Musik in Zeiten von Corona

Classix-Auftakt unter erschwerten äußeren Bedingungen

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Auftakt des 15. Classix-Festivals gaben vergangenen Samstag Benjamin Schmid (Violine), Thomas Selditz (Viola), Enrico Bronzi (Violoncello), Christine Hoock (Kontrabass), Hervé Joulain (Horn), Ib Hausmann (Klarinette), Philipp Tutzer (Fagott), Ariane Haering (Klavier).

Kempten – Im Coronajahr ist alles anders, tausend Pläne sind zunichte gemacht, auch in Kempten, auch in der Kunst, auch in der Musik, oder gerade in ihr, die vom Austausch, von der Nähe, vom Kontakt zwischen Künstler und Publikum lebt.

Wo tausend Pläne sterben, werden von findigen und umtriebigen Menschen einige neu ersonnen, und es entsteht etwas, dessen Unmöglichkeit am zweiten März diesen Jahres kurz nach dem siebten Meisterkonzert im Stadttheater noch nicht im Traum in Erwägung gezogen, aber für einige lange Monate danach als unumstößliche Tatsache genommen wurde: die Durchführung des 15. Kammermusikfestivals Classix mit einem besonderen Beethovenprogramm anlässlich dessen 250. Geburtsjahres. Und so streicht Dr. Thomas Goppel, ehemaliger Staatsminister und jetziger Präsident des bayerischen Musikrats, in seiner kurzen Grußansprache Hartnäckigkeit und Tatkraft von Benjamin Schmid, dem künstlerischen Leiter, und Dr. Franz Tröger, dem Festivalorganisator, für das Zustandekommen des diesjährigen Kammermusikfestivals unter Coronabedingungen heraus. Bedingungen, die – wie sich beim Eröffnungskonzert am Samstagabend im Fürstensaal zeigte – durchaus ihren Preis fordern, der aber vom dankbaren Publikum gerne zugestanden wurde. Gemeint ist der Aufführungsort des Fürstensaals, der mit seinem schlauchförmigen Grundriss und den während des Konzerts geöffneten Fenstern mit zunehmender Entfernung von der Bühne eine Raumakustik erzeugte, von der man – auch wenn hier in diesem Saal vor vierzehn Jahren das Festival aus der Taufe gehoben wurde – sagen muss: Im Stadttheater ist die Kammermusik besser aufgehoben.

Das erste der beiden längeren Werke des Abends (ein drittes, Beethovens Violinsonate op12/1 wurde – dies wiederum ein Tribut an Corona – aus Zeitgründen aus dem Programm genommen) erwies sich als ziemlich immun gegen diese äußeren Erschwernisse. Komponiert im Jahre 2000 von einem abgeklärten Krzysztof Penderecki auf dem Höhepunkt seines kompositorischen Ruhms, thematisiert sein Sextett für Klarinette, Horn, Streichtrio und Klavier den musikalischen Dialog in allen seinen Ausprägungen. Musik machen heißt zusammenspielen oder auch einmal auseinanderspielen. Die Soloinstrumente erzeugen eine vielstimmige Atmosphäre, bei der das „harmonische“ Miteinander immer wieder von Passagen unterbrochen ist, in denen wild durcheinandergeredet wird. Im Hintergrund begleitet das Klavier oder gibt mit klarer Ansage den Takt vor. Das „zu laute“ Horn muss zu Beginn des zweiten Satzes für eine Weile in der Ecke stehen und bläst von da aus seine Kommentare in den Raum. Benjamin Schmid an der Violine und seine Mitmusiker stürzen sich mit Begeisterung und Engagement in dieses musikalische Kreuzfeuer, bei dem es nicht so sehr auf die feinen Klangnuancen ankam.

War das erste Werk eher als zeitgenössischer Kontrapunkt zum großen Klassiker Beethoven gedacht, so konnte man mit dem zweiten ein Original des Geburtagskindes hören. Das Septett op. 20 von 1800 ist ein herausragendes Beispiel für das, was beim noch jungen Beethoven an kompositorischer Kraft bereits angelegt war und auf das er sich in seiner späteren Entwicklung stützen konnte. Im großen, sechssätzigen Aufbau erkennt man Einflüsse der Symphonie, des Solokonzerts und der Kammermusik. Am schönsten wird aber alles durchdrungen vom Charakter der damals beliebten Serenadenmusiken mit der kunstvollen Ausarbeitung des Bläsersatzes. Mit diesem sehr bekannten Werk begaben sich die Musiker um Benjamin Schmid in Konkurrenz mit beispielhaften Interpretationen der besten Musiker der Welt. Sie steuerten eine weitere, hörenswerte Interpretation bei, die gerade durch die erwähnten Einschränkungen ihren Wert und ihren Beifall erzeugte. Warten wir gespannt, was das Festival an weiteren Klangerlebnissen bringt.

Das weitere Programm sowie Infos rund um das Festival im Internet unter www.classix-kempten.de.

Jürgen Kus

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