Historie spannend und fundiert

Der neue »Allgäuer Geschichtsfreund« behandelt Themen von Familie Zumstein bis zur NS-Zeit in Kempten

Ein Gemälde, das den Kemptener Tuchhändler Johan Nikolaus Zumstein zeigt, der einen Brief liest.
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Johann Nikolaus Zumstein und der Geschichte seiner Familie ist einer der Aufsätze im neuen „Allgäuer Geschichtsfreund“ gewidmet.

Kempten/Allgäu – In guter alter Tradition ist jüngst der inzwischen 120. Band aus der Reihe „Allgäuer Geschichtsfreund“ (AGF), dem Jahrbuch des Kemptener Heimatvereins, erschienen, einmal mehr gefüllt mit interessanten, gut aufgearbeiteten Themen zur heimischen Geschichte.

Neu ist diesmal das „Gewand“, in dem sich die Schrift präsentiert, u.a. mit typografischer Neugestaltung des Titels, auch um die inhaltliche Weiterentwicklung des AGF zu unterstreichen. Markus Naumann, der Vorsitzende des Heimatvereins, und sein Redaktionsteam wollen dem AGF damit einen Platz unter den von der Forschung wahrgenommenen Fachzeitschriften sichern. Deshalb auch der neue Untertitel: „Zeitschrift für historische Forschung und Heimatpflege“.

Spektakulärer als die formalen Neuerungen aber sind zweifelsfrei die Themen, mit denen sich die 120. Ausgabe des AGF in Aufsätzen, kürzeren Beiträgen, Buchbesprechungen und auch dem Jahresbericht des Heimatvereins Kempten befasst und die neben der Fachwelt auch die Vereinsmitglieder sowie generell Interessierte ansprechen sollen.

Ein Aufsatz, der sicher viele LeserInnen finden dürfte, ist „Die Kemptner Zumstein und ihr Haus“ überschrieben. Musste das imposante Gebäude mit seinem im Dezember 2019 darin eröffneten Kempten Museum coronabedingt seither die meiste Zeit geschlossen bleiben, lässt Wolfgang Petz in seinem Beitrag die Geschichte rund um das Haus und seine Besitzer und Bewohner aufleben. Petz hat für seine Recherche nicht nur Briefe und Archivquellen bemüht. Er hat auch Verbindung mit Nachkommen und Verwandten der einst aus dem Lys-Tal (italienisch Valle di Gressoney) im Aostatal eingewanderten Kemptener Zumstein aufgenommen. Wie Petz schreibt, lebten die Zumstein zwar nur wenige Jahrzehnte lang in Kempten, stünden aber beispielhaft für zwei für die Geschichte der Stadt charakteristische Aspekte: die Bedeutung der bis in die Antike zurückreichenden transalpinen Beziehungen und die des seit dem Mittelalter in Kempten wirtschaftsweisenden Freihandels. Die auf 55 Seiten erzählte bewegte Geschichte ist reich bebildert.

Der zweite Aufsatz stammt von Klaus Wankmiller und beschäftigt sich mit dem Thema „Kirchenmusik und Klosterkomponisten im Kloster St. Mang in Füssen“. Dort haben Musik und Gesang eine lange Tradition, gehörten sie doch zum Alltag der dort lebenden Benediktinermönche. Neben der Musik und deren Komponisten geht Wankmiller auch auf Füssen als Ort des Instrumentenbaus ein, eine Tradition, die dort bis heute gepflegt wird und Musiker von Nah und Fern anlockt. Wie Wankmiller schreibt, war Füssen „nicht nur die Wiege des Lauten- und Geigenbaus“, sondern entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts „zu einem Zentrum des süddeutschen Orgelbaus“.

Ein in Kempten stark polarisierendes Sujet packt Martina Steber in ihrem Aufsatz „Volksgemeinschaft, Führerkult und Terror. Der Nationalsozialismus in Kempten“ an; man muss sagen, sie greift es erneut und nun in schriftlicher Variante auf. Hatte sie doch mit ihrem Vortrag zum Thema im Rahmen des „Bewegten Donnerstag“ im Kempten Museum vergangenen Juni bereits ziemlich Staub aufgewirbelt, bis hin zum haltlosen Vorwurf, sie habe „schlampig recherchiert“. Viel Lob für den sachlich fundierten Inhalt kam von anderen Seiten und schlussendlich hat Steber es mit ihrem Vortrag geschafft, einen Prozess in Gang zu bringen, der bis dato nur in seltenen Ausnahmefällen und wenn unvermeidbar angepackt wurde: die Umbenennung von Straßennamen, wenn die Namensgeber als ehemalige Nazis entlarvt sind. Vor allem aber hat sie unaufgeregt die Aufarbeitung der bislang eher hartnäckig verdrängten NS-Zeit in Kempten ins Rollen gebracht. In ihrem Aufsatz zeigt sie nach einem forschungsgeschichtlichen Überblick deshalb mögliche Themenfelder für die künftige Forschung auf.

Ein kleinerer Beitrag von Gerta Beaucamp, unter Mitwirkung von Wolfgang Petz, befasst sich mit dem „Kemptner Arzt Dr. Johann Friedrich Bilder (1625-1708)“, der „zweifellos zu den bedeutendsten Medizinern“ gehört habe, „die die kleine Reichsstadt hervorgebracht hat“.

Der „Allgäuer Geschichtsfreund – Zeitschrift für historische Forschung und Heimatpflege, Band 120 · 2020“ ist erschienen im Likias Verlag und unter der ISBN 978-3-9820130-9-1 dort oder im Buchhandel für den Preis von 18 Euro erhältlich.

Christine Tröger

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