Schlafende Künstlerträume

In der Kita St. Nikolaus machen Zimmerleute eine erstaunliche Entdeckung 

Zimmerdecke auf dem Dachboden der Kindertagesstätte St. Nikolaus in Kempten, in der vier Bretter verbaut wurden, die vermutlich von Kunstmalern aus der Familie des Barock- und Hofmalers Franz Georg Herrmann bemalt und signiert wurden.
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Recycling für die Zimmerdecke.
  • VonAntonia Knapp
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Kempten – Die Kindertagesstätte St. Nikolaus an der Memminger Straße wird derzeit aufwändig saniert und erhält nach dem Abriss der Vorgängers einen neuen Erweiterungsbau, der bereits im kommenden September fertiggestellt sein soll. Das niedrige einstöckige Verbindungsgebäude und die Renovierung der historischen Stadtvilla sollen im Juli 2022 vollendet sein. Während im Treppenhaus und auf den unteren drei Etagen die üppigen Stuckverzierungen den Besucher auch im Baustellenstaub beeindrucken, scheint der dreigeschossige Dachboden mit seinen kleinen dämmrigen Kammern und dem Spitzboden wenig bemerkenswert. Doch ebendort haben die Zimmerleute vor Kurzem einen überraschenden Fund gemacht, der ein Schlaglicht auf die Geschichte des eleganten Hauses wirft und so den Alltag jener Familie lebendig werden lässt, die dort einst lebte, arbeitete und sich ihren Gästen präsentierte.

Drei Generationen der Malerfamilie Herrmann haben im Laufe des 18. Jahrhunderts in dem imposanten Gebäude gelebt; erbaut hat es 1730 der Barockmaler Franz Georg Herrmann der Jüngere, dessen Gemälde u.a. in den Prunkräumen der Residenz Decken und Wände schmücken. 1851 ging die Villa in den Besitz der Katholischen Waisenhausstiftung über, die dort bis 1974 ein Kinderheim betrieb. Die Schlafräume der Kinder sowie die Kammern für die Schwestern befanden sich im Dachgeschoss, in das zwei Zwischenböden eingezogen wurden, vermutlich um die neu entstandenen niedrigen Zimmern günstiger heizen zu können.
Im untersten dieser drei Obergeschosse haben die Zimmerer eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Als sie die Verschalung der Zwischendecke entfernten, kamen darunter vier Bretter zum Vorschein, die ursprünglich offenbar nicht als Baumaterial gedient haben, sondern aus der Werkstatt der Künstlerfamilie Herrmann stammen.

Alle vier sind weiß grundiert. Die in der dämmrigen Kammer auf den ersten Blick besonders auffällige Planke trägt in ziegelroten, verschnörkelten Buchstaben die Signatur: „Franz Jacob Herrmann/1790“ und weist zartrosafarbene und mintgrüne Farbspuren auf.

Auch der Enkel des Hofmalers signierte schwungvoll.

Studien für prunkvolle Großaufträge?

Auf dem Brett direkt neben ihr scheint die einstige farbige Fassung etwa zur Hälfte stark verblasst zu sein; deutlich zu erkennen sind aber schmale schwarze und breite mintfarbene Bögen, die wie ein Regenbogen angeordnet sind und einander abwechseln. Betrachtet man die beiden anderen Bretter im benachbarten Deckenfeld, liegt die Vermutung nahe, dass es sich nicht um den kindlich ungelenken Ausschnitt eines Regenbogens in trüben Farben handelt, sondern um ein architektonisches Element: Schaut man sich die Skizze in der Senkrechten an, könnte es sich um die obere rechte Hälfte eines Torbogens handeln.
Sehr viel sorgfältiger ausgeführt sind die Malereien auf den beiden anderen Dielenbrettern: Sie zeigen offensichtlich eine antikisierende Säule sowie einen verzierten Wandabschnitt oder eine weitere Säule, quasi in Nahaufnahme. Alle Zierelemente – die senkrechten Rillen des Säulenschafts, kleine Gesimse und Wülste, eine Blättergirlande und ein schmaler Fries mit floralem Muster – sind klar konturiert und mit grauen Schatten versehen. So wirken die beiden architektonischen Versatzstücke plastisch und fast schon Augen täuschend realistisch.
Wer sich etwa im Kloster Schussenried Franz Georg Herrmanns Deckengemälde ansieht, wird dort einige Säulen und Torbögen entdecken; ein Fresko im Bibliothekssaal über der Empore zeigt sogar eine Baustelle, auf der ein mit Säulen und Muschelwerk verziertes Rokokogebäude hochgezogen wird.

