Ein Baum, der Freude wachsen ließ und dessen Geschichte Kreise zog

Neue Wurzeln für die Friedenslinde?

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Was wird aus der Friedenslinde – einem Baum mit bewegter Geschichte?

Kempten – Vor einigen Wochen haben Bauarbeiten auf der Zumsteinwiese zwischen Stadtpark und Kempten Museum begonnen: Ein besonderer Ort, zentral gelegen in der Kemptener Innenstadt, wird umgestaltet.

Die unter dem Areal befindliche Tiefgarage der Sparkasse Allgäu wird saniert und oberirdisch durch ein kleines Gebäude mit Einfahrt ergänzt (Kreisbote vom 20. Juni 2020). Zwar hat die Stadtverwaltung Bürger und Bürgerinnen sowie Bewohner und Bewohnerinnen online gefragt, welche Wünsche und Vorschläge sie für die Neugestaltung des Platzes haben, doch erging die Einladung, sich zu äußern, erst nachdem der Stadtrat bereits Wesentliches entschieden hatte. Dennoch haben sich inzwischen in Gesprächen und im Internet ökologisch, kulturell oder historisch interessierte Gruppen und engagierte Einzelpersonen zu Wort gemeldet. Vielen ist es ein besonderes Anliegen, dass der Baumbestand – das Zumsteinwäldchen am Waschhaus und die auch symbolisch bedeutsame Friedenslinde – erhalten bleibt oder wenigstens durch eine insektenfreundliche, einheimische Neubepflanzung ersetzt wird. Dort, wo im 19. Jahrhundert die welsche Kaufmannsfamilie Zumstein Obstbäume und einen Küchengarten kultivierte, ihre Wäsche trocknete und neu angelieferte Seidenstoffe, Musselinballen oder Garnrollen entgegennahm, können aus statischen Gründen (wegen der darunterliegenden Tiefgarage der Sparkasse) zukünftig nur flach wurzelnde Stauden und Sträucher stehen, abgesehen von wenigen, ganz bestimmten Standorten am Rand des Areals, an denen Bäume gedeihen könnten.

Das Tiefbauamt hat sich mit Vertreterinnen des Freundeskreises für ein lebenswertes Kempten (FLKE), der Kreisgruppe des Bund Naturschutz und der Stiftsstadtfreunde zu einem Ortstermin auf der Baustelle getroffen, bei dem die Verwaltungsmitarbeiter und der beauftragte Landschaftsarchitekt ihren Plan ausbreiteten, erklärten und sich die Fragen, Bedenken und Ideen der Vereine anhörten. Außerdem konnte bei dieser Gelegenheit ein Missverständnis ausgeräumt werden: Landschaftsgestalter Stefan Grieger hatte bei NaturschützerInnen für Unmut gesorgt als er im Bauausschuss des Stadtrats sagte, einer der Bäume – vermeintlich die Friedenslinde – „mickere vor sich hin“. Gemeint hatte er die benachbarte Ölweide neben dem Gedenkstein für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Gesine Weiß vom FLKE dürfte nicht die einzige Zuhörerin gewesen sein, die sich ob der Erwähnung im Ausschuss gefragt hat, welcher Baum denn eigentlich gemeint sei und was es mit dessen besonderer Bezeichnung als Friedenslinde auf sich habe. In ihrem Blog auf der Homepage www.kempten-muss-handeln.de berichtet sie von ihren Recherchearbeiten, bei denen sie mit einigen KemptenerInnen ins Gespräch gekommen ist, die mit der Linde lebhafte Erinnerungen verbinden. Zwar ist bei der Begehung auf der Zumsteinwiese deutlich geworden, dass der Friedensbaum dort, nahe an der Außenwand der Tiefgarage, wohl nicht wird bleiben können, aber seine Geschichte ist es wert erzählt und erinnert zu werden.

