»Mehr Zuhören statt Drohen«

Einzelhandel fordert, künftig auf Lockdowns zu verzichten

Die Fußgängerzone in der Fischerstraße und Bahnhofstraße in Kempten mit Ladengeschäften und Passanten.
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Schritt für Schritt öffnet sich die Kemptener Innenstadt für Besucher. Was für einen erfolgreichen Reset wichtig ist, diskutierte die FDP Kempten mit Gästen ihrer Online-Veranstaltung „SOS – Einzelhandel in Not“.
  • VonJörg Spielberg
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Kempten – Es herrschte viel Einigkeit bei der Online-Veranstaltung „SOS – Einzelhandel in Not“, zu der die FDP Kempten eingeladen hatte. Alle Teilnehmer freuten sich, dass am selben Tag aus München die frohe Kunde kam, dass Kempten eine der fünf Modellkommunen in Bayern wird, die am Fitnessprogramm „Starke Zentren“ teilnehmen wird. Das bedeutet für die Allgäu-Metropole Vorreiter bei Projekten zu sein, die das innerstädtische Leben beleben sollen, und Empfänger von Fördermitteln zu werden. Dabei wird es neben der Belebung und Festigung des Einzelhandels nach Corona, auch um Mobilität, Wohnen, digitales und mobiles Arbeiten, Freizeit und Kultur gehen.

Der FDP-Kreisvorsitzende Frank Häring und seine Stellvertreterin, die Bezirksrätin Daniela Busse, konnten u.a. den Sprecher der Bayerischen Landtagsfraktion für Wirtschaft und Tourismus Albert Duin, die Center-Managerin des Forum Allgäu Ekatarina Avdosyev und den Geschäftsstellenleiter des City-Managements Kempten (CMK) Niklas Ringeisen begrüßen. Einigkeit herrschte bei allen Diskutanten darüber, dass der Einzelhandel einer Stadt nicht isoliert zu betrachten sei. „Innerstädtischer stationärer Einzelhandel funktioniert nur dann, wenn er durch Gastronomie, Hotellerie, Kultur, Wohnen und Arbeiten sinnvoll ergänzt wird“, so der FDP-Landtagsabgeordnete Albert Duin. Für Niklas Ringeisen ist zudem „die Erreichbarkeit der Innenstadt, auch in Zeiten einer Mobilitätswende, für den motorisierten Individualverkehr von großer Bedeutung“.

Auch Forum Allgäu betroffen

Die letzten Monate im Lockdown waren für den Kemptener Einzelhandel die schwärzesten Tage seit Gründung der Republik. Trotzdem der gesamte Einzelhandel an Hygienekonzepten gearbeitet hatte, war dieser Wirtschaftszweig neben der Kultur sowie der Event- und Veranstaltungsbranche am stärksten betroffen. Die Lockdowns verhagelten dem Einzelhandel, mit Ausnahme des Lebensmittelhandels, sämtliche Bilanzen. Allerdings brachte die Krise auch Chancen und Herausforderungen ans Licht, die für die weitere Zukunft der Branche überlebenswichtig sein werden.

Center-Managerin Avdosyev und Ringeisen vom CMK fordern von allen Beteiligten, endlich ein digitales Schaufenster zu schaffen, in dem sich potentielle Besucher der Innenstadt vorab über Angebote, Sortimente, Aktionstage, Erreichbarkeit, Öffnungszeiten und Parkmöglichkeiten bequem von zu Hause aus informieren können. Mit der „Digital Mall“ gehe das Forum Allgäu hier voran, indem es den Mietpartner des ECE eine neue Möglichkeit der Online-Präsenz anbiete, so Avdosyev. Auch am größten Player des Kemptener Einzelhandels sind die beiden Lockdowns nicht spurlos vorüber gegangen. Drei Geschäfte, die 5,5 Prozent der Verkaufsfläche ausmachen, mussten coronabedingt schließen. „Mit unseren anderen Mietpartnern haben wir da, wo es nötig war, Vereinbarungen treffen können, um Schließungen zu vermeiden“, sagt Advosyev. Trotzdem wünscht sich die Center-Managerin keinen weiteren Lockdown. „Die Lockdowns waren nicht zielführend, der Einzelhandel war nie Treiber der Infektion.“ Vielmehr wünscht sich die Einzelhandelsexpertin, dass verantwortliche Politiker den Akteuren in der Praxis tatsächlich einmal zuhören.

