»Manche möchten nur schauen«

Schon seit 330 Jahren in Betrieb – Ein Besuch in Kemptens ältester Apotheke

Die Apothekerin Olympia Haslinger im weißen Kittel vor dem Tresen ihrer historischen, einst fürstäbtlichen Hof und Residenz-Apotheke in Kempten, der ältesten Apotheke der Stadt.
+
Apothekerin Olympia Haslinger arbeitet „mit Leidenschaft“ in ihrer unter Denkmalschutz stehenden Offizin.

Kempten – Sie hat einen eigenen Eintrag in Wikipedia und ist im neuen Zumstein-Museum präsent. Sie steht unter Denkmalschutz und gehört zum Besichtigungsprogramm von Allgäu-Touristen. Die ehemals „Fürstäbtliche Hof- und Residenz-Apotheke“ in der Stiftsstadt bietet viel mehr als nur Pillen und Pulver, sie ist ein lebendiges Kleinod und mit 330 Jahren die älteste Apotheke Kemptens.

Wofür sind Walnussblätter gut?

Apothekerin Olympia Haslinger führt das Geschäft seit 27 Jahren und sagt: „Ich möchte meine Apotheke nicht missen, sie hat so viel Flair!“ Tiefbraun die Holzvertäfelung der Wände, hochglanzpoliert die alten Schubladen, unter der schönen Kassettendecke hängt ein Geweih als Kronleuchter mit einer weiblichen Galionsfigur, die auf den massiven Holztresen blickt: „Alles original aus dem 19. Jahrhundert.“ Gläserne Standgefäße mit lateinischer Beschriftung blitzen im Licht, in der Mitte der Offizin steht eine mächtige hölzerne Säule. „Fol. Nuci. Juglandis“ prangt in schwarzen Lettern auf dem weißen Emailleschild einer Schublade: „Leider nicht vorrätig“, bedauert Haslinger und versichert: „Können wir aber gern kurzfristig besorgen.“ Wozu taugen die Blätter der Walnuss, die sich hinter Fol. Nuci. Juglandis verbergen? Die Apothekerin lacht hinter ihrer hellblauen Corona-Maske: „Damit können Sie Ihre Haare färben.“ Auch bei Hauterkrankungen helfen sie. Gleich etwas gelernt in dieser einmaligen Apotheke, die zum ersten Mal anno 1690 erwähnt wird, vor immerhin 330 Jahren.

Eine Inschrift an Hausnummer 16 erinnert an die ursprüngliche Funktion.

Apotheke als soziale Anlaufstation

Damals lässt sie der Kemptener Fürstabt in drei Räumen der Residenz einrichten. Er ärgert sich nämlich maßlos über den protestantischen Quacksalber, der in der Reichsstadt seine Apotheke verlottern lässt und den Bürgern verunreinigte Medikamente zu überhöhten Preisen verkauft. Die Hof- und Residenz-Apotheke geht nach der Säkularisation 1804 in den Besitz des ehemaligen Hofpharmazeuten Fuchs über, der die Offzin, das Labor und die Vorratsräume 1812 an den heutigen Standort in der Poststraße 16 verlegt. Das in markantem Zartrosa gestrichene Haus ist heute nicht nur Ziel von Kranken, Rezepteinlösern und Menschen auf der Suche nach schneller Befreiung von allerlei Zipperlein, sondern wird auch gern von Schulklassen, Fotografen und Touristen besucht. „Die meisten möchten nur schauen und freuen sich an unserem Ambiente“, sagt Haslinger. Die normalen Kunden kommen mit Rezept, aber der eine oder die andere ist auch froh, der Pharmazeutin mal das Herz ausschütten zu können: Krankheit, Alltag, der Job, die Familie, das Leben an sich – es gibt so viele Gesprächsthemen. „ Die Apotheke ist heute zur sozialen Anlaufstation geworden“, betont sie, „ApothekerInnen sind Vertrauenspersonen, wichtig für viele Menschen.“ Da gibt’s zum Arzneimittel immer ein offenes Ohr, viel Zeit zum Reden, oft mehr als bei manch einem Arzt, und gute Ratschläge obendrein. Alles ohne Zuzahlung und rezeptfrei, werktäglich ab 8 Uhr in der Früh.

Abwechslungsreicher Job

Doch Reden allein genügt nicht. Haslinger und ihre in Isny ausgebildete pharmazeutisch-technische Assistentin gießen Zäpfchen, rühren Salben, mischen Pulver. Sie sind zu permanenten Qualitätskontrollen im Warenlager verpflichtet, überprüfen ihre Rezeptursubstanzen, checken mögliche Wechselwirkungen der verordneten Medikamente. Und sie haben jede Menge Daten zu dokumentieren und müssen sich mit den Folgen ausufernder Vorschriften herumschlagen. „Manchmal ist das lästig“, gibt die in Griechenland geborene Pharmazeutin zu, „aber mir macht die Abwechslung Spaß.“ Die ungeliebte Buchhaltung mache ihr Ehemann. „Ich kann mich voll auf die Pharmazie konzentrieren.“ Inklusive Nacht- und Sonntagsdiensten, Außer-Haus-Lieferung von Medikamenten und Diskussionen mit Internet-gebildeten Kunden über Sinn und Unsinn von Schulmedizin oder Homöopathie. Die Apothekerei ist Leidenschaft, das betont Haslinger, die als vierzehnjährige Schülerin durch einen Ferienjob in Fürstenfeldbruck erstmals mit der Pharmazie in Berührung kam. Ihre Eltern waren während der Zeit der Athener Militärjunta nach Bayern gekommen.

Einmal noch auf den Olymp

Nach dem Studium in München und mehreren Engagements in Südbayern kam die junge Apothekerin nach Kempten – eben wegen der schönen alten Offizin in der Stiftsstadt – die habe ihr gleich gefallen, sagt sie. Die Griechin ist längst zur Allgäuerin geworden. Nur mit dem Wandern, damit hat sie sich nicht richtig anfreunden können. Und so klingt es ein wenig paradox, dass ihr großer Urlaubswunsch ausgerechnet mit Wandern zu tun hat: „Ich möchte zu Fuß auf den Olymp, den höchsten Berg meiner Heimat. Das muss man als Griechin.“ Und mit diesem Namen erst recht.

Lutz Bäucker

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Allgäuer Gastgeber kämpfen um ihr Überleben und demonstrieren
Allgäuer Gastgeber kämpfen um ihr Überleben und demonstrieren
Kemptener Schüler lernen daheim mit Tablets und Notebooks von der Stadt
Kemptener Schüler lernen daheim mit Tablets und Notebooks von der Stadt
Corona-Ticker Kempten: Zahlen schwanken
Corona-Ticker Kempten: Zahlen schwanken
Schüler, Studenten und Lehrer berichten vom Lernen in Corona-Zeiten
Schüler, Studenten und Lehrer berichten vom Lernen in Corona-Zeiten

Kommentare