vital.“ Für sie bedeute das, dass die Stadt an der Migration teilhaben soll und dass daraus viele neue Ideen entstehen. Ihre Heimat sei Augsburg und nicht die Türkei. Aber Äußerlichkeiten überwiegen ihres Erachtens in der Meinungsbildung. „Ich gebe mich nicht damit zufrieden, auf Migration reduziert zu werden.“

Das Wort Integration werde falsch verwendet, erklärte Valdés-Stauber. Man könne sich in eine Gruppe oder Gemeinschaft integrieren, aber in eine Gesellschaft sei das nicht möglich, da sie zu unübersichtlich sei. Es werde immer Feinde einer offenen Gesellschaft geben, erklärte Fischer, wie etwa gleicher Rechte für Frauen. Am Theater sei ein Migrationshintergrund kein Hindernis, meinte Valdés-Stauber. „Am Theater wird man was, wenn man sehr, sehr gut ist.“

Doch wie müsste die Struktur, beispielsweise in der Politik, geändert werden, dass Vielfalt heute eine Selbstverständlichkeit ist?, fragte Fischer. „Sollte es eine Quotenregelung geben, wie etwa 50 Prozent Vielfalt?“ Die anschließende rege Diskussion zeigte, dass eine Quote ein mögliches Mittel sein kann, aber nicht die Lösung ist. „Alle Menschen, die hier geboren und zur Schule gegangen sind, sollten die gleichen Chancen haben“, forderte Valdés-Stauber. Katharina Simon erzählte von einer Begebenheit, die widerspiegelte, dass eine Quote nicht unbedingt angenommen wird. Sie wollte eine erfolgreiche Frau mit Migrationshintergrund interviewen sowie vorstellen und erhielt von ihr die Antwort: „Ich will nicht die Quotenausländerin sein.“

In Kempten soll es laut Altan ein Integrationskonzept geben, um mit Zielen und Maßnahmen Integration und Vielfalt zu unterstützen und zu fördern; ein Konzept für gesellschaftliche Teilhabe, verbunden mit Informationen und der Schaffung von Zugängen zu Dienstleistungen und Arbeitsmarkt. Zudem müssten die Strukturen für alle geöffnet werden, es dürfe niemand ausgeschlossen werden. Jeder soll die gleichen Chancen erhalten. „Alle Menschen, die Deutschland bewohnen, sind Deutsche“, zitierte Fischer einen Spruch aus dem Jahr 1848.

Zum Bewegten Donnerstag zum Thema „Bauen und Natur“ geht‘s hier.

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