Ohrgängige Kammermusik

"Classix" startet erfolgreich mit neuem Konzept in die Festivalwoche

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Das von Franz Schubert in seinem letzten Lebensjahr komponierte „Streichquintett in C-Dur D956“ gaben nach der Pause (v.l.) Benjamin Schmid, Dalina Ugarte, Veronika Hagen, Franz Bartolomey und Matthias Bartolomey zum Besten und ernteten langanhaltenden Applaus.

Kempten – Auch wenn die handverlesenen sieben Musiker und der künstlerische Leiter Benjamin Schmid höchstpersönlich dieses Werk sehr solide und sauber, aber nicht atemberaubend darboten. Auch wenn Max Bruch, der Komponist, mit jedem seiner musikalischen Einfälle für das 1920 geschriebene Werk nach hinten und nicht nach vorne ins gerade begonnene 20. Jahrhundert blickte und auch wenn der Komponist nie zu den Wegbereitern einer sich stets weiterentwickelnden Musik gehörte, so war dieses Oktett in B-Dur doch ein ungemein gut gewähltes erstes Stück für ein Musikfestival, das sich zum Anspruch macht, die Türen der Kammermusikkammer weit zu öffnen, so dass auch bislang Außenstehende Zugang zu ihr finden sollen.

Ein ähnliches Bild hatte noch Minuten zuvor Staatsminister a.D. Dr. Thomas Goppel, Präsident des bayerischen Musikrats, in seiner Begrüßungsansprache verwendet, um neben den Grußworten von Festivalorganisator Dr. Franz Tröger und Kemptens OB Thomas Kiechle das diesjährige Festival zu eröffnen. 

Gut gewählt, weil dieses dreisätzige Stück so tat, als hätte es keinen Richard Wagner gegeben, nicht einmal die rhythmischen Finessen und melodischen Rückungen eines Johannes Brahms hatten es beeinflusst, ganz zu schweigen von den musikalischen Neuerungen eines jungen Richard Strauss oder Claude Debussy. 

Und so floss ein perfekt gesetzter und mit sicherem Formgefühl ausgestatteter (denn das konnte Max Bruch sehr gut), aber eben sehr eingängiger und konventioneller musikalischer Strom von der ersten Note der acht Musiker bis zur letzten. Wohlklang, wie man ihn auch von Max Bruchs bekanntestem Werk her kennt, seinem ersten Violinkonzert, und auf den sich bestimmt auch weniger der Kammermusik geneigte Hörer einlassen können. 

Der schöne Nebeneffekt: Jeder der zahlreichen Zuhörer war neugierig auf das zweite Stück, das nach der Pause auf dem Programm stand. 

Und hier nun wurde einiges anders: Das Werk ist zwar auch im letzten Lebensjahr seines Komponisten geschrieben, dies aber knapp 100 Jahre früher, es weist mitnichten in die Vergangenheit und es wurde von den fünf Musikern – wieder dabei Benjamin Schmid an der ersten Violine – nahezu perfekt vorgetragen. 

Franz Schuberts Streichquintett in C-Dur D 956 ist ein Meisterwerk seiner Gattung und seines Komponisten. Schubert versucht nie wie Bruch, einem starren Klangideal „hinterherzukomponieren“, sondern sein Klang entsteht durch die Komposition, die sich aus den inneren Notwendigkeiten der Welt des Komponisten zusammenfügt. 

So wählt Schubert zwei Celli statt der üblichen zwei Bratschen – wunderbar wie feinfühlig die beiden Cellisten Franz und Matthias Bartholomey zum fein austarierten Klang aller fünf Musiker beitragen – und stellt gleich im ersten Satz einen Verminderten-Akkord der Durtonika-Harmonie gegenüber, was zu eigenartigen Reibungen führt. Solche Reibungen wird Richard Wagner erst Jahrzehnte später für die allgemeine Musikverwendung salonfähig machen, was zeigt, wie modern Schubert hier bereits komponierte. 

In dem ungewöhnlich langen viersätzigen Werk (ca. 50 Minuten) ist ein Fülle an Ideen, Materialien und musikalischen Durchführungen enthalten, die zu analysieren Anlass für ganze Doktorarbeiten bietet. 

Den fünf Musikern gelang es durch ihren sensiblen und transparenten Vortrag die große schlüssige Form herauszuarbeiten, die immer wieder von kleinen Höhepunkten getragen wird und so den ersten Abend des diesjährigen Festivals zu einem vollen Erfolg werden zu lassen. Der langanhaltende Beifall des Publikums unterstrich dies.

Jürgen Kus

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