Die Standortfrage ist geklärt

Kemptener Stadtrat beschließt neue Stadtbibliothek mit vhs auf dem Schwaigwiesgelände

Die VHS , das heißt die Schwaigwiesschule weicht bald der Stadtbibliothek, Stand: März 2021
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Nun ist es beschlossene Sache: Auf dem Areal der Schwaigwiesschule soll die neue Stadtbibliothek mit vhs gebaut werden.

Kempten – Nach jahrelangen Diskussionen hat der Stadtrat vergangene Woche „einen unglaublichen Pflock eingeschlagen“, wie OB Thomas Kiechle den Beschluss zum künftigen Standort der Stadtbibliothek bezeichnete.

Und der soll gemeinsam mit der vhs in einem Neubau auf dem Schwaigwiesgelände sein. Dafür sprach sich der Stadtrat nach einer weiteren zweistündigen Debatte mit großer Mehrheit aus (Gegenstimmen von den UB/ödp-Räten Michael Hofer und Franz-Josef Natterer-Babych).

In der Endrunde ausgeschieden ist damit die Standortvariante Sparkassenquartier an der Königstraße und die per Antrag von FDP, Future for Kempten (FFK) und UB/ödp erneut ins Spiel gebrachte Variante Orangerie mit Neubau im Hofgarten, in dem die vhs ebenfalls untergebracht sein sollte. In der Diskussion spielte immer wieder die Stärkung der nördlichen Innenstadt eine zentrale Rolle, nicht zuletzt durch ein starkes Kulturangebot als attraktive Ergänzung zum möglichen Kulturquartier auf dem Areal der Allgäuhalle im Süden.

Zunächst aber wies Andrea Graf, Leiterin der Stadtbibliothek, nochmals auf die bestehende Raumnot hin, die keine Entwicklung zu einer modernen Einrichtung zulasse. Denn auch wenn die Ausleihzahlen konstant nach oben gehen würden, „sind wir kein reiner Ausleihbetrieb“, sondern u.a. auch Treffpunkt und Vermittler von Medienkompetenz. Mit ähnlichen Problemen sieht sich vhs-Geschäftsführer Peter Roth konfrontiert. Auch seine Einrichtung (zu der auch die Sing- und Musikschule sowie die Kunstschule in Lenzfried gehören) bewege sich zunehmend weg von traditionellen Angeboten, z.B. hin zu digitalen Medien oder auch Schülernachhilfe und -förderung.

So sei das Schwaigwiesgelände gegenüber der Realschule weiterhin der „ideale Standort“ direkt auf dem Weg der SchülerInnen zur ZUM und von dieser Zielgruppe wolle man ja mehr erreichen. Viele Angebote wären seines Erachtens in einem Gebäude mit der Bibliothek „leichter zu verzahnen“, hob er die vhs als idealen Ort „für gelebte Integration“ von allen Menschen, unabhängig von Herkunft oder Einkommen hervor. Durch den Neubau sei es zudem wieder möglich, die in der Vergangenheit viel genutzten Vortrags- und Mitmach-Angebote während der Festwoche durchzuführen, für die das jetzige Gebäude ja nicht mehr zugelassen sei. Beide Einrichtungen sind darüber hinaus derzeit nicht barrierefrei.

Laut Baureferent Tim Koemstedt wäre grundsätzlich sowohl am Standort Sparkassenquartier als auch auf dem Schwaigwiesgelände eine Stadtbibliothek realisierbar; die Kombination mit der vhs nur auf dem Schwaigwiesgelände, das zudem eine „sehr gute Erschließungssituation“ biete. Die Variante Sparkassenquartier käme Koemstedt zufolge 19,2 Millionen Euro teurer, u.a. wegen doppelter Abrisskosten und dem hier nötigen Grundstückserwerb. 2021 noch sollen Punkte wie Finanzierung und Förderfähigkeit geklärt werden, 2022 könnte das Wettbewerbsverfahren starten, in dem u.a. der Erhalt der Bäume und eine Tiefgarage als Ziel formuliert werden sollen, und „2025 ist als Baubeginn auf jeden Fall zu schaffen“, optional sogar 2024, so Koemstedt.

