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Neues Kempten: Ergebnisse des Förderprojekts „Fitnessprogramm Starke Zentren“ 

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Von: Helmut Hitscherich

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Gerberstaße Kempten Mühlrad
Hochgradig konsumorientiert und stark reglementiert: Kemptens städtischer Raum soll offener werden. © Krumsiek

Kempten – Beraterbüro Modul5 aus Wien will Kemptens „Defizite im öffentlichen Raum“ ausräumen. Entfaltungsmöglichkeiten für Subkultur und freie Szene sollen entstehen.

Der Freistaat Bayern hat im Jahr 2021 das Förderprogramm „Fitnessprogramm Starke Zentren“ zur Ausarbeitung modellhafter Vorhaben der Stärkung der Innenstädte aufgelegt. Es soll aufgezeigt werden, wie man auf künftige Herausforderungen reagieren kann. Der Einzelhandel in den Städten geht zunehmend zurück, Innenstädte veröden. Kempten ist für das Programm ausgewählt worden.

„Wir sind froh, dass wir eine von den fünf Städten sind, die den Zuschlag erhalten haben“, so Oberbürgermeister Thomas Kiechle. Seitens des Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie wurde Kempten dem Beraterbüro Modul5 aus Wien zugewiesen. Für Josef Lueger von Modul5 hat Kempten eine wuchtige Innenstadt. „Alles ist sauber, wir sind von der städtischen Struktur beeindruckt. Ist das wirklich städtisch?“, fragte er.

Potenzial als Hochschulstadt

Für ihn ist eine Stadtentwicklung ohne Verkehr nicht möglich. Kempten ist räumlich und funktional ein starkes Zentrum und wirkt weit hinaus. Die Menschen von außerhalb betrachten Kempten viel mehr als Zentrum als die Kemptener selbst, so seine Feststellungen. Kempten sei einmal eine Doppelstadt gewesen, habe sich aber weiterentwickelt. Mit dem Forum Allgäu sei ein weiteres Zentrum entstanden. „Damit ist Kempten eine Triplestadt.“

Für ihn ist Innenstadt alles, was sich innerhalb des Rings befindet, einschließlich Bahnhof, Iller und Archäologischer Park Cambodunum. „Das Potential der Hochschulstadt wird noch nicht ausgeschöpft“, sieht er Luft nach oben. Kempten sei zwar ein hochrangiger Bildungsstandort aber keine Studentenstadt. Auszubildende und Studierende sind ein unbedachtes Potential für die vollständige Entfaltung einer Metropole. Kempten sei ein vitales Einzelhandelszentrum mit überregionaler Bedeutung, geringer Leerstandsquote und hoher Resilienz in der Corona-Pandemie.

Begegnungsraum Iller

Als Ort der Begegnung verfügt Kempten laut Lueger über eine umfangreiche Ausstattung in der Daseinsfürsorge mit vorausschauendem Blick auf die Qualität. Dagegen gebe es Defizite im öffentlichen Raum. Dieser sei hochgradig konsumorientiert und stark reglementiert und schließe Teile der Bevölkerung durch Barrieren im Begegnungsraum Iller aus. Die Iller als Gelenk der Stadträume besitzt aus Sicht Luegers das größte Potential dafür, einen vitalen Begegnungsraum zu etablieren. Schlussendlich wurden vier strategische Leitmotive entwickelt.

Lueger forderte Stadtrat und Verwaltung auf, Mut aufzubringen und zur Markenmetropole sowie Aushängeschild des Allgäus zu werden. „Wo Allgäu drauf steht, soll Kempten drin sein. Dafür braucht es ebenso mutige Entscheidungen für nach innen und außen sichtbare Projekte“, lautete seine Botschaft. Lueger wünscht sich Mut zur differenzierten Deregulierung, um Stadtsein zuzulassen.

Raum für Jugendliche

So könnten Bereiche geschaffen werden, in denen die Stadt sich selbst überlassen werden kann. Das betreffe insbesondere Orte für Jugendliche und Entfaltungsmöglichkeiten für Subkultur und freie Szene. Deshalb empfiehlt er unterschiedliche Regulierungen für unterschiedliche Orte und Raum für Jugendliche zu geben sowie für die Entfaltung einer Subkultur. „Wer um 22 Uhr die Beleuchtung an der Skateanlage an der Iller ausschaltet, schafft einen Angstraum“, zieht er ein Fazit.

Kempten habe eine Größe, die es zulasse, in Quartieren zu denken. Diese Quartiere seien im Ansatz bereits vorhanden, müssten aber funktional und strategisch ausdifferenziert und weiterentwickelt werden. Würden sie klug miteinander vernetzt und zu Keimzellen endogener Entwicklungsimpulse, könnten sowohl die Stadt als auch die Region davon profitieren. Beispielhaft nannte Lueger das Quartier Allgäuhalle und das Hochschulquartier.

Beteiligung der Bürger

Im Rahmen verschiedener Beteiligungsformate waren die Bürgerinnen und Bürger aus Stadt und Region zu Wort gekommen. Verschiedene Fokusgruppen beschäftigten sich mit der Frage, wie ein „starkes Zentrum“ definiert werden kann und welche Parameter ein Indiz für eine erfolgreiche Entwicklung sind. Auf dem Weg durch die Innenstadt im Rahmen von „Geh.Sprächen“, einem geführten Spaziergang zu relevanten Orten und Plätzen, äußerten insbesondere Jugendliche, Senioren, Studenten und Menschen mit Migrationshintergrund ihre Wünsche.