Sie beginnt 1979 mit dem Vorgängerbaum, der ersten Friedenslinde. Damals habe es in Kempten einen ökumenischen Meditationskreis gegeben, berichtet Thomas Schiller, Druckvorlagenhersteller und ‚Hausgrafiker‘ der aufkommenden Kemptener Friedensbewegung. Die Gruppe, inspiriert durch die Gemeinschaft von Taizé, nahm sich während der Passionszeit jeweils ein bestimmtes Thema vor, um darüber zu sprechen und zu meditieren. Nachdem seit 1977 die Kritik an der US-amerikanischen Neutronenbombe immer mehr Menschen zu Protest und Friedensinitiativen bewegt hatte, beschloss der Kreis im Jahr des NATO-Doppelbeschlusses über den Frieden nachzudenken.

„Eine treibende Kraft“ für die Ökumene und für ein friedliches Miteinander unter den KemptenerInnen jedweder Herkunft war viele Jahre lang Inge Nimz, die erste evangelische Pfarrerin im Allgäu, spätere Gründerin des Hauses International und prägendes Mitglied des Meditationskreises, darin sind sich ihr langjähriger Kollege Rudolf Goschler und Schiller einig. Beide erzählen mit großer Wärme und Bewunderung von der „mutigen“, streitbaren und „visionären“ Preußin, die bereits seit den frühen 70er Jahren in ihrem Wohnzimmer Hausaufgabenbetreuung für Einwandererkinder anbot und insbesondere junge Menschen für ihre Anliegen begeistern konnte. Sie sei „eine Pionierin“ gewesen, der zum einen der „Weltfrieden“ ein Herzensanliegen gewesen sei; zum anderen sei sie hier vor Ort, in Kempten, sehr früh auf die damaligen Gastarbeiter aus Italien, der Türkei, Jugoslawien und Spanien zugegangen, habe Kontakte gepflegt und vermittelt, erzählt Goschler.

Aus den Friedensgesprächen des Taizé-Kreises entwickelte sich im Frühling 1979 die Idee, einen Friedenstag zu veranstalten. Am Samstag, 29. September, luden Nimz und die anderen TeilnehmerInnen der Meditationsgruppe gemeinsam mit MitstreiterInnen der evangelischen und katholischen Jugend, der sozialistischen Falken sowie von Terre des hommes, Amnesty international und DGB zu einem Sternmarsch ein: Um die Mittagszeit marschierten hunderte KemptenerInnen, einheimische wie zugewanderte, samt ihrem damaligen Oberbürgermeister Dr. Josef Höß und Gästen vom Oberösch, von Steufzgen und Thingers, von der Pfarrkirche St. Ulrich und dem Hauptbahnhof aus zum Königsplatz. Nach der Kundgebung dort zog die friedensbewegte Menge weiter zum St. Franziskus-Zentrum zum Gottesdienst mit Live-Musik, zu Gesprächsgruppen und zum abendlichen „Shalom-Fest“ mit Festmahl. Zuvor aber pflanzte sie auf der Zumsteinwiese einen Friedensbaum und sang ein damals noch recht neues Lied, das sich heute in vielen christlichen Liederbüchern findet: „Komm, bau ein Haus, das uns beschützt, pflanz einen Baum, der Schatten wirft… Komm, wohn mit mir in diesem Haus, begieß mit mir diesen Baum, dann wird die Freude wachsen, weil unser Leben Kreise zieht...“ Die damals auf einem Programmfaltblatt notierte Forderung, angesichts von alltäglichen „Vorurteilen, Haß, Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit, Egoismus, Angst und Konkurrenzkampf“ müsse „der Frieden bei jedem einzelnen anfangen“, um sich „dann auf größere Ebenen ausbreiten“ zu können, zog in den folgenden Jahren noch einige, teils „wunderschöne“ Kreise, so Goschler. An der Friedenslinde trafen sich von nun an einmal jährlich Christen, Muslime und zeitweise auch Bahai zum interreligiösen Beten und Singen für den Frieden. Solche Begegnungen und gemeinsamen Rituale verschiedener Religionsgemeinschaften – öffentlich und einladend – waren in den 80er Jahren noch neu und ungewöhnlich. Im selben Jahr, 1979, rief die auch mit dem Stadtjugendring gut vernetzte Inge Nimz das Internationale Burghaldefest ins Leben. 1982 gründete sie den Verein Internationale Begegnung Kempten und eröffnete im Jahr darauf im heutigen Künstlerhaus das Haus International.

