Kompass für Neuland

Digitale Medien statt Stammtisch: SJR spricht über Kommunikation im Netz

Ein Bildschirm zeigt die Sitzung des Kemptener Stadtjugendrings mit Stefan Keppeler . SJR Jahresempfang 2021
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Weit weg voneinander und doch in einem lebhaften Gespräch: Stefan Keppeler und die Teilnehmer des SJR-Jahresempfangs.

Kempten – Trotz Kontaktbeschränkungen hat der Stadtjugendring (SJR) auch heuer nicht auf seinen Jahresempfang verzichtet.

Stattdessen setzte er bei der notgedrungen ins Internet verlegten Veranstaltung einen Jahresimpuls für 2021, der durch die Pandemie wohl noch brisanter geworden ist. Denn das Podiumsgespräch „Sozial im Netz?“ ging der Frage nach, wie sich eine gute „Kommunikationskultur im Internet“ fördern lässt und die Jugendarbeit zur Medienkompetenz junger Menschen beitragen kann.

Dieses Schwerpunktthema, das der Stadtjugendring „mit Aktionen bespielen“ will, passt gut ins Superwahljahr, erklärte Stefan Keppeler, Vorsitzender des SJR, der den Abend moderierte. Wie wichtig es ist, die Mechanismen des Internets zu verstehen und die eigenen Aktivitäten im Netz bewusst zu reflektieren, wird aktuell besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass der Bundestagswahlkampf während der Pandemie weitgehend online stattfinden wird.

Gleichzeitig eröffnet das Internet neue Möglichkeiten, um „Demokratie zu leben“, so Keppeler. Gerade auch die Sozialen Medien sind geeignet, Jugendliche „partizipieren zu lassen“; sie zu ermuntern, sich in politische Debatten einzubringen. Keppeler hofft, mit dem Jahresthema erneut „einen mächtigen Impuls in die Gesellschaft zu geben“, so, wie es dem SJR mit Themen wie „Armut hat ein junges Gesicht“ früher bereits gelungen sei.

Zudem will die Jugendarbeit „tatkräftig mitwirken am Kemptener Weg“: einem vor kurzem gestarteten Projekt, mit dem die Stadt Jugendliche in politische Entscheidungsprozesse miteinbeziehen will.

Erfolgreiche Influencerin bei SJR zu Gast

Um für seinen Jahresimpuls Informationen und Anregungen zu sammeln, hatte der SJR auf sein virtuelles Podium drei Experten eingeladen: Den Medienpädagogen Paul Wollny von der Medienfachberatung Schwaben, Marina Mayr, Referentin der Fachstelle für Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft beim Bezirksjugendring Schwaben, und die Medienberaterin Cornelia Nigg, die als „Conny on Tour“ zu den erfolgreichsten InfluencerInnen im Allgäu zählt. Alle drei hielten kurze Vorträge, aus denen sich schnell Gespräche mit Moderator ­Keppeler und einigen Teilnehmern entwickelten.

Wollny beleuchtete einige beliebte Vorurteile über den Medienkonsum junger Menschen und plädierte dafür, genauer hinzuschauen: Wer Jugendlichen vorwerfe, zu viel Zeit mit dem Smartphone zu verbringen, sollte bedenken, dass man mit ein und demselben Gerät sehr unterschiedliche Dinge tun kann: Vielleicht unterhält sich der Angesprochene mit einer Freundin, vielleicht verfasst er einen Kommentar oder „macht ‘was total Kreatives“. So habe vor kurzem ein Elfjähriger einen anspruchsvollen Programmierwettbewerb gewonnen.

Allerdings dürfe man, trotz teils bemerkenswerter technischer Fertigkeiten, nicht unbedingt davon ausgehen, dass Jugendliche auch über die nötigen „Metakompetenzen“ verfügen, um sich im Netz sicher zu bewegen und dessen Inhalte richtig einzuschätzen. Auch Erwachsene haben oft „Nachholbedarf“, hat Wollny beobachtet, „schließlich gibt es die neuen Kommunikationsmöglichkeiten erst seit etwa zehn Jahren. Da aus seiner Sicht weder Schule noch Elternhaus dieser Aufgabe alleine gewachsen sind, tritt er „für mehr Medienpädagogik in der Jugendarbeit“ ein.

„Der Stammtisch ist in die digitalen Medien umgezogen“

Marina Mayr betrachtete einen Aspekt dieser Bildungsarbeit genauer: Was ist Hate ­Speech oder Hassrede und was kann man dagegen tun? „Das Internet ist nicht gefährlicher als die reale Welt“, stellte sie klar. Aber „der Stammtisch ist in die digitalen Medien umgezogen“ und findet dort „bequeme Wege“ und eine Art „Katalysator“.

Hasserfüllte, abwertende Äußerungen sind überwiegend rassistisch, sexistisch und antisemitisch motiviert. Sie zielen darauf ab, dass „Menschen sich schlecht fühlen“. Wer ­Hate Speech verbreitet, ist an einer ernsthaften Auseinandersetzung nicht interessiert, sondern will provozieren und im Extremfall gezielt „Falschinformationen verbreiten“. Solche „Trolle“ ignoriere man am besten, um sich selbst zu schützen. Nur selten könne man sie mit Ironie zum Schweigen bringen. Es sei wichtig, Betroffene ernst zu nehmen und sich Hilfe zu holen.

Bloggerin Nigg, die mit ihren Bergtouren 46.000 ­Follower für sich gewonnen hat, betont, dass sie sich ihrer „großen Verantwortung“ bewusst ist und weiß, dass Influencer häufig einen schlechten Ruf als profitorientierte Selbstdarsteller haben. Nutzern sollte klar sein, dass sich Algorithmen, die entscheidenden Einfluss darauf haben, was ihnen im Netz angeboten wird, durch „viele Stellschrauben“ manipulieren lassen.

Das Internet habe aber auch „sehr, sehr viele positive Aspekte“: Die unterschiedlichsten Menschen fänden sich dort in Communitys zusammen und gerade in einer Zeit erzwungener sozialer Distanz „öffnet es neue Türen“.

Antonia Knapp

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