Hexerei ist nicht gleich Hexerei

Wichtig für die Flüchtlingsarbeit: So sind die Krankheitsvorstellungen in Subsahara-Afrika

Referent Frédéric Lwano berichtete im Online-Vortrag über die Hexerei- und Krankheitsvorstellungen in Subsahara-Afrika.
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Referent Frédéric Lwano berichtete im Online-Vortrag über die Hexerei- und Krankheitsvorstellungen in Subsahara-Afrika.

Kempten/Landkreis – Manchmal stößt die moderne Medizin, wie wir sie in Deutschland kennen, bei Menschen afrikanischer Herkunft an ihre Grenzen.

Je nach Kultur, Ethnie, Familiensystem und Region gibt es unterschiedliche Krankheitsbilder und verschiedene Vorstellungen darüber, wie diese geheilt werden können. Dabei spielt auch der Glaube an Hexerei eine Rolle. Werden Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland im Rahmen der Flüchtlingsarbeit unterstützt, kommt es bei den Helfern teilweise zu Irritationen, weil ihnen das Verständnis für die Hexerei- und Krankheitsvorstellungen in Afrika fehlt.

Aus diesem Grund haben sich die Diakonie Kempten Allgäu sowie das Evangelische Bildungswerk Südschwaben dem Thema in einem Online-Vortrag gewidmet. In seiner Präsentation hat sich Referent Frédéric Lwano vom Refugio München auf die Region Subsahara-Afrika konzentriert. Lwano hat in Innsbruck Theologie und in Passau „Caritaswissenschaft und wertorientiertes Management“ studiert. Außerdem ist er ausgebildeter systemischer Berater. Lwano stammt ursprünglich aus der Demokratischen Republik Kongo und lebt seit 2003 in Europa und seit 2012 in Deutschland. Beim Refugio München ist er Mitarbeiter im Fachbereich „Muttersprachliches Elterntraining“.

Für Afrikaner sei das Leben von Gott und ihren Vorfahren, den Ahnen, gegeben, leitete Lwano die rund 25 Teilnehmenden in die Thematik ein. Das Leben müsse deshalb geschützt und weitergegeben werden. Dafür gebe es eine wichtige Voraussetzung, nämlich die Nachkommenschaft. Deshalb seien die Kinder für Afrikaner so wichtig. Außerdem sei die Gemeinschaft für sie immer bedeutender als das Individuum. „Zwei Personen können nicht heiraten, nur zwei Familien“, erzählte der Theologe.

Gemäß dem Solidaritätsprinzip seien Afrikaner dazu angehalten, Aufgaben wie die Kindererziehung oder spirituelle Rituale gemeinschaftlich auszuüben. Vollbringe ein Familienmitglied eine gute Tat, wirke sich dies auf die gesamte Familie positiv aus. Sei die Tat schlecht gewesen, müsse die gesamte Familie mit negativen Folgen rechnen, erklärte Lwano das Solidaritätsprinzip.

Krankheitsvorstellungen und Hexerei

Eine Unterscheidung nach physischen und psychischen Erkrankungen, wie dies in Europa der Fall sei, gebe es in Afrika nicht. Stattdessen hätten Krankheiten natürliche oder übernatürliche Ursachen, die manchmal in Zusammenhang mit den Ahnen oder Gott stünden. „Eine natürliche Ursache ist es zum Beispiel dann, wenn eine Infektion über schlechten Wind übertragen wird. Es kann aber auch sein, dass Gott oder die Ahnen eine Krankheit als Mahnung schicken, um übertretene Gesetze wiedergutzumachen oder das soziale Verhalten zu bessern.“ Aufgrund des Solidaritätsprinzips sei es möglich, dass die erkrankte Person selbst überhaupt kein Fehlverhalten gezeigt habe, aber beispielsweise andere Familienmitglieder.

Als weitere Krankheitsursache nannte Lwano Geister und böse Menschen. Anders als in Europa sei Hexerei für Afrikaner jedoch keine Besessenheit oder Dämonologie. Hexerei könne angeboren sein, man könne sich damit anstecken, unter anderem bei unerlaubter Nutzung eines Gerätes eines bösen Menschen, oder durch Initiation ein so genanntes gri-gri erwerben, indem man von einer anderen Hexe verhext werde. Wenn Eltern beispielsweise feststellten, dass ihr Kind verhext sei, könne sich dies auf die Kindererziehung auswirken.

Während Hexerei insbesondere innerhalb der eigenen Familie wirke, könne mit gri-gri-Magie jedem Schaden zugefügt werden. Des Weiteren könne jeder jeden der Hexerei beschuldigen, was sich dann wiederum auf die ganze Familie negativ auswirken könne.

Auf welche Medizin Afrikaner vertrauen

Der Referent führte verschiedene Statistiken an, wonach die traditionelle, von Heilern durchgeführte Medizin für
Afrikaner nach wie vor von großer Relevanz sei, vor allem bei psychischen Erkrankungen. „Aber jede Art von Medizin ist für Afrikaner gut. Die Hauptsache ist, dass sie gesund macht. Das ist der Grund, warum auch moderne Medizin in Anspruch genommen wird.“ Da sich Therapiesettings in Deutschland stark von jenen in afrikanischen Ländern unterscheiden würden, sei dies für die Klienten anfangs oft befremdlich.

Während in Deutschland Therapeut und Klient ein vertrauliches Gespräch führten, gebe es mitunter im Kongo traditionelle Therapien, die auf öffentlichen Plätzen oder nur innerhalb der Familie durchgeführt würden. Deutschen Therapeuten riet Lwano, neben anderen Faktoren auch die kulturellen Aspekte während der Beratung oder der Therapie zu berücksichtigen. Als Beispiele nannte er das Solidaritätsprinzip und den Glauben an böse Handlungen von außen. „Nur der verhexte Klient selbst weiß, was ihm wirklich helfen kann.“

Dominik Baum

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