Es geht um viel mehr als den Rodelhang

Bürgerinitiative »Rettet die Mühle Hopsassa!« erklärt Ziele

Kinder mit Schlitten, Bobs und Snowboard an einem Rodelhang bei Börwang im Allgäu, im Hintergrund das Dorf.
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Der Erhalt der in diesen Tagen viel genutzten „Mühle Hopsassa“ ist nur eines von vielen Themen, das der Bürgerinitiative unter den Nägeln brennt.

Börwang – Am geplanten Börwanger Baugebiet „Beim Mühlenbauer“ scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite sind da diejenigen, die auf einen Bauplatz hoffen. Auf der anderen gibt es viele, bei denen das Neubaugebiet auf große Skepsis stößt. Eine Bürgerinitiative hat bereits genügend Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt, bei dem die Bevölkerung selbst entscheiden soll, ob sie die Süderweiterung von Börwang will oder nicht.

Emotionaler Aufhänger ist der Erhalt des seit Generationen beliebten Rodelhangs „Mühle Hopsassa“, der durch das Baugebiet massiv verkleinert werden würde. Doch das ist nur ein Aspekt von vielen. Den Mitgliedern der Bürgerinitiative geht es um ganz grundsätzliche Fragen der Ortsentwicklung.

Am südlichen Ortsrand von Börwang sollen auf 3,3 Hektar Fläche voraussichtlich 35 Einfamilien- und ein Mehrfamilienhäuser entstehen. Zwei Planungsentwürfe sind im Rennen, im Februar möchte der Haldenwanger Gemeinderat sich für einen von beiden entscheiden (siehe Kreisbote vom 19. Januar). Doch zahlreiche Bürger gehen gegen die Pläne auf die Barrikaden. Im Zentrum der öffentlichen Diskussion steht dabei der von vielen gewünschte Erhalt des Rodelhanges `Mühle Hopsassa´ – ein emotional besetztes Thema für viele Börwanger. „Wir haben Bürgermeister Josef Wölfle und alle Gemeinderatsmitglieder in einem Schreiben darauf hingewiesen, dass die vorgeschlagenen neuen Rodelstrecken absolut unbrauchbar wären, weil sie zu kurz sind und keine ausreichende Neigung haben“, erklärt Norbert Wilms, eines der Mitglieder der Bürgerinitiative (BI). „Wir fragen uns auch, wie der Gemeinderat den Bürgern von Börwang erklären will, dass die beliebte Rodelstrecke nun doch für die Bebauung aufgegeben werden soll. Dabei existiert für deren Erhalt ein Gemeinderatsbeschluss, auf den am 17. Dezember 2019 noch einmal hingewiesen wurde.“ Das sei allerdings nur einer von mehreren Punkten, betont er.

Unkalkulierbare Mehrkosten

Die Mitglieder der Bürgerinitiative würden es grundsätzlich sehr begrüßen, dass die Gemeinde sich für Bauplätze für junge Familien einsetzt. Gleichzeitig mahnen sie, Bauplätze müssten für junge Familien bezahlbar sein. Da dürfe es keine unangenehmen Überraschungen geben. Darum sei es dringend erforderlich, mittels stabiler Daten zu den Erschließungskosten auf dem schwierigen Gelände (Wasseradern und Oberflächenwasser auf der Ostseite, 25 Prozent Gefälle) zu klären, ob eine Bebauung überhaupt wirtschaftlich vertretbar wäre. Bezüglich des Bodengutachtens hatte Bürgermeister Josef Wölfle zwar in der jüngsten Gemeinderatssitzung geäußert, dies habe ergeben, dass „alles bebaubar“ sei. Die Bürgerinitiative plädiert aber für eine Offenlegung der konkreten Ergebnisse des Gutachtens.