Aufholen im Online-Geschäft

Ringeisen sieht in der Corona-Krise eine Art Brandbeschleuniger, der alle liebgewonnenen und unumstößlichen Gesetze eines funktionierenden Einzelhandels der letzten Dekaden in Frage stellt und die Akteure in puncto Online-Handel und Schaffung eines digitalen Schaufensters für Kempten zum Handeln drängt. „Wir müssen die Leute jetzt wieder vom Sofa in unsere Innenstadt holen und das geht nur mit vernetzten Konzepten, einer Mischung aus Einzelhandel, Kultur, Gastronomie und Aktionstagen, die schon in der Vergangenheit Frequenz in die Innenstadt gebracht haben.“

Für Ringeisen bieten Einrichtungen wie das bestehende Kempten-Museum oder die geplante neue Bibliothek zudem große Möglichkeiten für Besucher der Innenstadt gleich mehrere Kanäle zu bespielen. Wichtig ist für ihn, dass Kräfte gebündelt werden, dass ein Nutzungsmix aus Handel, Gastro, Kultur- und Freizeitangeboten entsteht, dass City-Management, Privatwirtschaft, Hauseigentümer und Bürger sich eng vernetzen.

Alle Beteiligten des Abends, wie auch der gesundheitspolitische Sprecher der FDP im Bayerischen Landtag Dr. Dominik Spitzer, erwarten im Falle einer vierten Welle von der Politik andere Lösungen als Lockdowns und fordern: „Mehr Zuhören statt Drohen“ oder wie es das City Management formuliert: „Weg von Verboten, hin zu Geboten.“ 

Herausforderungen für die Kommunalpolitik

Welche Herausforderungen sieht Ringeisen als Vertreter des Einzelhandels für die Kommunalpolitik? Auf Nachfrage des Kreisboten meint der CMK-Geschäftsführer, dass Corona auch Kempten wirtschaftlich getroffen habe, was sich an einigen Geschäftsaufgaben zeige. Trotzdem gebe es auch Chancen für die Zukunft, wenn die Händler „ihre Hausaufgaben“ machen; d.h. digitale Sichtbarkeit sei essenziell, aber auch Omni-Channeling- oder Cross-Channeling-Strategien müssten zum Einsatz kommen. Mindestens die Produktauswahl, Kontaktadressen und Öffnungszeiten müssen seines Erachtens im Internet leicht auffindbar sein. Das sei ein „Must-have“, um am Markt bestehen zu können.
Als Ergänzung nennt Ringeisen Click-and-Collect-Angebote, neue Formate wie Personal Shopping oder auch Webshops. Diese müssten jedoch individuell auf das jeweilige Sortimentsangebot des Geschäfts abgestimmt sein. Gute Social-Media-Kanäle sollten das Angebot ergänzen. Das City-Management möchte dabei mittels verschiedener, niedrigschwelliger Angebote, wie z.B. der Schulungsreihe „Zukunftswerkstatt Kempten“ Unterstützung leisten.

Niklas Ringeisen, Geschäftsführer City-Management Kempten.

Von der Kommunalpolitik wünscht er sich, bestimmte Rahmenbedingungen im Auge zu behalten: Erreichbarkeit der Innenstadt für Kunden ist ihm dabei sehr wichtig und bei der Mobilitätswende deshalb auch stets zu berücksichtigen.
Auch die Flächenausdehnung der Außengastronomie während Corona habe der Gastronomie geholfen, weshalb sie auch „nach Corona“ Bestand haben sollte.
Auch durch die baurechtliche Steuerung kann die Kommunalpolitik aus Sicht Ringeisens einen Beitrag leisten, beispielsweise durch Erleichterungen bei Nutzungsänderungen in der Innenstadt, wie Umwandlung von Einzelhandel zu Gastronomiebetrieben; oder auch indem die Stadt Vorgaben für Stellplatznachweise nicht extrem rigide vorschreibt.
Wichtig ist Ringeisen auch, dass die Jugendkultur nicht vergessen wird. Geimpfte und vor allem Erwachsene könnten z.B. Angebote wie den Stadtsommer nutzen, für diese Zielgruppen entwickelte Programme. Da Clubs und Diskotheken weiterhin geschlossen seien, müssen laut Ringeisen „auch für jüngere Zielgruppen Konzepte entwickelt und Kultur- oder Freizeiterlebnisse ermöglicht werden.“

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