»Wirlings ist überall«

Auch in ländlichen Gegenden lässt sich die Baukultur pflegen – Die randnotiz.29 des architekturforums allgäu ist ein Plädoyer für mobile Gestaltungsbeiräte

Ein altes, verfallendes Gebäude, der ehemalige Gasthof Rössle in Wirlings bei Kempten, an einer Dorfstraße in einem Garten.
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Das ehemalige Gasthaus und Krämerei Rössle in Wirlings.
  • vonChristine Tröger
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Oberallgäu – In seiner aktuellen Publikation, der 29. „randnotiz“ macht sich das architekturforum allgäu (af) für einen mobilen Gestaltungsbeirat im Oberallgäu stark. Warum das af hierfür dringenden Bedarf sieht, wird in der Publikation anhand einiger Beispiele aufgezeigt.

Besonders im Fokus steht die Gemeinde Buchenberg, die dem af sowohl positiv aufgefallen ist als auch negativ.

Gelungene Ortsmitte in Buchenberg

Wie es in der „randnotiz.29“ heißt, erfreut sich die Gemeinde Buchenberg seit geraumer Zeit einer neuen Ortsmitte, die allgäuweit zu einem Vorzeige-Objekt in Sachen Baukultur avanciert sei. Beginnend mit der Aufwertung des „Adler“-Umfeldes und der Freiflächengestaltung an Rathaus und Kirche im Jahr 2013 sei mit der klugen Entscheidung, den regionalen Lebensmittelmarkt weiterhin im Herzen der Gemeinde anzusiedeln, 2016 ein Wettbewerbsverfahren initiiert worden, das zum jetzt gebauten, stimmigen Ergebnis geführt habe. „Buchenberg ist also auf dem besten Wege zur Baukulturgemeinde und heißer Aspirant auf den nächsten Baukulturgemeinde-Preis Allgäu?“ Wie das af allerdings sogleich bedauert, scheine es, dass der vormals eingeschlagene Weg verlassen wurde, was es beispielhaft an zwei aktuellen Bauvorhaben in Buchenberg festmacht.

In Kürze zerstörte Ortsmitte in Wirlings

Zum Bauvorhaben „Ortsmitte in Wirlings“ schreibt das architekturforum: „Inmitten des Gemeindeteils Wirlings wurde jahrelang das historische Gasthaus mit ehemaliger Krämerei, seit jeher das (!) ortsbildprägende Gebäude neben der Kirche, tatenlos dem Verfall preisgegeben. Nunmehr erteilte der Gemeinderat einem Bauträger per Genehmigung einer entsprechenden Bauvoranfrage die Erlaubnis zu dessen Abriss und hat an gleicher Stelle der Errichtung einer überdimensionierten Wohnanlage zugestimmt. Somit ist abzusehen, dass die ‚Seele des Ortes‘ empfindlich in Mitleidenschaft gezogen wird, obwohl per se nichts gegen eine Mehrfamilienhaus-Nutzung spricht.“

Einzelfall Eschacher Straße

Über das zweite kritikwürdige Bauvorhaben heißt es in der Publikation: „Zudem hat die Gemeinde jüngst an der Eschacher Straße die Beseitigung eines intakten und bewohnten historischen Fachwerkhauses abgesegnet – zugunsten eines neuen Mehrfamilienhauses, das gar nichts mit der alten Struktur Buchenbergs und der gewachsenen Typologie seiner Bauten zu tun hat. Auch dieser Einzelfall offenbart den Rückzug der Entscheidungsträger auf die geltenden Rechtsvorschriften, ohne dass der baukulturelle Zusammenhang in irgendeiner Form eine Rolle spielt. Und das betrifft hier in gleichem Maße auch die übergeordnete Genehmigungsinstanz, nämlich das Landratsamt Oberallgäu.“

Das Fachwerkhaus an der Eschacher Straße in Buchenberg ist zum Abriss freigegeben.

Einrichtung eines Gestaltungsbeirates als Lösungsansatz

So stellt sich das architekturforum die Frage, wie solche Verluste von Kulturgut in Zukunft in unserer Region vermieden werden können, und regt zum wiederholten Male an, auf Landkreisebene einen mobilen Gestaltungsbeirat zu installieren, der von jeder Gemeinde bei Bedarf in Anspruch genommen werden kann. Besonders im Oberallgäu sieht das af einen solchen Schritt als „dringend geboten“, da hier – einzigartig im Allgäu – die Stelle des Kreisbaumeisters seit 2007 unbesetzt geblieben sei.

„Ein solcher Fürsprecher der Baukultur wäre in früheren Tagen bei den vorgenannten Beispielen als Fachinstanz mit Sicherheit zu Rate gezogen worden“, heißt es weiter.

