»Man muss buddeln und graben«

Kempten benennt Knussertstraße um – der Anfang eines »spannenden« Prozesses ist gemacht

Das Straßenschild der Knussertstraße mit angefügter Kontextualisierung
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Auf dem Zusatz am Straßenschild sind die Meriten von Dr. Richard Knussert zu lesen. Solche Schilder könnten künftig dazu genutzt werden, über Schattenseiten der Namenspatrone zu informieren und ihnen so „den Nimbus des Helden“ zu nehmen.

Kempten – Würden Sie sich einen frühen Hitler ins Wohnzimmer hängen? Das war die zugespitzte Frage, die Moderatorin und BR-Journalistin Doris Bimmer mithilfe eines Comics stellte.

Wie sehr beeinflussen die Schattenseiten eines Künstlers sein Werk? In Kempten diskutierte man dieses Thema im Falle von Dr. Richard Knussert (der Kreisbote berichtete mehrfach). Ihm ist eine Straße am Lindenberg gewidmet. Nach zweijähriger Debatte in der Stadt haben sich die Stadträte letztes Jahr für die Umbenennung der Straße entschieden. Noch gibt es keinen neuen Namenspatron. Auch an anderen Orten beschäftigen sich die Bürger mit der Frage, wen sie mit ihren Straßennamen ehren und ob diese Personen die Würdigung aus heutiger Sicht noch verdient haben. Zum „Bewegten Donnerstag“ mit dem Thema „Unsere Straßen – Erinnerungskultur im Stadtbild“ hatte das Kulturamt Fachleute aus Augsburg, München und Berlin eingeladen, die von ihren Erfahrungen berichteten.

Der Prozess wird kein leichter sein. Darin waren sich die Experten einig. Strittig werde es schon bei der Erinnerung. „Jeder erinnert sich anders und deutet die Erinnerung anders“, sagte der Kemptener Kulturamtsleiter Martin Fink: Es gebe ehemalige Schüler, die Knussert schlicht als guten Lehrer in Erinnerung hatten und solche, die sich daran erinnerten, wie er die Judenvernichtung als „üble Propaganda der Engländer“ abtat.

Deshalb sei man den umgekehrten Weg gegangen und habe sich angeschaut, wie sich Knussert vor 1945 u.a. in seiner Tätigkeit als Referent für Kulturfragen im Reichspropagandaamt Schwaben und Stellvertretender Landeskulturwalter in der Reichskulturkammer verhalten hatte. Ein wissenschaftliches Gutachten „war relativ klar und schlagend. Knussert war kein Mitläufer. Er war jemand, der sich ganz nach vorn in die Bewegung gestellt hat“, sagte Fink, „das ist jemand, den man sich als Vorbild auf einem Straßenschild nicht wünschen würde.“

Dr. Andreas Heusler, der im Münchener Stadtarchiv das Sachgebiet „Zeitgeschichte und jüdische Zeitgeschichte“ leitet, bestätigte, dass auch das kollektive Gedächtnis oft Lücken aufweise. Auch seien die Perspektiven unterschiedlich. Psychologen hätten eine andere Sicht auf die Geschichte als Historiker oder Menschen mit Migrationshintergrund und und und. „Die Kunst ist, unterschiedliche interdisziplinäre Ansätze, Methoden, Dynamiken und Prozesse zusammenzubringen“, sagte er, ein Straßenname sei eine hohe Ehrung durch die Stadtgesellschaft, daher sollten die so Geehrten tatsächlich auch Vorbilder sein.

Er berichtete, dass die von der Umbenennung betroffenen Anwohner oft „dünnhäutig“ reagierten. „Die Adresse wird über die Jahre Teil meiner persönlichen Identität“, sagte Heusler. Vielleicht gefalle der Name auch. Und die Umbenennung bedeutet einen großen Aufwand, bis alle Ämter und Versicherungen angeschrieben und bezahlt sind. Da gebe es schon einmal heftige Zuschriften. Heusler selbst sei auch schon im Kreuzfeuer gestanden.