Architekturstudien auf schmalen Brettern.

Therese Waldmann vom Amt für Gebäudewirtschaft kann sich gut vorstellen, wie die Malerfamilie in ihrem weitläufigen Haus künstlerisch experimentiert, vielleicht „Innovatives ausprobiert“ hat. Obwohl die Villa sich in eine Baustelle verwandelt hat, kann man sich ausmalen, wie die Herrmanns hier einst Besuch empfingen, zu barocken Abendgesellschaften oder Hauskonzerten einluden, und ihren Gästen beiläufig auch eine Kostprobe ihres eigenen Schaffens boten: Das Treppenhaus, Decken und Türen sind mit Stuck verziert; vor etwa zehn Jahren haben Renovierungsarbeiten in einem der Zimmer ein Wandgemälde zum Vorschein gebracht, im Treppenaufgang wird in einem erhabenen Feld unter der gelben Wandfarbe ein weiteres vermutet. Ihr Wohnhaus könnte den Hof- und Stiftsmalern so auch als eine Art „Showroom“ gedient haben, in dem sie „richtig Gas gegeben“ haben, um ihr Können ins rechte Licht zu rücken, mutmaßt Waldmann.

Der Fundort.

Auf den Deckenbohlen in der Schlafkammer sind vermutlich Entwürfe zu sehen; ob sie von Franz Jacob, dem schwungvollen Schreiber und Enkelsohn des einstigen Bauherrn, stammen, oder ob verschiedene Familienmitglieder hier ihre Spuren hinterlassen haben, ist unklar. Dank der pragmatischen Zweitverwertung dieser hölzernen Malgründe haben die Zeugnisse des damaligen Künstleralltags die Zeiten überdauert.
In enger Abstimmung mit Dr. Alexander Ditsche, Referent des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, hat die Stadt, die auch Trägerin der Waisenhausstiftung ist, beschlossen, die bedeutsamen Bretter vorsichtig auszubauen und im künftigen Ergänzungsbau vor dem Büro der Tagesstättenleiterin Petra Willems an die Wand zu hängen.

Spielen im charmanten Denkmal

Willems ist dem historischen Gebäude seit langem eng verbunden: Als Kind hat sie dort den Hort besucht, seit 2006 leitet sie die Kindertagesstätte, die aktuell rund 170 „Zwerge“ und „Wichtel“ betreut.
Bis die Kinder aus ihrem Übergangsquartier im Margaretha- und Jospehinen-Stift in die charmante Villa zurückkehren können, feilen die Stadt und das Landesamt an einer Sanierung, die „den Denkmalschutz und die Nutzung“ zum Spielen, Lernen, Schlafen und gemeinsamen Essen auch weiterhin „in Einklang“ bringt.

Verbirgt sich unter der eigentümlich erhabenen Wandfläche im Treppenhaus ein Gemälde?

Da die Handwerker das Dach vollständig abdecken, alle Sparren kontrollieren und wohl auch austauschen müssen, sind zusätzliche Fördergelder sehr willkommen. Die Bayerische Landesstiftung steuert 140.000 Euro bei, weitere Fördergeber sind angefragt, wie Waldmann berichtet. Zumindest ein Teil der Stuckverzierungen und das Treppengeländer können so frisch gefasst werden. Zudem soll das mutmaßliche Wandgemälde im Treppenhaus freigelegt werden. Ob die Kinder es zu Gesicht bekommen werden, sollte sich die Vermutung bestätigen, ist jedoch ungewiss. Das Wandbild, das vor einigen Jahren im ersten Stock wiederentdeckt wurde, ist wieder verschwunden: versiegelt mit Wandfarbe, um es zu schützen und zu bewahren.

Antonia Knapp

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