Positive Erfahrung mit Gestaltungsbeiräten in Allgäuer Städten

Nicht von ungefähr hätten vor einigen Jahren die kreisfreien Städte Sonthofen, Kaufbeuren, Kempten und jüngst Memmingen bewusst Gestaltungsbeiräte ins Leben gerufen. „Und sie alle konnten damit durchweg positive Erfahrungen machen, wenn es um die fachliche Beurteilung komplexer baulicher Entwicklungen ging.“ Auch in ländlichen Gefilden hätte eine solche Expertise mit Empfehlungscharakter aus Sicht des af durchaus ihre Berechtigung, wie der Blick in den Bregenzer Wald zeige. „Hier werden seit vielen Jahren wichtige bauliche Entwicklungen durch Ratschläge von unabhängigen Fachleuten begleitet – nicht zuletzt deshalb gilt dieser Landstrich als europaweit vorbildliche Baukultur-Region, wovon sowohl der dortige Tourismus als auch die heimische Wirtschaft profitieren.“

Wie funktioniert ein mobiler Gestaltungsbeirat auf Landkreisebene?

Ein solches Gremium sei quasi zentral beim jeweiligen Landratsamt beheimatet und könne bei Bedarf von der jeweiligen Gemeinde angefordert werden – weil sich sicherlich nicht jede Kommune eigene Bauberater leisten könne, aber sich dennoch ein solch hilfreiches Instrument ohne weitere Verpflichtungen zunutze machen möchte. Als Mitglieder in Gestaltungsbeiräte berufen werden Architekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner, die nicht im Landkreis tätig sind, um eine unabhängige Beratung zu gewährleisten. Mit ihrem Fachwissen und ihrer Kenntnis der regionalen Bautradition vermögen sie neue Bauvorhaben hinsichtlich einer sinnvollen Weiterentwicklung unserer wertvollen Kulturlandschaft fundiert zu beurteilen.

Die Aufwandsentschädigung für Gestaltungsbeiräte orientiert sich an den Preisrichter-Gebühren der Bayerischen Architektenkammer. Bei mobilen Gestaltungsbeiräten ist die finanzielle Beteiligung des Landkreises und der Regierung von Schwaben auszuloten, sodass für die Gemeinden vermutlich nur eine geringe Selbstbeteiligung verbliebe. Die Satzung von Gestaltungsbeiräten könne, so das af weiter, ganz individuell gestaltet werden. Festlegbar seien unter anderem Anzahl, Zusammensetzung und Rotation des Gremiums, Art und Weise der Beratung, terminliche Taktung und dergleichen.

Das architekturforum allgäu sieht deshalb „Vorteile über Vorteile“, die dem zukünftigen baulichen Erscheinungsbild unserer Region zugutekämen. Daher wolle man sich weiterhin intensiv für die Einrichtung von mobilen Gestaltungsbeiräten in allen vier Allgäuer Landkreisen einsetzen.

Gemeinde ist »auch nicht glücklich«

Enttäuscht zeigte sich Buchenbergs Bürgermeister Toni Barth gegenüber dem Kreisboten, dass es vor der Publikation des af „keinerlei Kontaktaufnahme“ mit ihm gegeben habe. Die gelungene Ortsmitte lasse sich vor allem nicht mit den beiden anderen Bauvorhaben vergleichen, denn das Grundstück der Ortsmitte „ist im Eigentum der Gemeinde“ und die beiden anderen im Privatbesitz.

Was das Haus an der Eschacher Straße betreffe, sei es zudem nicht richtig, dass es sich um ein „intaktes und bewohntes Fachwerkhaus“ handle, sondern um ein Haus, das nur in Teilen bewohnbar sei. „Wir als Gemeinde sind auch nicht glücklich, dass es verschwindet“, bedauerte Barth, aber bei den Gesprächen mit den Eigentümern hätten diese „kein Entgegenkommen“ gezeigt. Für das Vorhaben in Wirlings sei noch gar kein Bauantrag eingereicht worden, erklärte Barth. Abgesehen davon sei das Gebäude nach einer Prüfung als „so kaputt“ eingestuft worden, „dass nur ein Abriss möglich ist“. Laut Barth wollen die Eigentümer den Neubau zumindest „in der gleichen Kubatur“ erstellen. Beide Gebäude seien zudem nicht denkmalgeschützt.

Als Gemeinde habe man auch kaum eine Chance einzugreifen, da es „in der Regel keinen Bebauungsplan“ für diese Gebiete gebe und man solche nicht einfach „überstülpen kann“. Im Übrigen halte er es für fraglich, ob sich durch einen Gestaltungsbeirat etwas ändere, da er letztendlich „nichts zu sagen“ habe. Deshalb prüfe man derzeit, ob eine Ortsgestaltungssatzung ein möglicher Hebel sein könnte. Allerdings würden manche Gemeinden mit solch einer Satzung bereits wieder zurückrudern.

kb/Christine Tröger

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