Andere wiederum wollen, dass die Straße, in der sie wohnen, nach ethischen Standards benannt ist, und sprechen sich für die Umbenennung aus. Die große Masse der Stadtbewohner sei aber gleichgültig, wenn sie nicht selbst betroffen ist.

Dr. Noa K. Ha pflichtete Heusler bei. Die Berliner Stadtforscherin arbeitet am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. Ihr Schwerpunkt ist die Post- und Dekoloniale Stadtforschung und die städtische Erinnerungspraxis. Schwierig sei es, wenn sich dich Nachbarschaft noch keine Gedanken gemacht hat und dann jemand von außen ein Problem am Straßennamen feststellt. „Aus einer Ecke, wo andere sagen: Das ist doch eine Minderheit. Das ist unbequem.“ Sie nannte das Beispiel des Afrikanischen Viertels in Berlin, wo es auch Straßennamen gibt, die an Kolonisatoren erinnern, die kriegsverbrechensähnliche Taten begangen haben.

In Augsburg gibt es – ähnlich wie sie in Kempten zusammentreten soll – eine Kommission, die Straßennamen untersucht, hinter denen eine NS-Belastung vermutet wird. Dr. Felix Bellaire berichtete von den Ergebnissen, zu denen sie kommen kann. Bellaire betreut die Fachstelle für Erinnerungskultur der Stadt Augsburg. Möglich sei dort neben der Umbenennung oder der Namensbeibehaltung die sogenannte „Kontextualisierung“ mit einem Zusatz am Straßenschild. „Dadurch wird dem Namensgeber der Nimbus des Helden genommen.“ Mit Hilfe eines QR-Codes kann der Interessierte noch weitere biographische Hintergründe erfahren. Ausschlaggebend, für welches Instrument sich die Kommission entscheidet, ist „der Grad der Belastung“. Zur Kontextualisierung komme es zum Beispiel, wenn es eine problematische Mitläuferbiographie ist oder die Person wichtig für die Stadtgeschichte. Oder aber die Forschung reicht für eine andere Entscheidung noch nicht aus. Die Augsburger Kommission habe bisher zwei Umbenennungen vorgeschlagen, denen jeweils eine Bürgerbeteiligung vorgeschaltet war. Auch den vier vorgeschlagenen Kontextualisierungen sei der Stadtrat gefolgt.

Dr. Ha erwähnte das Gröbenufer in Berlin, das nun nach der antirassistischen, afro-deutschen Aktivistin und Dichterin May Ayim benannt ist. Dort steht nun auch eine Stele, die an den ehemaligen Namensgeber Gröben und den Prozess der Umbenennung erinnert. Das May-Ayim-Ufer sei zu einem wichtigen Treffpunkt der schwarzen Community geworden, wo Lesungen veranstaltet werden und der Identifikation ermögliche. Es gebe viele Möglichkeiten, mit der Umbenennung umzugehen.

»Unliebsame Geschichte wird einfach gelöscht«

Dabei ist die Verständigung auf einen neuen Straßennamen gar nicht so einfach. Die Experten hielten die Umbenennung der Kemptener Carl-Diem-Straße in Karl-Diem-Straße zum Beispiel für verfehlt. Carl Diem war ein Sportfunktionär mit NS-Vergangenheit, Karl Diem ein SPD-Fraktionsführer im Kemptener Stadtrat, der von den Nazis inhaftiert wurde.

Man wolle aber auch vermeiden, dass der neue Name in ein paar Jahren ebenfalls zum Problem wird, weil es neue Forschungsergebnisse gibt. „Manche überlegen, die Straße nach einem Opfer zu benennen, aber ist es allein schon vorbildhaft, ein Opfer zu sein?“, fragte Fink. Bellaire riet dazu, eine Biographie mit möglichst wenigen „weißen Flecken“ auszusuchen.

