Jung und Alt unter einem Dach

»Gemeinsam ist man weniger allein« – das ist das neue Motto im Margaretha- und Josefinen-Stift

Daniel Huck, Geschäftsführer der Margaretha- und Josephinen-Stift gGmbH (r.), und seine Stellvertreterin Katharina Rudi zeigen den geplanten Mehrgenerationen-Spielplatz, von dem auch das ganze Quartier profitieren soll.
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Daniel Huck, Geschäftsführer der Margaretha- und Josephinen-Stift gGmbH (r.), und seine Stellvertreterin Katharina Rudi zeigen den geplanten Mehrgenerationen-Spielplatz, von dem auch das ganze Quartier profitieren soll.

Kempten – Das Margaretha- und Josefinen-Stift öffnet sich.

Seit die dort untergebrachte Stationäre Pflegeeinrichtung vor fast genau zwei Jahren geschlossen wurde (der Kreisbote berichtete), hat sich im Gebäude am Adenauerring vieles getan. Zwar leben immer noch Seniorinnen und Senioren in dem nahezu 10.000 Quadratmeter umfassenden Haus, doch sind nun auch Kinder, Auszubildende, Studenten und Menschen mit Handicap dazugekommen.

„Wie können wir Isolation im Alter vermeiden?“, erklärt Katharina Rudi das Ziel des neuen Konzepts. Rudi ist die stellvertretende Geschäftsführerin der Margaretha- und Josephinen-Stift gGmbH und koordiniert unter anderem die Arbeitseinsätze der im Haus lebenden Studenten. Mit dem Mietvertrag unterzeichnen die jungen Leute die Verpflichtung, auch einmal einen Senioren-Abend zu organisieren, oder die Bäume zu schneiden. Zehn Menschen in Ausbildung wohnen derzeit in sechs Appartements und einer Wohngemeinschaft im Haus. Auf dreieinhalb weiteren Stockwerken leben Menschen mit Behinderung der „Lebenshilfe“ und der „Körperbehinderte Allgäu“ in Wohngruppen zusammen.

Wie im Familienverbund

Die Seniorinnen und Senioren wiederum haben eigene Appartements. Je nach Bedarf buchen sie hauseigene Dienstleistungen wie Wäsche-, Reparatur- oder Putzservice dazu und nehmen an Aktivitäten teil. „Wir haben uns angeschaut, wie die Menschen früher in den Familien miteinander gelebt haben“, erklärt Geschäftsführer Daniel Huck. Da waren auch verschiedene Altersgruppen zusammen. Dementsprechend lädt alles im Haus dazu ein, gemeinsam Zeit zu verbringen und ein Schwätzchen zu halten: Die Bücher-Tausch-Ecke, die Gemeinschaftsterrasse, die geplante Sitz-Lounge oder die Sitzecken im Park.

Das hauseigene Restaurant „Majoca“ bietet Mahlzeiten an, zu denen sich die Bewohner treffen können. Auch die Kinder der Grundschule an der Fürstenstraße, die ihre Mittagsbetreuung im Stift bekommen. Nach dem Essen spielen sie und machen ihre Hausaufgaben, bis sie von den Eltern abgeholt werden. Das Geschoss teilt sich die Mittagsbetreuung derzeit mit der Kinderkrippe Sankt Nikolaus. Im Untergeschoss spielen die Kinder der Sankt-Nikolaus-Kindertagesstätte.

Der Restaurant-Betrieb ist noch nicht angelaufen. Die für März geplante Eröffnung des Lokals wurde coronabedingt verschoben. Noch stehen die großen und kleinen Stühle verwaist in dem frischrenovierten Raum. Geplant ist, dass auch externe Restaurantgäste dort speisen können. Zwischen den Essenszeiten fungiert der Raum als großer Aufenthaltsraum mit Selbstbedienungsstation. „Dort können die Bewohner dann mit ihren Besuchern Kaffee trinken und Kuchen essen“, erklärt Daniel Huck. Man habe die große Küche aus dem stationären Betrieb behalten und ein junges Restaurant-Team engagiert, in dem auch Menschen mit Handicap arbeiten.

