»Bäume auf die Dächer«

Der »Bewegte Donnerstag« bietet Anregungen, wie man Natur und Bauen versöhnen kann

Bosco Verticale Zwei Hochhäuser in Mailand mit Bäumen an der Fassade
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Bäume auch an den Fassaden: Franz G. Schröck, Geschäftsführer des architekturforums allgäu, zeigte beim Bewegten Donnerstag zum Thema „Naturvielfalt in Allgäuer Siedlungsräumen“ auch den „Bosco Verticale“ in Mailand, der den Internationalen Hochhauspreis gewonnen hat.

Kempten/Landkreis – Der „Bewegte Donnerstag online“ bewegte die TeilnehmerInnen in diesem Monat wahrlich. An wen muss ich mich wenden, wenn mir ein Baum biotopwürdig erscheint? Woher bekomme ich Anregungen für ein dörfliches Quartier mit offenem Wasser im Zentrum?

Wie kann man die Stadt dazu bringen, mehr Blühflächen anzulegen? Die ZuhörerInnen wollten von den Diskutanten auf dem Podium ganz praktische Handlungsanleitungen dafür, wie sie politisch etwas bewegen können. Es ging erneut um ein brisantes Thema. Um Klimawandel, Artenschwund, Aufheizung der Städte und dem Verlust von Aufenthaltsqualität in Straßenzügen ohne Grün etwas entgegenzusetzen, hatte Franz G. Schröck, Geschäftsführer des architekturforums allgäu, eine Online-Konferenz zum Thema „Naturvielfalt in Allgäuer Siedlungsräumen“ vorbereitet. Betrachtet wurden Stadt, Dorf, Bauernhof und aber auch Gewerbe-Anlagen.

Auf dem Land gab es früher viele Bauerngärten, die wie Kleinbiotope wirkten. In den Ställen nisteten die Schwalben. „Biodiverse Flächen werden nun seltener“, erklärte Schröck. In der Stadt sei der Prozess parallel verlaufen. Selbst in der Bauhauszeit finde man neben begrünten Wegen und vielen Bäumen noch Nutzgärten in den Städten, wie zum Beispiel in den May-Siedlungen in Frankfurt am Main. Heute gibt es mehr Siedlung und weniger Grün. „Das grüne Bauen war ein defizitäres Thema, bis es die Bürger mit dem Urban Gardening, also dem Stadtgärtnern, selbst in die Hand nahmen“, so Schröck, der einige aktuelle Beispiele bekannter Planer parat hatte, wie man für mehr Biodiversität sorgen kann.

So seien in Mailand die Begrünung und Öffnung zweier Bahntrassen geplant, um das Stadtklima zu verbessern. Neben zahlreichen Bäumen und Pflanzen ist ein großes Wasserbecken vorgesehen, das Wasser filtern, Badegelegenheit geben und für Abkühlung sorgen soll. Während in New York die Dächer der Wolkenkratzer in Weiß getüncht werden, damit sie die Stadt nicht so stark aufheizen, schützen in Kopenhagen Biotopflächen in Wohnsiedlungen vor Überschwemmung, indem sie das Wasser der zunehmenden Starkregenereignisse aufnehmen. Im Sommer sorgen die wasserverdunstenden Pflanzen dann nach dem „Prinzip Schwammstadt“ für Abkühlung.

Nur noch 50 Prozent Verkehrsaufkommen

In Stuttgart werde eine bis zu 13-spurige Stadtautobahn, die B14, zurückgebaut. Bei dem Wettbewerb gehe man davon aus, dass es bald nur noch 50 Prozent Individualverkehr geben wird. Die Straße soll künftig nur noch vier Spuren breit sein zugunsten von Natur, Fußgängern und Radfahrern, erklärte Schröck.

Andreas Hummel, der stellvertretende Bauernverbands-Kreisobmann im Oberallgäu, sieht das Allgäu in puncto Grün noch relativ gut aufgestellt, wenngleich es „bestimmt Regionen gibt, in denen man etwas verbessern kann“. Für bauliche Veränderungen auf den Bauernhöfen hätte unter anderem die Hinwendung zum Laufstall geführt. „Da muss man schauen, wie das wieder besser in die Landschaft passt“, sagte Hummel. Seit einiger Zeit sei der Ausgleich und die Minimierung von Bau-Eingriffen Pflicht, das heißt, deren Eingrünung. „Uns hat das Landratsamt Bäume vorgeschrieben“, sagte er.

