Kempten arbeitet am neuen Flächennutzungsplan - Bund Deutscher Architekten legt Positionspapier vor

"Kein weiter so" bei Bau und Stadtentwicklung

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Grüne Zukunftsaussichten beim Bund Deutscher Architekten?

Kempten – „Flächennutzungsplan“ (FNP) – eine der eher sperrigen deutschen Wortschöpfungen, dafür bedeutendes Planungsinstrument für die städtebauliche Entwicklung.

Die letzte Grundfassung des FNP mit integriertem Landschaftsplan (LP) der Stadt Kempten stammt vom 18. Juni 2009 und ist inklusive seiner bisher 13 punktuellen Änderungen auf der Website der Stadt nachzulesen. Laut Beschluss des Stadtrats ist es für Kempten an der Zeit einen neuen FNP aufzustellen, der bereits in Arbeit ist. 2025 soll der neue Leitfaden fertig sein, in dem die städtebaulichen Entwicklungen zu Themen wie Wohnraum, Arbeitsplatz, Verkehrswege, notwendige Maßnahmen aufgrund des Klimawandels und vieles mehr für die nächsten 20 Jahre skizziert werden. Da über einen so langen Zeitraum keine genauen Vorhersagen getroffen werden können, handelt es sich um ein fortzuschreibendes und förmliches Instrument der Stadtplanung.

Zukunftsfragen hat sich auch der Bund Deutscher Architekten (BDA) gestellt und die eigene Zunft dabei selbstkritisch unter die Lupe genommen. Für den Architektenbund erfordern „Erkenntnisse aus gefährdenden Einflüssen auf unsere Lebenswelt, insbesondere durch den Klimawandel und dessen Ursachen sowie die Covid-19 Pandemie und deren unabsehbare Folgen“ ein Neudenken, was die künftige Gestaltung unserer Lebensformen und Lebensräume betrifft. Zugleich sieht der BDA aber auch „die Chance eines Neustarts für eine sich ihrer Grenzen bewusst werdenden Gesellschaft“. Eine entscheidende Rolle spielen für den Verband dabei die Ziele der vor allem durch Covid-19 initiierten Investitions- und Konjunkturprogramme der Regierungen Europas und darüber hinaus.

Mit dem Positionspapier „Corona – Und dann? Architekten stellen sich eine andere Zukunft vor“ hat sich auch der Landesvorstand des BDA Bayern mit konkreten Vorschlägen zu Wort gemeldet. Als Vorstandsmitglied des BDA Bayern betont der Kemptener Architekt Dr. Jörg Heiler gegenüber dem Kreisboten: „Ein Weiter-so“, wie es sich aktuell bei manchen Konjunktur- und Förderprogrammen abzeichne, könne nicht die richtige Antwort sein. „Wir wissen, dass uns der Klimawandel auf den Füßen steht“, sichtbar unter anderem an Unwettern oder dem Thema Flucht. Während Corona das Thema Klimawandel in den Hintergrund gedrängt habe, hätten sich die Architekten Gedanken über die Post-Corona-Zeit gemacht und den Häuser- und Städtebau in seiner derzeitigen Form überdacht. Pandemien entstünden durch ein nicht sorgsam in die Natur eingebettetes Leben der Menschen und ein Wirtschaften, das die Belastbarkeit unseres Planeten übersteigt. „Wir haben aber nur eine Erde“, sagt Heiler. Und so müsse es bei den Konjunkturprogrammen um die „Transformation in eine soziale Marktwirtschaft mit ökologisch nachhaltiger Ausrichtung“ gehen. Deshalb müssten architektonische und städtebauliche Maßnahmen „von Konjunkturpaketen und konkret bezogenen Fördermitteln unterstützt werden“, bei denen Co2-Neutralität, Ressourcenschonung, Wiederverwertbarkeit mit möglichst 100prozentiger Zirkularität, Bestandserhalt sowie Qualität, Regionalität und Resilienz – wie können durch Bauen die Folgen des Klimawandels wie zum Beispiel Starkregen oder Hitze ausgeglichen werden? – berücksichtigt würden. „Der Mensch ist inzwischen fast überall auf der Erde“ und eine Trennung von Natur und vom Menschen Gemachten sei kaum mehr gegeben, sagt Heiler. Umso wichtiger sei deswegen deren ökologische Verbindung, auch im Bauen, wo beispielsweise pflanzliche Schichten das Gebaute überlagern zur Erhöhung der Hitzeresilienz, Biodiversität oder Wasserspeicherung. Wichtig ist dem BDA, dass wir den Klimawandel „vor allem hier bei uns lösen“ und uns zum Beispiel der Frage stellen, ob wir die Infrastrukturen der Energiewende wie Windräder, Solarfelder oder Biomasseanlagen in unserer Kulturlandschaft integrieren oder sie in andere Länder ‚abschieben’.