Einen per se unverfänglichen Namen zu wählen wie „Edelweißweg“ oder „Veilchenweg“, sei aber feige. Dr. Ha erachtet es als wichtig, dass man mit dem neuen Namen im historisch-geographischen Kontext bleibt. Da brauche es „einen Verständigungsprozess über das, was wir für gut und ehrenwürdig halten und womit wir uns identifizieren wollen. Wir müssen buddeln und graben“, sagte sie über den für sie „spannenden Prozess“.

Für Heusler ist die Umbenennung die „Ultima Ratio“. Ihm wäre es lieber, wenn man am Diskurs dranbleibe und über die Jahre immer wieder debattiere. Er sieht die Tendenz, unliebsame historische Themen einfach zu löschen. „Ich möchte aber, dass wir darüber diskutieren!“, sagte er.

Alle sind Teil eines großen historischen Denkmals

Heusler sieht den Korpus an Straßennamen einer Gemeinde „als größtes begehbares Denkmal“ – und dazu im öffentlichen Raum und aus vielen verschiedenen Epochen. „Und alle Bewohner sind Teil davon, daraus könnte man eine tolle gesellschaftliche Debatte machen.“

In Berlin haben sich Stadtführungen bewährt, bei denen die Straßennamen thematisiert werden und die ehemaligen Bewohner der Häuser. Ausgearbeitet werden die Führungen von interessierten Laienhistorikern. Mit solchen Rundgängen lasse sich die Auseinandersetzung leicht in die Schulklassen bringen, berichtete Ha. „Neben großen politischen Debatten sind auch kleine nötig.“

Auch Fink sieht die Bewohner im Zentrum des Prozesses. Sie seien gezwungen, „sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich selbst neu zu definieren und Werte zu verhandeln“. In Kempten gebe es von einzelnen bereits den Wunsch, eine Frau mit dem neuen Straßennamen zu ehren.

Koloniale Vergangenheit nicht unter den Tisch fallen lassen

Grünen-Stadtrat und Geschäftsführer vom Haus International Lajos Fischer, der an der Diskussion teilnahm, forderte ein „multidirektionales Erinnern“. Inzwischen lebten ja viele Menschen mit Fluchterfahrung aus den ehemaligen Kolonien in Deutschland. Ha prophezeite hier viel harte Arbeit, sagte aber: „Die plurale Geschichte aufzuarbeiten, ist wichtig.“ Sie sah das größte Problem darin, dass viele gar nichts über die koloniale Vergangenheit wissen, obwohl es in den meisten Städten Bezüge gebe. Wenn man in die Stadtarchive schaue, finde man zum Beispiel Siedler, die ausgewandert sind. Man müsse sich auch anschauen, was in den Lehrbüchern vermittelt wird. Um die koloniale Vergangenheit sichtbar zu machen, gebe es vielerorts Spaziergänge mit diesem Schwerpunkt. Zoologische oder Botanische Gärten seien etwa Relikte aus dieser Zeit, deren Geschichte wir uns heute nicht mehr bewusst sind.

„Reisen Sie in Ihre Stadt und betrachten Sie die Dinge wie ein Tourist!“, empfahl Andreas Heusler, wenn es darum geht, die Menschen für ihre Stadt zu begeistern. Dadurch werden Dinge sichtbar, die im Alltag verschwinden. Vieles sei möglich, um die Menschen bei der historischen Aufarbeitung mitzunehmen. Von Kinderprojekten über die Öffnung der Archive bis hin zu Spaziergängen für Kinder oder Theaterprojekte, zählte Noa K. Ha auf.

Auf jeden Fall möchte Martin Fink den Menschen in Kempten die Möglichkeit geben, sich zu informieren. Für ihn ist weniger der Ausgang das Ziel, als der Prozess.

Den ersten Teil der Podiumsdiskussion gibt es als Video im Internet auf der Homepage des Kempten Museums unter: www.kempten-museum.de/de/veranstaltungen/2021/04-01-bewegter-donnerstag-unsere-strassen.

Susanne Lüderitz

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