Während sich Graf vom künftigen Standort mehr Laufkundschaft verspricht, sieht Kiechle hier nicht nur einen neutralen und kommerzfreien Ort des Austausches, sondern einen Ort vor allem „des Lernens“ und „in doppelter Richtung barrierefrei“, da er allen Generationen zur Verfügung stehe.

Rund 30 Millionen Euro stehen für den Neubau im Raum. Wie im Kreisboten bereits zu lesen war, soll die Finanzierung die Sozialbau übernehmen. „Wir stehen gerne zur Verfügung, ein Finanzierungskonzept zu erarbeiten“ und das Projekt schnell zu verwirklichen, signalisierte Sozialbau-Chef Herbert Singer dem Stadtgremium. Denkbar sind für ihn beispielsweise eine Public Private Partnership (eine vertragliche Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und privatrechtlich organisierten Unternehmen) oder auch Mietkauf, wodurch das Gebäude für die Stadt praktisch vorfinanziert werde.

Ullrich Kremser (FDP), der den oben genannten Antrag pro Standort auf dem Platz der Städtepartnerschaft im Hofgarten und Orangerie nochmals vortrug, sah „viele neue Tatsachen“, seit dieser 2019 bereits abgelehnt wurde. Zwar seien auch die Argumente für das Schwaigwiesgelände gut, „aber wir wollen noch mehr für die nördliche Innenstadt tun“.

Dominik Tartler (FFK) wog die Für und Wider der nun wieder diskutierten zwei Standorte ab, die beide „definitiv sehr gut“ seien. Das Schwaigwiesgelände könne u.a. mit Schülerströmen punkten, dafür habe die Orangerie „mehr Atmosphäre“, sei „ein bisschen konsumfreier gestaltet“ und durch den direkt angrenzenden Spiel- und Bolzplatz familienfreundlich. Auch sah er weniger ein Problem darin, wie sich die Bibliothek auf dem Schwaigwiesgelände in die Festwoche einbringen könne, sondern darin, wie man sie währenddessen ganz normal nutzen könne. Sein Parteikollege Julius Bernhard bezweifelte darüber hinaus, dass dort „effektiv einem Baumschutz Rechnung getragen werden kann“. Auch er betonte, „kein Standort ist schlecht“, keiner perfekt, aus Sicht der FFK-Räte aber „die Orangerie besser“.

Michael Hofer (ödp) griff den Redebeitrag von Joachim Saukel (FW) auf, der als Beauftragter des Stadtrats für Stadtmarketing begrüßte, dass auf dem Schwaigwiesgelände ein „attraktives Kulturquartier“ entstehen soll, da die Stärkung der nördlichen Innenstadt aufgrund der zunehmenden Leerstände „zwingend notwendig“ sei. „Es erschließt sich mir nicht“, dass diese Stärkung in der südlicheren Standortvariante anstatt der nördlicheren Orangerie gesehen werde, wunderte Hofer sich.

Wie ihrem Parteikollegen Saukel schwebte auch der Kulturbeauftragten Annette Felberbaum ein „Kulturareal“ u.a. mit Stadtmuseum und der Orangerie vor und sie sah „die große Chance, die Belebung der Innenstadt voranzubringen“.

Ingrid Vornberger (SPD) ermahnte die Nostalgiker im Gremium, dass es hier „nicht um Kindheitserinnerungen geht“, sondern um den besten Standort. Den sah auch FW-Stadtrat Andreas Kibler auf dem Schwaigwiesgelände, weil dort „beide Institutionen gut untergebracht sind“. Katharina Schrader (SPD) konnte sich vorstellen, auf die Tiefgarage zu verzichten, um „noch den ein oder anderen Baum zu retten“. Parkplätze seien dort genügend vorhanden.

Lajos Fischer (Die Grünen) erachtete eine „Charmeoffensive“ für notwendig, um die emotional mit der Orangerie verbundene Bevölkerung für ein neues Gebäude zu begeistern.