Die Friedenslinde scheint schon an ihrem damaligen Standort keine idealen Bedingungen gehabt zu haben: Rund 25 Jahre nach ihrer feierlichen Ansiedlung war sie verkümmert, und so pflanzten am Buß- und Bettag 2007 Pfarrerin Nimz, der damalige Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer und der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Alois Kornes etwas weiter südöstlich eine neue Linde an den Rand der Zumsteinwiese. Zuvor hatte der Stadtrat einstimmig beschlossen, das neugestaltete Gelände fortan „Friedensplatz“ zu nennen.

Heute wird die Nachfolgelinde mit eigener Adresse von erneuten Sanierungsarbeiten bedroht, hat aber, auch dank der engagierten Arbeit von Gesine Weiß, viele FürsprecherInnen gefunden. In seiner ausführlichen Stellungnahme an das Tiefbauamt macht der FLKE eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie die Friedenslinde gerettet werden könnte: Sollte es nicht möglich sein, die Tiefgaragenwand an der fraglichen Stelle, dicht bei den Baumwurzeln, nach innen zu versetzen, schlägt die Initiative vor, die Friedenslinde zu versetzen. In Nürnberg hat sie dafür bereits einen Spezialisten ausfindig gemacht, der dort jährlich etwa 20 Bäume mit nahezu hundert Prozent „Anwachserfolg“ verpflanzt. Stadtgrün-AktivistInnen und ehemalige Wegbegleiter von Inge Nimz sind sich einig, dass die Erinnerung an die Bundesverdienstkreuzträgerin und ihre unermüdliche Arbeit für ein friedliches Miteinander wieder stärker ins Bewusstsein der KemptenerInnen gerückt werden sollte, und plädieren für eine Umsiedlung der Friedenslinde in den westlichen Hofgarten. Dort, ganz in der Nähe des Jugendhauses, der City-Seelsorge und des Familiencafés, hätte die Erinnerung an das Wirken der Pfarrerin „ein passendes Umfeld“ und mit einer Einweihungsfeier könne man dort nicht nur den Friedensbaum willkommen heißen, sondern auch den neuen Friedensplatz quasi wiedereröffnen, samt einer Gedenktafel zur Geschichte des Baumes. Folgt man den Ideen des FLKE könnten die sechs großen Bäume des Zumsteinwäldchens, die der Tiefgaragensanierung werden weichen müssen, erneut in der Nachbarschaft der Linde Wurzeln schlagen: Ihre Verpflanzung auf die Wiese „direkt nördlich hinter der Residenz“ sei nicht nur dem Stadtklima und der Aufenthaltsqualität zuträglich, sondern rechne sich nach der „Baumwertermittlung“ auch wirtschaftlich.

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft Kempten-Memmingen-Allgäu e. V. hat angeregt, sowohl den Gedenkstein für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus als auch das von SchülerInnen gestaltete, wenige Meter entfernte Mahnmal auf den Sigmund-Ullmann-Platz beim Müßiggengelzunfthaus umzusiedeln. Hier, in der Nähe des Rathauses, könnte das Gedenken an die Opfer der Shoah, Verfolgte und ZwangsarbeiterInnen „einen würdigen, ruhigen Platz“ finden, so die langjährige zweite Vorsitzende der Gesellschaft Maria Lancier.

Auf der Zumsteinwiese, diesem „Herzstück“ der historischen Stiftsstadt, könnte dann eine grüne Oase entstehen, in der sich KemptenerInnen jeden Alters und ihre Gäste gerne aufhalten, so Ilse Roßmanith-Mitterer, erste Vorsitzende der Stiftsstadtfreunde e. V. Gemeinsam mit dem FLKE macht sich ihr Verein dafür stark, bei der Neugestaltung auf Schotterflächen und Pflastersteine weitgehend zu verzichten und stattdessen mit heimischen Gewächsen, blühenden Wiesen und Freisitzplätzen für Wohlfühlatmosphäre zu sorgen. Auch die Idee des Kempten Museums, hinter dem Zumsteinhaus einen Gemeinschaftsgarten anzulegen, gefällt den Stiftsstadtfreunden gut. Dort, wo Familie Zumstein einst Küchenkräuter kultivierte, könnte also bald ein museumspädagogischer Naschgarten mit Beerensträuchern entstehen.

Antonia Knapp

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