Bernd Nothelfer von der Unteren Naturschutzbehörde des Ostallgäus hatte Erklärungen dafür, dass Ställe heute weniger von Grün eingerahmt sind als früher. Seine Behörde prüft, inwiefern Bauvorhaben dem Naturschutzrecht entsprechen. Nothelfers Erfahrung nach sind manche Landwirte offen für die Maßnahmen, manche weniger. Den Grund dafür sieht er weniger in den Kosten für die Pflanzen als die Absicht, Grund und Boden möglichst effektiv zu nutzen. „Und Pflanzen machen Dreck. Aber das ist vor allem innerorts ein Grund für wenig Grün“, sagte Nothelfer. Er hält auch mehr extensive landwirtschaftliche Flächen für notwendig. Ihr Mehr an Struktur sei wichtig für die Artenvielfalt: „Wenn wir allein die vorhandenen Arten halten wollen, brauchen wir zehn Prozent mehr Biotopanteil.“ Die Fördergelder seien da.

Geht es nach Hummel, sollten in Zukunft die Vorteile von Bepflanzungen an Stallbauten stärker herausgestellt werden: der Schutz vor Hitze und Wind, und im Sommer spendeten Bäume Schatten im Laufhof.

Katrin Löning, pulswerk GmbH Beratungsunternehmen des Österreichischen Ökologie-Instituts, plädierte dafür, Stalldachbegrünungen mit Oberboden von vor Ort vorzunehmen, die für Kühlung sorgen. „Das liegt den Landwirten näher, als Substrate heranzukarren“, sagte sie.

Naturvielfalt auch im Betrieb

Für Schröck „fehlt es vor allem auch in Gewerbegebieten an allem“. Ihn interessierte, wie man Betriebe davon überzeugen kann, für mehr Biodiversität auf ihrem Gelände zu sorgen. Hier erklärte Löning, dass betriebswirtschaftliche Argumente gefragt seien: weniger Kosten in der Anschaffung und der Pflege, das Gebäude hält länger, man tut etwas Positives für die Umgebung, die Mitarbeiter profitieren von mehr Aufenthaltsqualität.

Wer trägt Verantwortung?

Für Nothelfer handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Zahlreiche Häuslebauer rissen erst einmal alle Bäume aus dem Boden des Baugrundstücks. Wenn das neue Haus fertig ist, versuchten sie verzweifelt, „irgendwie Schatten herzubekommen“. Dabei seien Bäume erwiesenermaßen wichtig für das Wohlbefinden. „Hat ein Kranker einen Blick auf Bäume, ist sein Genesungsprozess um ein Viertel kürzer“, sagte Nothelfer.

An seine Behörde, die Untere Naturschutzbehörde, könne man sich wenden, wenn BürgerInnen ein Baum oder Areal biotopwürdig erscheint. Seiner Meinung nach müssten die Gemeinden für mehr Biodiversität im Ort aktiver werden und auch die Stadtplaner müssten die Gemeinden besser beraten. Das sah Landschaftsarchitektin Gunda Reuter aus den Reihen der Zuhörerschaft ganz und gar nicht so. Die Fledermauskästen beispielsweise, die sie in die Pläne hineinzeichnet, würden in der Regel unter den Tisch fallen. „Die Problematik liegt ganz extrem bei den Behörden“, die oft fänden, sich nicht um alles kümmern zu können, erklärte sie.

Jeder Baum ist wichtig


Julia Wehnert, Geschäftsführerin der Bund-Naturschutz-Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu, stellte das Projekt „Lieblingsbäume“ vor, das ihr Verein zusammen mit dem Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten initiiert hat. Hier können KemptenerInnen ihren Lieblingsbaum für die Mitbürger vorstellen und auf ihn aufmerksam machen (www. kempten-muss-handeln.de). Zu finden sind die Bäume auch als Serie im Kreisbote. Wehnert räumte mit dem Argument auf, ein alter Baum könne leicht durch einen neuen ersetzt werden. Erst nach mehreren Jahrzehnten dienten Bäume in vollem Umfang als Schattenspender, Schallschlucker,

Feinstaubfilter, nächtlicher Lichtschirm, Sauerstoffspender und CO2-Binder. Bäume seien auch wichtig als Biotop-Inseln und Wohlfühlfaktor in einer Stadt. Ganze 2000 Jungbäume seien notwendig, um die Gemeinwohlleistungen einer 100-jährigen Buche mit Zehn-Meter-Kronendurchmesser zu ersetzen. Deshalb fordert Wehnert auch ein Baumkataster und eine Baumschutzverordnung. Um Druck auf Politik und Verwaltung machen zu können, „brauchen die Verbände Unterstützung“. Aber auch ein Anruf beim Klimamanagement könne helfen, die Stadt hinsichtlich Blühflächen und Baumerhalt zu bewegen.

Susanne Lüderitz

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