Noch zu früh war es für Aussagen zu Anfragen Hofers, der die Finanzierung im Blick behalten wollte. Unter anderem wollte er wissen, wie hoch die staatlichen Zuschüsse wären, wenn die Stadt Bauherr wäre und ob diese verloren gehen, wenn die Sozialbau die Bauherrschaft übernimmt.

Abgelehnt wurde am Ende nicht nur der Antrag von FDP/FFK/ödp, der sich laut OB Kiechle „gegen jede fachliche Expertise“ richte. Auch die AfD-Stadträte scheiterten mit ihrem Antrag, ein Ratsbegehren durchzuführen, das sie angesichts der „schweren Wirtschaftskrise“ und der hohen Kosten für die neue Stadtbibliothek für notwendig erachteten. Nun komme, wie Walter Freudling (AfD) meinte, „nur noch ein echter Bürgerentscheid in Frage.“

OB Thomas Kiechle versprach, dass im weiteren Prozess die Bevölkerung mit einbezogen werde, was die weitere Nutzung der Orangerie betrifft.

Christine Tröger

Kommentar:

Die Würfel sind gefallen und nach jahrelangen Diskussionen wurde es auch Zeit. Das Aus für den Standort Sparkassenquartier ist sicher unumstritten. Auch wenn der Standort Orangerie/Hofgarten als Außenseiter erneut ins Spiel gebracht und abgelehnt wurde, hätte er eine Reihe nicht zu vernachlässigender Qualitäten zu bieten. Aber vor allem: manches Argument pro Schwaigwiesgelände könnte sich bei näherem Hinsehen als substanzloses Scheinargument oder Wunschtraum entpuppen. Wohlgemerkt: Könnte. Muss nicht. Dass SchülerInnen nach stundenlangem Unterricht erst noch in der Bibliothek oder vhs einen „Weiterbildungsstopp“ einlegen, bevor sie ein paar Meter weiter in den Bus nach Hause steigen oder ihre Kumpels treffen – eher unwahrscheinlich. Da erscheint fast realistischer, dass der neue Standort der Polizei am Pfeilergraben künftig ein deutliches Plus an bildungswilliger Kundschaft in Richtung Orangerie/Hofgarten beschert.  Viel abenteuerlicher aber ist die Annahme, man könnte mit Bibliothek, vhs, Stadtmuseum und Orangerie etc. ein kulturelles Gegengewicht zum diskutierten Kulturquartier Allgäuhalle schaffen. Erfahrungsgemäß hätte das eher Chancen mit einer Bibliothek/vhs-Kombination am Standort Orangerie/Hofgarten. Denn alles andere als neu, wirkt die Residenz wie ein Riegel und die seit Jahren mühsamen Versuche, Menschen für Dinge dahinter zu begeistern, bleiben bislang eher überschaubar. Wenn aber Attraktionen mit einem neuen und massentauglichen ‚Highlight‘ dahinter liegen, werden sich die Leute eher dorthin bequemen. Die vhs läge auf einer angenehm zu Fuß begehbaren Achse zur zugehörigen Sing- und Musikschule, der Kunsthalle, dem Alpinmuseum im Marstall und dem Jugendhaus. Alles sich gegenseitig befruchtende Einrichtungen. Und auf dem Weg in die Innenstadt – zwangsläufig über die nördliche Innenstadt wohlgemerkt – liegen auf der einen Seite Lorenzbasilika, Residenz und Stadtmuseum, auf der anderen Seite Stadttheater und die historische Altstadt. Unbeantwortet blieb auch die Frage, wie eine Bibliothek auf dem Schwaigwiesgelände während der Festwoche (inklusive Auf- und Abbauzeit) genutzt werden kann, von dem Ort der Ruhe ganz zu schweigen. Ob sich die Menschen im Sommer insgesamt gern in ein schallgedämmtes Gebäude zurückziehen? Auch die Anbindung an die ZUM ist zur fünften Kemptener Jahreszeit eher mit Umwegen verbunden und das Parkplatzangebot auf dem Königsplatz schmilzt ebenso. Gottlob gibt es wie wir wissen keine Probleme, sondern nur Lösungen. Christine Tröger

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