Rechtzeitig zur Schuldnerberatung

Trotz Corona-Pandemie lassen sich in wirtschaftlichen Notlagen böse Überraschungen vermeiden

Schaubild der Diakonie Bayern zum Thema Verschuldung und Existenzsicherung.
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Wichtiger als die Zahlung für ein Auto: die Kosten für Miete, Heizung, Essen.

Kempten/Landkreis – „Wir wären froh, wenn die Menschen früher zu uns kommen würden, dann könnten wir frühzeitig unterstützen und helfen. Leider kommen die Menschen aber oft erst dann zu uns, wenn es nur noch ausschließlich um die nackte Existenzrettung geht.“

Diese Erfahrung hat Dieter Streit, Schuldner- und Insolvenzberater der Schuldnerberatung der Diakonie Kempten, in seiner jahrelangen Arbeit gemacht. Seine Teamkolleginnen Iris Brauchle (Kempten) und Christiane Norff (Lindau) bestätigen das. Der große „Run“ auf die Beratungsstelle aufgrund der Corona-Pandemie ist aktuell noch ausgeblieben. Das liege zum Teil an den gewährten staatlichen Hilfen oder auch am Aufschub bei den Krediten (bis Mitte 2022). – Nichtsdestotrotz haben die drei Experten seit 14 Tagen verstärkt Anfragen zur Insolvenz. Hier hat es nämlich eine gesetzliche Veränderung gegeben. Während früher Insolvenzen über einen Zeitraum von sechs Jahren gingen, beträgt rückwirkend ab Oktober 2020 die Zeitspanne nunmehr drei Jahre. Diese Verkürzung wird für alle Insolvenzverfahren gelten, die ab dem 1. Oktober 2020 beantragt wurden oder noch beantragt werden. „Das hat sich inzwischen herumgesprochen wie ein Lauffeuer.“

Rund 1200 Einzelberatungen hat die Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle der Diakonie Kempten am Kornhausplatz im vergangenen Jahr abgehalten. „Insgesamt sind bisher während der Pandemie aber viel weniger Menschen zu uns gekommen“, weiß Iris Brauchle. „Viele nehmen das als Entschuldigung, jetzt nicht die Beratungsstellen in Kempten oder Lindau aufzusuchen“, ergänzt Christiane Norff, Leiterin der Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie Kempten Allgäu. Insgesamt wartet das Team der Schuldnerberatung noch auf den „großen Ansturm“. „Viele kommen einfach zeitversetzt zu uns – und leider auch erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn beispielsweise der Gerichtsvollzieher sich meldet und eine Vermögensauskunft einfordert. Dann gehe es oftmals um reine Existenzrettung – dazu gehöre ein Dach über dem Kopf.

Altverbindlichkeiten – Kredite, Ratenzahlungen etc. – fallen den Menschen nämlich dennoch auf die Füße – beispielsweise durch Kurzarbeit (nur 66 Prozent vom Lohn) und somit weniger Geld. Da stelle sich dann für viele die Frage: Welche Schulden bezahle ich zuerst? Für das Team der Schuldnerberatung ist das keine Frage: „Wichtig sind erst einmal ein Dach über dem Kopf, Licht, dass man es warm hat und Essen im Kühlschrank ist – also Miete, Strom, Heizung und Essen.“ Oftmals würden in finanzielle Not geratene Menschen beim Abzahlen der Schulden aber die falschen Prioritäten setzen. „Da wird dann erst die Autorate bezahlt, nicht aber die Miete“, erzählt Streit. Die Folge: Inkasso-Stellen und Gerichtsvollzieher arbeiten auch während der Pandemie die ganze Zeit über normal weiter und nutzen alle zugelassenen Mittel um die Schuldner zum Zahlen der Verbindlichkeiten zu bewegen.

Wer frühzeitig mit seinen Fragen und Schuldenproblemen zur Beratungsstelle kommt, kann so eine „Überraschung“ vermeiden. „Wir dürfen beraten“, betont Dieter Streit deutlich. „Unsere Büros am Kornhausplatz bieten ausreichend Abstandsflächen.“ Zudem ist die Beratungsstelle gut vernetzt, hat gute Kontakte zur Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit der Diakonie (KASA), zu den Banken, zur Stadt Kempten, zu den einzelnen Ämtern und kann vermittelnd unterstützen.

Viele Klienten kommen übrigens aus dem sozial schwachen Bereich – oder beziehen bereits Sozialleistungen. Aber: Selbst beim Übergang vom Berufsleben zum Rentendasein kann eine Beratung hilfreich sein oder bei Fragen nach einem Eintrag bei der Schufa oder vor der Beantragung eines Kredites. „Viele sehen dann nur, dass die monatliche Rückzahlungsrate gering ist. Dass sie dann aber statt beispielsweise der geliehenen 10.000 Euro 15.000 Euro zurückzahlen müssen, überreißen sie nicht“, nennt Streit ein Beispiel.

Christiane Norff: „Viele wissen gar nicht, dass man unter bestimmten Voraussetzungen beim Jobcenter auch ein zinsloses Darlehen zur Sicherung der Existenz erhalten kann.“ Außerdem sei mit der Corona-Pandemie der Kinderzuschlag zum Kurzarbeitergeld erhöht worden, um den Gang zum Jobcenter vermeiden zu können. Auch das Wohngeld wurde aufgestockt. „Hilfen sind da.“ Ein Manko laut Norff ist allerdings, dass unterschiedliche Hilfen oft bei unterschiedlichen Ämtern beantragt werden müssen. Hier hilft die KASA beim Ausfüllen der Formulare.

Die Beratungen bei der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle der Diakonie Kempten Allgäu erfolgen zeitnah, telefonisch, persönlich. Die Beratungen unterliegen der Verschwiegenheit, erfolgen auf Augenhöhe mit dem Klienten. „Wir verurteilen nicht, wir wollen unterstützen und helfen“, betont das Team.

Weitere Infos unter: www.diakonie-kempten.de, Beratungsdienste. 

mori

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