»Sichtbares Zeichen der Würdigung«

Kempten gedenkt dem Tag, an dem 1938 die Synagogen in Deutschland brannten

Dr. Dieter Weber (Vertreter Initiative Stolpersteine e.V. und des Heimatvereins Kempten),
Thomas Baier-Regnery (Referent Jugend, Schule und Soziales),
OB Thomas Kiechle, Alois Kornes ((Israelitische Kultusgemeinde
Bayern), Adelheid Bever und Martin Huss (beides Vertreter/in der
Initiative Stolpersteine e.V.)
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Gedenken der Opfer der Progome (v.l.) Dr. Dieter Weber (Vertreter Initiative Stolpersteine e.V. und des Heimatvereins Kempten), Thomas Baier-Regnery (Referent Jugend, Schule und Soziales), OB Thomas Kiechle, Alois Kornes ((Israelitische Kultusgemeinde Bayern), Adelheid Bever und Martin Huss (beides Vertreter/in der Initiative Stolpersteine e.V.)

Kempten – An jedem 9. November denken wir Deutschen an Schrecken und Freude. Ein Schicksalstag in der Deutschen Geschichte – die Pogromnacht von 1938 und der Mauerfall von 1989. Zum 82. Mal jährt sich die Reichspogromnacht, in der die Nationalsozialisten über die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger herfielen. In ganz Deutschland brannten die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört und jüdische Bürgerinnen und Bürger misshandelt, verhaftet, verschleppt und getötet. Der Beginn des Holocaust. Zum Jahrestag finden im gesamten Bundesgebiet Gedenkfeiern statt. Doch die Corona-Pandemie machte ein öffentliches Gedenken an die Opfer des Nazi-Regimes nahezu unmöglich. So auch in Kempten.

Statt des Rundganges in der Stadt von Stolperstein zu Stolperstein, im Straßenpflaster verlegte Messingplatten, die an das Schicksal ehemaliger Einwohner erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden, fand eine Gedenkveranstaltung im kleinen Kreis statt. An dem im Jahr 1995 aufgestellten Gedenkstein und Mahnmal auf dem Friedensplatz im Kemptner Stadtpark gedachten Oberbürgermeister Thomas Kiechle und Vertreter der Initiative Stolpersteine in Kempten und Umgebung e.V., der Israelitischen Kultusgemeinde Bayern und des Heimatvereins e.V. der Opfer der Pogrome. „Corona macht Angst und weckt Erinnerungen an vergangene Pandemien, wie etwa die Pest und die Ausbreitung des Rassenwahns“, so Martin Huss, Vorsitzender der Initiative Stolpersteine in Kempten und Umgebung e.V. in seiner Eröffnungsrede. Die Stadt Kempten sei sechs Jahre später, im August 1944 judenfrei gewesen, erklärte Huss. Alle, die nicht gerettet werden konnten, seien nach Theresienstadt deportiert worden.

„Wir alle hoffen, dass man aus der Corona-Pandemie mit einer Impfung heraus kommt.“ Aber es brauche auch ein Serum für das miteinander Leben in einer Gesellschaft, betonte er. Ein Serum gegen Pandemien wie Terror, Gewalt und Antisemitismus. „Ein Serum Hoffnung und das Wachhalten der Erinnerung“, wünschte sich der Vorsitzende. Der 9. November sei in der Geschichte ein besonderer Tag, erklärte Alois Kornes, Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde Kempten. „Ein Signaltag in der Entwicklung des Antisemitismus“. Es sei damals nicht plötzlich passiert. Bereits vor Hitlers Machtergreifung im Jahr 1919 nach dem ersten Weltkrieg setzte Hetze und Judenfeindlichkeit ein, so Kornes. „Die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wurden öffentlich diffamiert. Sie sollten nicht existieren.“ „Jüdische Rasse, was immer das sein soll“, so der Tenor der damaligen Zeit. Viele Juden seien im 3. Reich durch den Davidstern und durch Brandmarkung zu Juden gemacht worden, erklärte Kornes. „Rassenwahn in seiner schlimmsten Ausprägung.“

Auch in Kempten lebten viele jüdische BürgerInnen, die Opfer der Nationalsozialisten wurden. Wie etwa ein bekannter Kemptner Architekt und Künstler, Andor Àkos, ergänzte Dr. Dieter Weber, Historiker und Archivar i.R.. Seine mehr als 250 Bauwerke prägten das Kemptner Stadtbild, sowie die Architektur des Allgäus, beispielsweise die Himmelfahrtskirche an der Iller. „Nach der Aufdeckung seiner jüdischen Identität wurde er 1940 zum Suizid gezwungen“, so Weber. Auch heute gebe es wieder judenfeindliche An- und Übergriffe, wie Wien und Halle zeigen. „Es muss gehandelt werden, bevor die Synagogen brennen, die Moscheen, die Tempel und Kirchen“, mahnte Kornes. In der stillen Gedenkfeier verlas der Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde die Namen der Kemptner Opfer.

„Menschen, die durch Rassismus, Antisemitismus und Unmenschlichkeit ihr Leben lassen mussten“, so Kornes. Ein geeignetes Andenken und eine große Auszeichnung sei zudem die Strassenwidmung. Daneben hoffe er auf eine würdige Gedenkstätte für alle Opfer der NS-Zeit. „Gedenken für eine Stadt muss bewusster werden“, forderte Kornes. „Das Gedenken an diesem Tag ist ein sichtbares Zeichen der Würdigung und der Erinnerung an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die entrechtet bis hin zur systematischen Vernichtung Opfer der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten wurden“, betonte Oberbürgermeister Thomas Kiechle. Aus dieser menschenverachtenden Erfahrung heraus sei das Grundgesetz, Artikel eins „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ entstanden. „Es ist Mahnung und Anspruch und aus heutiger Sicht notwendiger denn je“, unterstrich Kiechle. Auch er wünsche sich ein Serum gegen Rassismus. In stillem Gedenken an die Opfer endete die Feier.

Christine Reder

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