Ungeeignete Verkehrswege

Die starke Neigung des Geländes erschwere obendrein die Nutzung von Kinderwägen, Rollatoren oder Rollstühlen. Selbst wenn es gelingen sollte, innerhalb des Baugebietes eine Barrierefreiheit zu erreichen, so ende diese, sobald man zum Erreichen der Bushaltestellen, der Kirche, der Kita oder des Kindergartens in die Leonhardstraße einmünden muss. Diese Straße habe über die komplette Länge keinen Gehsteig, „stattdessen parken viele Autos der Anlieger auf der Straße“. Dies sei nicht nur gefährlich, sondern führe auch zu noch mehr Verkehr, da die Eltern ihre Kinder lieber mit dem Auto zu den Einrichtungen brächten, anstatt zu Fuß. Apropos Verkehr: Im Neubaugebiet müsse mit mindestens 75 Fahrzeugen der neuen Anlieger gerechnet werden, hinzu kämen Besucher, Lieferverkehr, Handwerker. Die ableitenden, sehr engen Straßen seien für diese Mehrbelastung nicht ausgelegt. 

Forderung nach Entwicklungsplan

Eine ganz grundlegende Forderung der Bürgerinitiative ist die nach einem Entwicklungsplan für Börwang nach Haldenwanger Vorbild. Dort lautet das Motto „Lückenschließung im Dorfkern – Ortskernsanierung & Flächen sparen“. Börwang hingegen, das inzwischen über 200 Einwohner stärker ist als Haldenwang, „franst aus und verliert die attraktive Mitte“. Seit der Gemeinderatssitzung am 12. Januar 2021 bestehe kein Zweifel daran, dass das Baugebiet nur ein Auftakt zu weiteren „Arrondierungen“ im Ortsteil Börwang Süd sei. Anstatt durch grenzenloses Wachstum an Einwohnern und Verkehr gepaart mit starkem Flächenverbrauch (durch das Baugebiet gingen 3,3 Hektar biolandwirtschaftlicher Anbaufläche ersatzlos verloren) einen weiteren Verlust an Lebensqualität von „fast allen“ Anwohnern des Ortsteils Börwang in Kauf zu nehmen, solle das Augenmerk der Gemeinde auf der Verbesserung der mangelhaften Infrastruktur liegen, so die Forderung der Verantwortlichen. Denn an der fehle es komplett. Gab es vor 30 Jahren in Börwang zwei Gaststätten, zwei Lebensmittelläden, einen Bäcker, einen Metzger und einen Frisör, so sei heute nur noch „ein zu klein geratener“ Dorfladen übrig, der den Bedarf nicht decke.

„Auf diese Diskrepanz werden wir beim Sammeln von Unterschriften immer wieder angesprochen“, so Norbert Wilms. „Wir hören auch, dass der starke Zuzug in den letzten Jahren nicht dazu geführt hat, dass die Vereine – außer dem TV Haldenwang und den Klausen – Zuwachs erhalten oder dass sich Neubürger durch ehrenamtliche Tätigkeiten einbinden. Ein lebendiges Dorf braucht mit Sicherheit mehr als eine Aneinanderreihung neuer Baugebiete. Eine einseitige Berücksichtigung von Interessen – in diesem Fall von Häuslebauern – ist nicht der richtige Weg.“ Vielmehr sehe die Bürgerinitiative ihre Aufgabe darin, „Fehler in den Vorhaben der Gemeinde anzusprechen und die Bevölkerung darüber zu informieren, um nach Möglichkeit mit entsprechenden Mehrheiten Fehlentwicklungen zu verhindern.“ Man wolle keine emotional aufgeheizte Debatte und keine Entzweiung im Ort. Stattdessen strebe man einen offenen, lösungsorientierten Dialog zwischen Gemeindevertretern und allen Interessierten an. „Wir werden das Gesprächsangebot des Bürgermeisters annehmen und Herrn Wölfle bitten, dass wir genauso wie die Bürgerinitiative ‚Nein zur Kiesgrube Pfaffenhofen‘ unsere Position vor dem Gemeinderat erklären dürfen.“

Sabine Stodal

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