Angesichts des „enormen Flächenverbrauchs für Siedlung und Verkehr“ gelte es zudem die Balance zwischen Nachverdichtung, Flächensparen und Grünflächenerhalt zu finden; letzterer werde aufgrund der heißer werdenden Sommer immer wichtiger, da Grünflächen eine kühlende Wirkung hätten. „Verdichtung braucht gute städtebauliche Grundstrukturen“, mit „intelligenten Grundrissen und Entwürfen“, maßgeschneidert für jeden Ort, erläutert Heiler die Haltung des BDA, wo die Privatsphäre der Menschen geschützt sei und genügend Freiräume im Grünen vorhanden seien. Auch hier sei es sinnvoll, diese Neuerungen und den Anschub für solche Projekte durch entsprechende Förderung bei Planung und Bau zu unterstützen.

Für das Flächensparen sieht der BDA außerdem eine große Chance im „sorgfältigen Umgang mit dem Bestand“, der anstelle eines Neubaus für neue Nutzungen wiederverwendet wird. Darin stecke zudem eine Menge „graue Energie“, die beim Abreißen verloren gehe und zudem das Problem der Bauschuttentsorgung verschärfe. Mit „grauer Energie“ ist die Energie bezeichnet, die für die Herstellung und den Transport der eingesetzten Materialien für ein Gebäude bereits verbraucht wurde. Beim Bauen mit neuen Baustoffen sei es wichtig, auf deren Ökobilanz, Klimaneutralität und Möglichkeit der Wiederverwendung und des Recyclings zu achten. So gehen laut Heiler rund acht Prozent der globalen CO2-Emissionen auf die Zementproduktion zurück, deutlich mehr als auf den Flugverkehr. Als gespeichertes CO2 hat Holz bezüglich der Klimabilanz „viele Vorteile“. Aber auch das muss aus Sicht des BDA gesamtheitlich betrachtet werden; denn wie sinnvoll ist ein Holzbau auf einer grünen, noch unerschlossenen Wiese, wo dazu die Infrastruktur mit hohem wirtschaftlichen Aufwand und ökologischen Eingriffen gebaut werden muss? Ziel beim nachhaltigen Bauen sei insgesamt, Material und Technik so einfach zu halten, „dass auch eine Kultur des Reparierens wieder möglich wird“ und damit eine längere Lebensdauer der Dinge.

Da sich das Thema Wohnen und Arbeiten gerade durch die Corona-Krise hin zu mehr Digitalisierung und Home-Office bewege, sieht der BDA eine zunehmend engere Verzahnung von Wohnen und Arbeiten, einhergehend mit reduzierter Mobilität und geringerem Bedarf an entsprechender Infrastruktur. „Wir haben riesige Gebäudeanlagen oder Infrastrukturen, die oft nur ein Drittel des Tages genutzt werden“, sehen die Architekten hier Potenzial für Ressourcen schonende Verknüpfung von Funktionen, aber auch Forschungsbedarf sowie die Notwendigkeit die Baugesetzgebung weiterzuentwickeln. Zwar werde es weiterhin auch Großraumbüros geben, aber dafür voraussichtlich wieder mehr kleinteilige Strukturen. Ein weiterer Aspekt sei zudem die Abkehr von „monofunktionaler Gewerbenutzung“, zum Beispiel durch vertikale Überlagerung mit anderen Nutzungen wie Wohnen über stillem und emissionsarmem Gewerbe. Bei aller dafür erforderlichen Offenheit für Innovation müsse es aber „praktisch im Alltag der Menschen ankommen“. Durch eine „Durchmischung“ werde auch die Infrastruktur viel stärker genutzt, nennt sieht der BDA einen weiteren Pluspunkt. Dass die Stadt Kempten solch eine Kombination aktuell für das Gebäude mit dem Edeka-Markt in Lenzfried ins Auge fasst, „kann man nur unterstützen“, sagt Heiler. „Dieses Stapeln ist enorm wichtig“, sieht er hierin eine große Chance für ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem „ich mich als Stadt noch positionieren kann“. Zudem sei es Flächen- und Ressourcen sparend, denn „wenn ich in die Höhe gehe, brauche ich weniger Grund und Boden, nur ein Fundament und nur ein Dach“.

Für unabdingbar hält der BDA Bayern die interkommunale Zusammenarbeit, auch wenn sie möglicherweise gelegentlich politisch schwierig sei. „Der Alltag der Menschen findet bereits interkommunal und in der Region statt“, sie wohnen in der einen Gemeinde, arbeiten in einer anderen und besuchen ihren verstreuten Familien- und Freundeskreis, was sich aus Sicht des BDA auch in der Regional- und Bauleitplanung wiederfinden sollte. „Kommunale Planungshoheit ist ein hohes Gut“, müsse aber für die anstehenden Aufgaben der Zukunft mit einer gestärkten Regionalplanung einhergehen. Städte, Dörfer und Landschaften in schönere, resiliente und nachhaltige Orte mit hoher Aufenthaltsqualität für Menschen und als gute Orte für den Erhalt der Vielfalt von Flora und Fauna umzubauen „braucht Energie, Geld und Zeit“, ist sich Heiler bewusst, „es hält dann aber auch länger“.

Christine Tröger

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