Die Küchen-Crew kocht auch für externe Veranstaltungen und solche, die in den hauseigenen Sälen stattfinden. Auch die Raumvermietung wurde von Corona stark ausgebremst, bedauert Huck. Im vierten Quartal des letzten Jahres mussten 80 Raumbuchungen für Konzerte, Konferenzen, Familien- und Weihnachtsfeiern abgesagt werden. Weiterhin beliefert die Küche aber Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen mit derzeit 500 Essen. Die jüngste Anschaffung, um solcher Mengen Herr zu werden: eine Kartoffelschälmaschine.

Auch der Terminkalender der Senioren zeigt derzeit ein großes Loch, aber zu Nicht-Corona-Zeiten können die älteren Hausbewohner an Aktivitäten teilnehmen wie Stadtfahrten, Stammtischen, Gymnastik oder Spieleabenden. Und die für 2020 geplanten Begegnungs-Feste wie Maifest oder winterlicher Budenzauber müssen ebenfalls bis 2021 warten. In der Zeit vor dem Virus gab es aber schon ein gemeinsames Christbaumschmücken und einen Faschingsball für Jung und Alt. „Die Generationen sind bereits ein Stück weit zusammengewachsen“, sagt Huck, „dieses Weihnachten haben die Kinder Bilder gemalt und den Senioren eingeworfen.“

Haben Spaß trotz Mundschutz: Seniorinnen und Senioren im Margaretha- und Josefinen-Stift. Im ehemaligen Seniorenheim sind jetzt mehrere Generationen unter einem Dach vereint.

Die Stadt im Haus – Wellness neben der Konferenz-Kapelle

Mit dem neuen Konzept wird das Margaretha- und Josefinen-Stift immer bunter. Die Räume stehen auch Vereinen und Einrichtungen zur Verfügung. So hallen die Klänge des Heimatvereins „Kemptener Meise“ durchs Haus und ein Kinder-Schachkurs hat hier genauso Platz wie das Büro des Bundesverbands für Clusterkopfschmerz, der Raum einer Yogalehrerin, oder Künstler mit ihren Ateliers. Die neuesten Mieter sind eine Friseurin und eine Masseurin. Beide konnten jetzt im Lockdown noch nicht öffnen. Neben ihren Räumen findet sich die Kapelle des Hauses, die künftig auch als Konferenzsaal genutzt werden soll. Geplant ist, den Altarbereich flexibel abtrennbar zu gestalten.

Im ersten Stock des Hauses haben sich verschiedene Einrichtungen angesiedelt, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten sind: die Rentenberatung des Bezirks Schwaben, das Zentrum für Pflege und Demenz der Stadt Kempten, die Anlaufstelle für ältere Menschen im Kemptener Norden und das Café Konfetti zur Entlastung pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz.

Als neuestes Projekt will Geschäftsführer Huck einen großen Mehrgenerationen-Spielplatz im Park bauen. Jung und Alt sollen dort ihre Koordination schulen und miteinander ins Gespräch kommen können. Geplant sind zum Beispiel ein Wackelparcours, eine Station zum Vögel beobachten und Geräte zum Klettern, Balancieren und Hangeln. Profitieren soll nicht nur die Einrichtung, sondern auch das umliegende Quartier. Weil durch den Lockdown viele Firmen ihre Werbe-Etats gestrichen haben, ist die Spenden-Akquise für den Spielplatz ins Stocken geraten. „Wer noch etwas spenden will, kann dies gerne über unsere Homepage tun“ (www.mj-stift.de/park-naturspielplatz.html), sagt Huck, der sich über jede Spende für das Projekt freut.

Aber schon jetzt fühlen sich die Bewohnerinnen und Bewohner wohl. „Die Gemeinschaft ist toll“, sagt Seniorin Marianne Fürgut, die seit Sommer im Stift lebt. Berta Pfennig pflichtet ihr bei: „Die Gemeinschaft hilft, sonst hab ich niemanden mehr.“ Alle seien nett und einfühlsam – bis hin zur Putzfrau. Voll im Trend liege die Freiheit, die das Haus bietet, findet ein Mann. Für ihn ist sein neues Heim die Zwischenstation zwischen dem eigenen Zuhause und dem Pflegeheim. Die Bewohner achten aufeinander. „Wenn jemand nicht zum Frühstück erscheint, merken das die anderen“, sagt er. Und auch seinen Enkeln gefalle es gut. Mit ihnen macht er derzeit das Homeschooling, für das die zwei Kinder zu ihm ins Margaretha- und Josefinen-Stift kommen.

Susanne Lüderitz

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