Auch Fragen der Inklusion wurden betrachtet. Über 120 verschiedene Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner hatten sich Anfang Oktober 2021 Zeit genommen, um sich beim Kemptener Wochenmarkt über das Projekt zu informieren und den Dialog mit Vertretern des Projektteams zu suchen. Die Aktion brachte wertvolle Anregungen, sachliche Kritik und verschiedene Wünsche nach mehr Aufenthaltsqualität, konsumfreien Räumen und der unkomplizierten Nutzbarkeit öffentlicher Räume.

Die gesammelten Ideen, Anregungen und Vorschläge wurden ausgewertet und strukturiert. Als Ergebnis wurden fünf Modellprojekte formuliert und auch erste konkrete Maßnahmen zur Stärkung der Innenstadt angedacht:

Dabei sind nicht nur Bereiche wie ein starker Einzelhandel im Kernbereich zwischen Forum und Hildegardplatz tangiert, sondern es wurden ebenso Themenfelder wie Wohnen, Kultur und Verkehr in die Überlegungen mit einbezogen. Das Areal um den Kemptener Bahnhof, der Hochschul-Campus und auch der Raum an der Iller stehen im Fokus der weiteren Überlegungen. Dabei geht es um konkrete Investitionen, aber auch um grundsätzliche Überlegungen, die Räume multifunktionaler zu machen und gegebenenfalls auch eine gewisse Deregulierung von Nutzungsvorgaben anzudenken:

Projektidee Quartier Allgäuhalle ist zentrumsnah und mir seinen 23.000 Quadratmetern die letzte großflächige Entwicklungsreserve an der Achse zum Bahnhof. Die Allgäuhalle kann daher nicht alleine betrachtet werden, sondern nur das gesamte Areal.

Projektidee Illerstrand: Der Illerstrand im Bereich des Skateparks soll zu einem deregulierten Raum transformiert werden, der den Jugendlichen in der Innenstadt einen weitgehend „freien“ Treffpunkt und Rückzugsraum bietet. Zugleich setzt die Stadt einen wichtigen Meilenstein in Richtung „echter“ Urbanität und erprobt einen Modellfall für Deregulierung.

Projektidee St. Mang Platz: Der St. Mang-Platz soll an frühere Zeiten anknüpfen, in denen er beliebter öffentlicher Raum war, in dem konsumfreie Nutzungen (z.B. Boccia) möglich waren. Er soll als Innenstadtlabor für Entwicklungsmöglichkeiten des öffentlichen Raums dienen.

Projektidee Stadtmarke: Wenn schon Kempten für viele der Hauptort des Allgäus ist, dann nimmt die Stadt für sich in Anspruch, die erste und kompetenteste Markenbotschafterin der Marke Allgäu zu sein. Die Kommune entwickelt keine gänzlich neue Stadtmarke, sondern nutzt die bestehende Regionsmarke.

Projektidee Manifest Innenstadt: Die Empfehlung Luegers lautet, rasch in die Handlung zu gehen und mit den Erfahrungen aus diesem Fitnessprogramm und weiter darauf aufbauender Aktivierungsformate ein verbindliches Manifest zu formulieren.

Lueger appellierte an die Mitglieder des Stadtrates: „Einigkeit ist notwendig, nicht Parteipolitik, sonst wird nichts umgesetzt. Kempten soll nicht so werden, wie es vor Corona war.“

Für Kathrin Schrader (SPD) sind das „gute Ideen und starke Handlungsfelder“. Das Projekt beziehe sich nicht auf die Fußgängerzone, sondern sei breiter und weiter. Es dürfe aber nicht bei einem Fitnessprogramm bleiben, „wir müssen das auch durchführen.“

Franz-Josef Natterer-Babych (UB/ödp) bemängelte, dass bei den Ausführungen zur Allgäuhalle zu wenig Kultur vorkomme. Laut Lueger ist Kultur ein Teil des Ganzen. Es gehe um das ganze Quartier, deshalb „ist es zu kurz gedacht, nur auf diese Halle zu schauen“.

Ulrich Kremser (FDP) steht dem Wachstum zwiespältig gegenüber. „Je größer die Stadt wird, desto mehr KiTas und Schulen werden benötigt. Leerstände sind dramatischer als in der Untersuchung dargestellt.“

OB Thomas Kiechle sieht keine Grenzen. Es könne offen über alles gesprochen werden. „Wir müssen Mut haben Dinge zu betrachten, die wir verändern müssen. Der Satz: Ich gehe in die Stadt zum Einkaufen hat sich überholt. Künftig: Ich gehe in die Stadt, dann kaufe ich dort auch etwas ein, weil es schön ist, weil ich etwas erlebe und gut essen kann.“

Annette Hauser-Falterbaum (FW), Kulturbeauftragte des Stadtrates, hält Räume für junge Leute unabdingbar. „In der Allgäuhalle muss es Platz für Subkultur geben.“

Dominik Tartler (FFK) hinterfragte, wo denn die Jugendlichen hingehen. Flächen zum Ausleben suchten diese sich selbst aus. Deregulierung ja, aber keine Eskalation; Dialog mit ihnen suchen, sieht er als Weg. „Ihr habt übertrieben und verbietet jetzt, das ist falsch. Freiraum wegen Vorfällen zu schließen, wäre der größte Fehler“, warnte er.

Julius Bernhardt (FFK) fragte sich, wo denn das studentische Leben sei. In Kempten gebe es ein großes Defizit, den Menschen Freiräume zu geben, wo sie sich auszutoben können. „Mensch zu sein, benötigt Flächen, wir haben diese Flächen und müssen sie nur zur Verfügung stellen.“

Der Stadtrat hat die Ergebnisse des Förderprojekts „Fitnessprogramm Starke Zentren“ einstimmig zur Kenntnis genommen. Einzelne Modell- und Schlüsselprojekte werden von der Verwaltung in den kommenden Monaten detaillierte ausgearbeitet und den jeweils fachlich zuständigen Gremien vorgelegt.

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