Hotspot für Überflieger

Die Starkwindkante von Schrattenbach ist einmalig

Eine Wiese im Allgäu, auf der drei Gleitschirmflieger starten.
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Gleich heben sie ab – drei erfahrene Piloten warten auf den richtigen Wind aus Westen.

Dietmannsried/Schrattenbach – Eine große Wiese mit Maulwurfshügeln. Zwei bunte Windsäcke. Und ein steiler Abhang mit freiem Blick weit nach Westen. So sieht der vielleicht interessanteste Start- und Landeplatz für Gleitschirmflieger in Deutschland aus. Er liegt oberhalb der Autobahnraststätte „Allgäuer Tor“ direkt an der Grenze zwischen Ober- und Unterallgäu.

Nur für erfahrene PilotInnen

Peter Hecklsmüller geht seit über 40 Jahren hier in die Luft: „An der Kante haben wir bei Westwind ideale Verhältnisse. Da hebt‘s die Piloten fast aus dem Stand hoch in den Himmel!“ Einmalig in Deutschland sei das, meint der sonnengegerbte, drahtige Memminger, „das macht Riesenspaß“. Er ist Vorsitzender der „Schrattenbachflieger e.V.“: 160 Männer und Frauen, die der Faszination des Gleitschirmfliegens erlegen sind. Auch Dietmar aus Kempten gehört zur Szene. Er hat heute Nachmittag frei und steigt gerade in seinen Flugoverall: „Wer hier fliegt, muss ganz sicher starten können, – das ist nur was für erfahrene PilotInnen.“ Dann setzt Dietmar den schwarzen Helm auf, greift nach etwa zwei Dutzend dünnen Lenkschnüren und marschiert an den Rand der Startwiese. Ein Blick zum Windsack: „Jetzt haben wir etwa 15 bis 20 km/h aus West, das ist super“, ruft er und macht vier, fünf entschlossene Schritte vorwärts. Sein riesiger Gleitschirm bläht sich blitzartig auf, fängt den Aufwind ein und trägt Dietmar sekundenschnell und lautlos nach oben.

Unbeschreibliche Gefühle am Himmel

Über dem Wald an der Kante des Allgäuer Tores kreisen bald sechs, sieben, acht bunte Schirme, scheinbar schwerelos drehen sie sich höher, immer höher, sind bald nur noch farbige Stecknadelköpfe am milchig-blauen Herbsthimmel. „Heut war ich auf 1100 Metern Höhe“, berichtet Peter, „im Sommer hat‘s mich schon auf 2600 hinaufgetragen“. Im Winter zieht er beheizbare Handschuhe und Stiefel an: „Die kalte Luft ist dichter, sie trägt viel besser.“ Kälte hält also niemanden davon ab, von der Fliegerhalde auf 810 Metern Höhe abzuheben, im Gegenteil. Auch Beatrix aus Burgberg ist da, der Corona-Lockdown macht ihr die Arbeit im Fitnessstudio unmöglich. Beim Dahingleiten über die sanfte Landschaft vergisst sie alle irdischen Sorgen: „Da oben ist es einfach genial, die Ruhe, das Panorama, die unendliche Weite – unbeschreiblich“, jubelt sie. Ja, nickt Helmut aus Durach. Auch ihn zieht es regelmäßig an die schärfste Windkante der Republik: „Hier starten und landen wir an ein und demselben Punkt, das ist enorm komfortabel, auch unsere schwere Ausrüstung müssen wir nicht ewig durch die Gegend schleppen“. Sein Auto parkt direkt neben der Maulwurfshügelwiese, Hündin Gianna wartet dort, bis Helmut von seinem Himmelstrip zurückkommt. Sie ist nicht allein: Immer wieder bleiben Wanderer und Radfahrer stehen, um den Überfliegern bei ihrem Treiben zuzuschauen, ein kurzweiliger Zeitvertreib.

Lange Flugtradition

Die Fliegerei oberhalb von Schrattenbach hat eine lange Tradition. Schon in den 1930er Jahren gingen dort Segelflugzeuge in die Luft, die speziellen Winde aus dem Westen lockten erst eine Militärflugschule dorthin, in den 1970ern die Drachenflieger und nun eben Peter Hecklsmüller und seine Schrattenbachflieger: „Manche PilotInnen kommen von weit her, aus Norddeutschland, sogar Italiener packen bei uns gern ihre Schirme aus.“ Hecklsmüller schätzt das Privileg, nach Lust und Laune abheben zu können. Allerdings muß der Wind stimmen: „Vorm Frühstück check ich den Wetterbericht, die Windrichtung, die Stärke, ob eine Regenfront droht, dann pack ich mein Zeug und steh schon oben an der Kante.“ Mit Glück und gutem Wind ist ein Gleitschirmflieger mehrere Stunden am Himmel unterwegs, allein mit sich, seinen Gedanken und völlig losgelöst von der Erde. Einfach himmlisch… Nähere Informationen im Internet unter www.schrattenbachflieger.de.

Lutz Bäucker

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