#AlarmstufeRot

Videokonferenz mit MdB Stephan Thomae zur Krise der Allgäuer Veranstaltungsbranche

Eine Klaviertastatur, auf der eine rechte Hand spielt, darüber der rote Stempelabdruck „Verboten“.
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Kultur und Vergnügen verbieten, um das „Virus zu besiegen“? Dazu gab es viel Widerspruch von Betroffenen bei einer FDP-Videokonferenz.

Kempten/Allgäu – Die Branche, die wirtschaftlich unter dem zweiten Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie am meisten leiden muss, ist die Eventbranche. Bereits mehrmals haben betroffene Unternehmen und Soloselbstständige unter dem Motto „#AlarmstufeRot“ Aktionen veranstaltet oder Demonstrationen organisiert.

Bei der letzten großen Demonstration am 28. Oktober in Berlin war auch der Bundestagsabgeordnete Stephan Thomae von der FDP anwesend. „Die Stimmung dort war deprimierend“, so das Fazit des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. Nicht zuletzt dieser Beobachtung wegen luden nun die FDP-Oberallgäu und FDP-Kempten zu einer Videokonferenz unter Anwesenheit von Stephan Thomae ein.

Dieser wollte sich mit den Kreisvorsitzenden Michael Käser und Frank Häring ein Bild von der Betroffenheit der Allgäuer Eventbranche machen. Unter dem Titel „#AlarmstufeRot – Allgäuer Eventbranche vor dem Aus“ waren die langjährige Technische Leiterin der Allgäuer Festwoche Marianne Lechner, der Clubbesitzer Johannes Palmer, die Kinobetreiber Andrea Dietel-Sing und ihr Sohn Matthias Sing sowie der Pianist Andreas Schütz bereit von ihren Erfahrungen zu berichten. Zu Beginn gab Thomae zu bedenken, dass derzeit Stillstand finanziert werde, anstatt zu versuchen mit intelligenteren Maßnahmen die Auswirkungen des Lockdowns abzumildern. „Das alles bedeutet für den Bundeshaushalt im kommenden Jahr eine Mehrbelastung von rund 139 Milliarden Euro. Die Spätfolgen dieser Politik werden noch in Jahren spürbar sein“, so Thomae. Er plädiert für mehr Ausnahmen und Befreiungsmaßnahmen unter Vorgabe des Artikels 12 und 14 des Grundgesetzes.

Schweigegeld?

Schütz hatte unlängst in einem Brandbrief an Ministerpräsident Söder das Leid seiner Branche geschildert. Für ihn und befreundete Musiker stellten die in Aussicht gestellten Hilfsprogramme eher ein „Russisch Roulette“ dar, als eine direkte Hilfe. „Es gibt zu viele Hilfsprogramme mit zu unterschiedlichen Bemessungsgrundlagen, Einschränkungen und Ausnahmen“, beklagt der Pianist, der in diesem Jahr rund 90 Prozent Umsatzeinbußen verzeichnet. „Ich habe die Hoffnung aufgegeben, einen ausreichenden Betrag an finanzieller Hilfe zu erhalten.“ Ähnlich frustriert äußert sich Familie Dietel-Sing vom Colosseum Center. Die bezeichnet das in Aussicht gestellte „Novembergeld“ scherzhaft als „Schweigegeld“. Gespannt sind Andrea Dietel-Sing und ihr Sohn Matthias Sing, wie viel sie am Ende an finanzieller Hilfe tatsächlich erhalten. Die bisherigen Hilfen waren, so Mutter und Sohn, „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Matthias Sing hatte zu Beginn des zweiten Lockdowns im Eilantrag eine Popularklage vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof und dem Bundesverfassungsgericht angestrengt. Beide Klagen wurden vorerst abgelehnt. Was die Kinobetreiber am meisten stört, ist die Tatsache, dass der Eindruck entstehe, Veranstaltungsorte wie Kinos seien grundsätzlich als Keimzelle von Infektionen zu betrachten. „Da wir alle erforderlichen und teuren Hygienemaßnahmen in den Sommermonaten umgesetzt hatten, gab es in unseren Kinos nicht einen einzigen Infektionsfall“, sagt Andrea Dietel-Sing. Dass die Branche die Zeit zwischen den beiden Lockdowns genutzt habe, um intensiv in Hygienemaßnahmen zu investieren, kann Marianne Lechner bestätigen. Die langjährige Technische Leiterin der Allgäuer Festwoche und studierte Architektin hat sich zur Fachplanerin für vorbeugenden Brandschutz und zur geprüften Meisterin für Veranstaltungstechnik weiterbilden lassen. „Die ganze Branche hat sich bemüht, um allen Besuchern ein Höchstmaß an Sicherheit zu ermöglichen“, sagt Lechner. 

„Wir verbieten Leben“

Neben der Angst vor dem Virus aber treibe derzeit der „Virus der Angst“ die Menschen an. Dass führe dazu, dass die Branche auch zukünftig an Kunden verliere, weil ein generelles Misstrauen gegenüber größeren Veranstaltungen bestehe. Die Folge sei, dass sich u.a. Jugendliche in private Räume zurückzögen, in denen keine Hygienevorschriften befolgt würden. Den mangelnden Respekt gegenüber der Branche verspürt auch Johannes Palmer, der seit 17 Jahren das „Parktheater“ betreibt und Veranstaltungen wie das Stadtfest Kempten mitorganisiert. „Unter meinen Mitarbeitern herrscht Unsicherheit, Angst und Perspektivlosigkeit, zum Teil. werden diese in Hartz 4 geschickt“, berichtet er. Auch Andrea Dietel-Sing vermisst seitens der Politik mehr Respekt vor der Lebensleistung von Unternehmern aus der Veranstaltungsbranche. „Unsere Betriebe haben schwarze Zahlen geschrieben, wir haben Gewerbesteuer abgeliefert und werden wie Bittsteller behandelt“, so das derzeit bittere Fazit der Kinobetreiberin. Stephan Thomae versprach, die gesammelten Eindrücke mit nach Berlin zu nehmen und sich weiterhin dafür einzusetzen, dass die Event- und Veranstaltungsbranche aus dem Stillstand herauskommt und nicht das zutrifft, was Marianne Lechner diagnostiziert: „Wir verbieten Leben.“

Jörg Spielberg

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