Bildhauen nach Bibelstellen

Hannes Häntsch begibt sich mit dem Schnitzeisen auf Sinnsuche

Hannes Häntsch arbeitet in der Werkstatt des Bildhauers Ernst 
Franz an einer neuen Holzskulptur.
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Hannes Häntsch arbeitet in der Werkstatt des Bildhauers Ernst Franz an einer neuen Holzskulptur.

Kempten – Als Kind wollte Hannes Häntsch Schreiner oder Förster werden, doch seine Wege führten den 47-Jährigen in eine andere Richtung.

Heute ist der studierte Sozial- und Religionspädagoge, der eine nebenberufliche Ausbildung in der Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Frankl absolviert hat, Referent der Cityseelsorge Kempten. Seine besondere Beziehung zum Werkstoff Holz lebt Häntsch nun in seiner Freizeit aus: Bibelstellen sind der Ursprung für Skulpturen, die der Bildhauer aus Holzstämmen entstehen lässt.

So wie das Werk „durchbrechen“, das die biblische Geschichte des Auszugs aus Ägypten darstellt (Exodus 14,14). Es ist sein Lieblingsstück, für dessen Fertigstellung er eineinhalb Jahre benötigte.

Mit seinen Werken möchte Hannes Häntsch Menschen die Lebensnähe und Tiefe der Bibel näherbringen. In der Bibel, die manchmal starr wirke, stecke alles drin, sagt der Künstler weiter. „Bei meinen Kursen steht deshalb häufig eine Skulptur in der Mitte.“ Es sei sehr interessant, was den Kurs-Teilnehmern dazu einfalle und wie dadurch der Einstieg in die jeweiligen Themen leicht gelinge, fährt Häntsch fort.

Der in der Nähe von Dresden aufgewachsene Referent hat während seiner Tätigkeit in Weilheim in einer Sozialberatung für verschuldete Menschen einen Kurs beim Oberammergauer Bildhauer Ernst Franz besucht. „Anfangs tat es in den Händen ordentlich weh“, beschreibt er die ungewohnte, körperliche Betätigung. Gleichzeitig hat ihn die Holzbildhauerei jedoch sofort fasziniert. „In der Selbstvergessenheit zu sein, das tut gut“, schildert Häntsch seine Erfahrungen. Seit drei Jahren lebt und arbeitet der 47-Jährige in Kempten und fährt zum Arbeiten an großen Projekten nach wie vor in die Werkstatt von Franz.

Nach und nach habe er jedoch ein Platzproblem bekommen, so der (Hobby-)Künstler: „Ich wusste nicht mehr, wohin mit den Skulpturen.“ Der Leiter der Cityseelsorge Kempten, Stadtpfarrer Dr. Bernhard Ehler, bot ihm die Räume im christlich-sozialen Zentrum Christi Himmelfahrt an, wo die Werke mit ihren Beschreibungen seit einiger Zeit ausgestellt sind und während der Öffnungszeiten der Kirche betrachtet werden können. Angedacht sei auch, ein Buch mit Fotos der Werke und den dazugehörigen meditativen Erläuterungen herauszugeben.

Die Ideen zu seinen Skulpturen kommen Häntsch meistens zufällig. So könne der Einfall beispielsweise mit einem Traum beginnen und sich beim Spazierengehen weiterentwickeln, er konkretisiere sich dann mit der Auswahl des passenden Holzstücks. „Dazu muss einfach eine gewisse Grundaufmerksamkeit vorhanden sein“, beschreibt er diesen Prozess.

Hannes Häntsch erinnert sich noch lebhaft daran, wie er ein Fundstück von einem Spaziergang aus dem Taunus im ICE mit ins Allgäu brachte. „Die Leute haben sich wohl gefragt, ob es in Bayern keine Äste gibt“, schmunzelt er noch heute, wenn er an die fragenden Blicke der Mitreisenden zurückdenkt.

Aus diesem Ast eines Mammutbaumes entstand im vergangenen Jahr die Skulptur „erbauen – Die Urväter des Glaubens“ (Exodus 4,5) mit Abbildungen von Abraham, Isaak und Jakob sowie Symbolen aus deren Leben. In der Kraft eines Baumes, der einfach wachse, werde Tieferliegendes sichtbar: „Wir sehen heute Leben so isoliert“, meint Häntsch. Aber unsere Geschichte baue sich auf unseren Vorfahren auf – so wie er es in dieser Skulptur darstellen wolle, stellt er fest.

An der Bildhauerei fasziniere ihn, wie aus dem rohen Material, das auch sinnbildlich für unser Leben sein könne, ein tieferer Sinn entstehe. Es freue ihn, wie aus etwas Unansehnlichem eine schöne Sache entstehe. Die Arbeit mit Holz biete ihm eine neue Perspektive und gebe ihm eine Hilfestellung, denn durch die Skulpturen werfe er einen Blick auf sein eigenes Leben. So zitiert er zustimmend seinen Lehrmeister, den Bildhauer Franz, der sagt: „Man schnitzt sich immer ein Stück weit selbst.“

pdke

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