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Insolvenzwelle bei Billigstromanbietern zwingt viele Allgäuer Stromkunden zum Wechsel

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Eine teure Überraschung erleben derzeit Kunden von Billigstromanbietern. Die können nicht mehr liefern und die Betroffenen fallen erst einmal in die teure Grundversorgung.
  • VonJörg Spielberg
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Kempten/Oberallgäu - Weil derzeit viele Billigstromanbieter pleite gehen, fällt eine Großzahl an Allgäuer Kunden in die Grundversorgung beim AÜW. Das können Betroffene tun.

In den vergangenen Jahren wechselten viele Stromkunden bundesweit von ihrem regionalen Anbieter hin zu sogenannten Billigstromanbietern, die mit äußerst günstigen Tarifen viele Neukunden lockten. Deren Geschäftsmodell aber implodiert gerade, denn diese können beim Stromeinkauf nur auf kurze Beschaffungskorridore zurückgreifen und sind aufgrund der derzeit hohen Börsenstrompreise für das Stromjahr 2022 nicht ausreichend mit Strommengen eingedeckt.

Vergebens wartete man auf fallende Strompreise, derzeit aber zeigt der Strompreis nur eine Richtung an, er steigt. In der jüngsten Vergangenheit war es dem AÜW noch möglich, für seine Kunden für das Jahr 2022 Strom zu einem Börsenpreis von 70 Euro pro Megawattstunde (MWh) langfristig einzukaufen, aktuell liegt der Börsenpreis Base für 2022 aber bei 242 Euro/MWh bis zu einem Peak bei 313 Euro/MWh.

Für diesen Preis müssten Billigstromanbieter nun ihren noch günstigeren Strom aktuell einkaufen, zu einem Mehrfachen des Preises, den sie ihren Kunden in Aussicht gestellt hatten. Das ist für die meisten dieser Unternehmen wirtschaftlich nicht darstellbar. Die Folge: Billigstromanbieter kündigen ihren Kunden die laufenden Verträge und gehen reihenweise in die Insolvenz. Deren Kunden fallen in die Grundversorgung, die in der Regel von Stadtwerken oder wie im Allgäu, vom AÜW, übernommen wird.

Was tun?

Betroffenen raten die Verbraucherzentralen dem bisherigen Anbieter umgehend die Einzugsermächtigung zu entziehen bzw. einen Dauerauftrag bei der Bank zu kündigen. Dazu sollte der aktuelle Zählerstand zum Belieferungsende abgelesen, respektive abfotografiert und dem zuständigen Grundversorger mitgeteilt werden. Unter Umständen kann eine unwirksame Kündigung verbunden mit einer Belieferungseinstellung zu Schadensersatzansprüchen aufgrund einer Vertragspflichtverletzung führen.

Hat der Stromanbieter allerdings bereits Insolvenz angemeldet, fließt die Rückforderung in die Insolvenzmasse und das bedeutet meist, erst nach Jahren eine nur geringe Teilentschädigung zu erhalten. Zudem kann der neue Stromanbieter, der die die Grundversorgung übernimmt, den „Neukunden“ nur einen Ersatzkundentarif anbieten, der tariflich weit höher liegt als der für Bestandskunden.

So ungerecht es auf den ersten Blick erscheint, für diese Preisgestaltung gibt es aus Sicht der Stromanbieter verständliche Gründe, wie es auch der Pressesprecher des AÜW Stefan Nitschke gegenüber dem Kreisboten formuliert: „Das AÜW beschafft vorausschauend die Strommengen, die es für seine Kunden benötigt. Natürlich ‚atmet‘ die Strommenge, d.h. langjährige Bestandskunden kommen und gehen. Diese Schwankungen sind mit eingepreist. Wenn aber durch Versorger-Insolvenzen auf einen Schlag bis zu 5.000 ‚neue‘ Kunden mit durchschnittlich rund 3.500 Kilowattstunden (kWh) zu uns wechseln, sind das bis zu 14 Millionen kWh, die zusätzlich beschafft werden müssen.“

Das AÜW beschafft vorausschauend die Strommenge, die es für seine Kunden benötigt.

Stefan Nitschke, AÜW-Pressesprecher

Laut Nitschke beschafft das AÜW seine Strommengen für ein Lieferjahr sehr langfristig und risikoarm über einen Zeitraum von drei Jahren in unterschiedlichen Tranchen. „Das führt dazu, dass das AÜW nie die günstigsten Strompreise anbieten kann. Dafür stehen wir für Langfristigkeit, Stabilität und Preissicherheit“, sagt Nitschke und ergänzt: „All jenen, die nun in die Ersatzversorgung wechseln müssen, wird das AÜW ein langfristiges Produkt zu wettbewerbsfähigen Konditionen anbieten. Wir hoffen natürlich, dass hier der Mehrwert erkannt wird und nicht nach Entspannung auf dem Energiemarkt wieder zum nächsten Billiganbieter gesprungen wird.“

Wie geht‘s weiter?

Wie aber entwickelt sich die Gesamtsituation weiter? Stefan Nitschke sagt, derzeit verhinderten volatile Preise an den Börsen eine planbare Beschaffung von Strom. Man hoffe, dass sich die Situation im Laufe des zweiten Quartals 2022 stabilisiert. Mittelfristig aber sei mit einer Erhöhung des Strompreises (geschätzt drei bis fünf Prozent) zu rechnen. „In naher Zukunft dürfte der Beschaffungspreis bei 130 bis 170 Euro pro Megawattstunde liegen“, so Nitschke.

Der Endpreis für Strom, der von den Kunden zu leisten ist, wird zudem ergänzt durch Abgaben für den Staat und Gebühren für den Netzbetreiber. Aktuell soll die staatliche EEG-Umlage, die vor 22 Jahren als „Anschubfinanzierung“ für Erneuerbare Energien eingeführt wurde, sukzessive zurückgenommen werden, was den Strompreis senkt. Allerdings wird diese Senkung aktuell durch die Einführung der CO2-Steuer auf Heizstoff- und Kraftstoffpreise für den Verbraucher mehr als kompensiert.

Was aber hat zur explosionsartigen Verteuerung von Strom geführt? Der Pressesprecher des AÜW nennt u.a. die folgenden Gründe: Nach den ersten Lockdowns ist die Nachfrage nach Strom insbesondere in Asien sprunghaft gestiegen, die Gasspeicher in Europa waren zu Beginn des Winters leer, die Rohstoffpreise für Kohle, Gas und Öl sind am Weltmarkt explodiert und Russland hat seine Gaslieferungen reduziert.

Zu letztgenanntem Punkt führte auch die andauernde Diskussion um die mögliche Inbetriebnahme von Nord-Stream II, die aus der Stromversorgung von Millionen Menschen ein Politikum gemacht hat. „US-Präsident Biden und Bundesaußenministerin Baerbock scheinen denselben Weg fortsetzen zu wollen, was die Sache für den Stromverbraucher eher ungünstig macht“, mutmaßt der Pressesprecher des AÜW.

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