„Im Schneckentempo“

Dominik Spitzer kritisiert Impfstrategie der Staatsregierung

Eine Schnecke mit Schriftzug Groko kriecht dahin
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Der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag Dr. Dominik Spitzer wirft der Großen Koalition ein „Schneckentempo“ bei der Bewältigung der Corona-Krise vor.

Kempten – Das derzeitige Geschehen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie durch die Bundesregierung kann nicht als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden.

Aktuell fehlen in den Impfzentren die Impfstoffe, es herrscht Uneinigkeit über die Impfreihenfolge, noch immer sind die vulnerablen Gesellschaftsgruppen nicht hinreichend geschützt und der Frust in der Bevölkerung über die Kollateralschäden des Lockdowns steigt stetig an. Durch Gegenvorschläge fällt derzeit die FDP auf, die versucht mit konstruktiven Vorschlägen Tempo in die Sache zu bringen. Nun lud der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag, der Kemptener Stadtrat und Hausarzt Dr. Dominik Spitzer, zu einer Videokonferenz zum Thema ein.

»Viel zu langsam«

Aufgrund seiner Funktion als Hausarzt ließ Spitzer sich kürzlich mit dem Impfstoff Astra Zeneca impfen und versucht, die Vorurteile gegenüber dem Vakzin auszuräumen. „Der Nutzen einer Impfung mit Astra Zeneca übersteigt die möglichen Nebenwirkungen bei Weitem. Beschwerden können mit Paracetamol gelindert werden und jede Impfung ist ein Schritt hin zur Normalität”, so Spitzer. In ihrer grundsätzlichen Wirksamkeit stellt er die beiden verfügbaren mRNA-Impfstoffe mit dem Vektorimpfstoff Astra Zeneca gleich.

Für den Gesundheitsexperten ist die rasche Durchimpfung der Gesellschaft der Schlüssel zum Erfolg. „Wir müssen möglichst schnell die vulnerablen Gruppen schützen, weil 90 Prozent der Todesfälle in den Alterskohorten über 70 Jahre liegen“, sagt Spitzer. Der Mediziner kritisiert die Bundes- wie Landesregierung vor allem für deren Langsamkeit: „Jeder Tag an dem nicht geimpft und getestet wird, ist ein verschenkter Tag.“ Spitzer zeigt sich enttäuscht über die geplante Einbeziehung der Hausärzte erst Anfang April. „Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, wieso dies erst so spät geschieht, wir Hausärzte kennen unsere Patienten und sind geübt im Impfen.“

Mehr Eigenverantwortung wagen

Spitzer spricht sich auch dafür aus, dass sich Bürger schnellstmöglich selbst testen können. „Sich zweimal die Woche testen im Zusammenspiel mit den A-H-A-Regeln und einer fortschreitenden Durchimpfung, lässt eine zeitnahe Beendigung des Lockdowns zu“, sagt Spitzer. Hierzu hat die FDP einen Sieben-Stufen-Plan entwickelt, der im Internet einsehbar ist. Für Spitzer gilt es nun mehr auf die einzelnen Regionen zu achten. Für Kempten, das seit Wochen eine Inzidenz unter 35 gehabt habe, seien andere Kriterien anzuwenden, als für Landkreise mit hohen Inzidenzen wie in der Oberpfalz. „Das Infektionsschutzgesetz §26.1 ermöglicht es den Kommunen, mit Erlaubnis der Kreisverwaltungsbehörde eigeninitiativ Öffnungen vorzunehmen. Was aber passiert in Kempten? Es passiert nichts“, sagte Spitzer in der Woche, bevor die bundesweiten Öffnungsperspektiven beschlossen wurden.

Neben den medizinischen Fragen griff Spitzer auch die Nöte derer auf, die gerne arbeiten möchten, aber nicht gelassen werden. Er erwähnt, dass er durch sein Landtagsmandat ein sicheres zweites Einkommen erhält, sei sich aber bewusst, dass das für die meisten Betroffenen des Lockdowns nicht zutrifft. „Ich glaube, dass viele Politiker sich nicht vorstellen können, wie es denen ergeht, denen das Einkommen wegbricht und wenn Immobilien oder Altersrücklagen veräußert werden müssen, um weiter existieren zu können.“

Trotzdem glaubt Spitzer nicht, dass Öffnungen erwünscht sind. „Markus Söder möchte keine Diskussionen warum die einen öffnen dürfen und die anderen nicht, obwohl dies sachlich falsch ist“, sagte der FDP-Mann und plädierte gerade für Kempten mit seiner niedrigen Inzidenz auf kontrolliertes Öffnen. Ein Blick nach Österreich mit einer Inzidenz von damals 160 zeige, dass durch Öffnung von Schulen und Einzelhandel nicht zwangsläufig die Fallzahlen steigen. Im Gegenteil, die Belegung der Intensivbetten und die Sterblichkeit würden sinken.

Nicht wissenschaftlich

Zum Videochat zugeschaltet waren auch einige Gäste wie Familie Siebel, die die Hundeschule Hunde-Coach Allgäu betreibt. Seit Anfang Dezember durften die Siebels ihre Hundeschule nicht mehr öffnen, obwohl alle Hygienemaßnahmen eingehalten werden können und ein Unterricht mit Hunden mit den A-H-A-Regeln möglich ist. „Wir betreiben eine Hundeschule nicht, um Menschen zu bespaßen, sondern weil uns das Tierwohl am Herzen liegt. Auch bei Hunden kann ein häuslicher Lockdown zu Verhaltensauffälligkeiten führen, die wir mit dem Training verhindern können“, sagte Katharina Siebel.

Seit Beginn der Pandemie vermerken die Tierheime steigende Zahlen an abgegebenen Tieren. Tiere, die, wie die Siebels sagen, intensive Betreuung brauchen. So verstand das Ehepaar nicht, dass sie dieser wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe nicht nachgehen konnten, obwohl alle ihre Tätigkeiten unter freiem Himmel stattfinden. Für Spitzer ist das Schicksal der Siebels nur ein weiteres Beispiel für seine Lage-einschätzung: „Die Staatsregierung hat schon lange den Pfad der Wissenschaftlichkeit verlassen.“

Jörg Spielberg

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