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Kempten: Politischer Gegner des NS-Regimes wird mit Straßennamen geehrt

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Von: Helmut Hitscherich

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Die Knussertraße in Kempten wird umbenannt
Die Knussertstraße ist Geschichte © Lüderitz

Kempten - Die Umbenennung der Knussertstraße war beschlossen. Nun wurde ein Nachfolger gefunden.

In seiner Sitzung vom 30. Juli 2020 hatte der Stadtrat die Umbenennung der Knussertstraße beschlossen. Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftliche Initiativen hatten Vorschläge zur Umbenennung eingereicht bzw. öffentlich formuliert. Einige dieser Namensvorschläge diskutierte man im Bauausschuss vom 18. Mai 2021. Eine Entscheidung ist nicht getroffen worden, stattdessen wurde mit der Namensfindung die Kommission für Erinnerungskultur beauftragt, die für die Untersuchung der NS-Zeit in Kempten geschaffen worden ist.

Strittige Straßenumbennenung in Kempten

Aus neun Vorschlägen, darunter sechs Männer und drei Frauen, galt es nun in der Kommission, eine Persönlichkeit auszuwählen und dem Stadtrat vorzuschlagen:

Pro und Contra: Welcher Straßenname soll es werden?

Ergänzend zu konkreten Namensvorschlägen wurde aus der Politik der Wunsch formuliert, eine weibliche Namensgeberin mit deutlichem Bezug zu Kempten zu benennen. Aurelie/a Deffner, die dieser Definition entspricht, wurde bereits mit einem Straßennamen in Lenzfried geehrt. Ein weiterer Wunsch war, weibliche Opfer des sogenannten Euthanasieprogrammes in den Blick zu nehmen. Das Thema oder Einzelbiographien sind für Kempten bisher jedoch nicht erforscht. Neben den oben genannten Kriterien standen in der politischen Diskussion bisher der Kemptenbezug sowie nachweisbare Tätigkeit im Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Vordergrund.

Unter dieser Grundannahme wurden vorerst Ernst Lossa (mangelnder Kemptenbezug), Paul Strenkert (Forschungslage unklar), Petra Kelly (mangelnder Bezug zu Kempten oder Widerstand), Hermann Kornacher (Forschungslage unklar), Aurelie/a Deffner (bereits mit Straße geehrt), Wilhelm Bruno Wirthgen (Forschungslage unklar), Franz Xaver Weiher (nicht im Widerstand, Forschungslage unklar), Ellen Ammann (1932 verstorben, Kemptenbezug nicht nachweisbar) zurückgestellt.

Warum Franz Sperr?

Die Kommission für Erinnerungskultur hat daher dem Stadtrat vorgeschlagen, im Rahmen der Umbenennung der Knussertstraße künftig Franz Sperr mit einem Straßennamen zu ehren: Aus dem gleichen bürgerlichen Milieu wie Knussert stammend, stellt Sperr mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus den Gegenentwurf zu dessen Unterstützung des Regimes dar. Bei der Entscheidungsfindung spielte neben den deutlichen Verdiensten von Franz Sperr auch deren Nachweisbarkeit durch die sehr gute Forschungslage zu seiner Biographie eine Rolle. Franz Sperr (1878-1945), in Karlstadt am Main geboren, zog 1886 mit der Familie nach Kempten. Er besuchte (wie später Kranzfelder, in Kempten geboren, Marineoffizier und am Attentat am 20. Juli 1944 beteiligt) das Humanistische Gymnasium (heute Carl-von-Linde-Gymnasium), Abitur machte er nach weiterem Umzug 1897 in Ulm. Sperr war zunächst bayerischer Offizier im Generalstab und vertrat danach bis 1934 als offizieller Gesandter die bayerischen Interessen in Berlin. Bald nach seiner Rückkehr nach München trat Sperr in engeren Kontakt mit Kronprinz Rupprecht von Bayern, der für einen Kreis NS-kritischer bayerischer Patrioten als Symbol für Widerstandsaktivitäten galt.

Sperr wurde Unternehmer und ging in den Widerstand. 1942 knüpfte er auch Kontakte zum Kreisauer Kreis. Der Idee und Vorbereitung des Anschlags vom 20. Juli 1944 stand er aber skeptisch gegenüber. Der „Sperr-Kreis“ hatte aus Geheimhaltungsgründen auf jede schriftliche Festlegung seiner Überlegungen, Ziele und Aktivitäten verzichtet – mit ein Grund dafür, dass er erst spät forschungsgeschichtlich Beachtung fand. Seine bürgerliche Prägung unterscheidet den „SperrKreis“ von anderen Widerstandskreisen. Nach aktuellem Forschungsstand wurde Sperr die bloße Mitwisserschaft am Attentat zum Verhängnis – im Schauprozess wurde ihm vorgeworfen, die konspirativen Gespräche nicht gemeldet zu haben. Er wurde am 23. Januar 1945 in Plötzensee ermordet.

Die Wahl ist umstritten

Michael Hofer (UB/ödp) beantragte, statt Sperr Ellen Ammann auszuwählen. Für Oberbürgermeister Thomas Kiechle ist Ammann eine Persönlichkeit. „Wir sollten uns an dem Vorschlag der Kommission orientieren. Entscheidend ist es, dem Vorschlag zuzustimmen.“ Lajos Fischer plädierte auch dafür, bei Sperr zu bleiben. „Es gibt etliche Personen, die geeignet sind. Für Sperr spricht die sichere Forschungslage.“ Franz Josef Natterer-Babych (UB/ödp) unterstützte den Antrag seines Kollegen Hofer.

„Es muss doch die Möglichkeit geben, andere Namen zu nennen. Wir legen einen starken Fokus auf die NS-Zeit.“ Kurz vor der Abstimmung verließ Antragsteller Hofer den Plenarsaal, kehrte unmittelbar nach der Abstimmung wieder in den Sitzungssaal zurück. Der Stadtrat beschloss mit den beiden Neinstimmen von Natter-Babych und Gertrud Epple (Güne) die Knussertstraße in Franz-Sperr-Straße umzubenennen. 

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